Nach Rekordzuwächsen 2010 und 2011 EMS-Industrie auch 2012 weiter auf Wachstumskurs

Dr. Uwe Schmidt-Streier, Flextronics SBS Germany: »Wir haben bislang weder Auftragsstornierungen noch drastische Forecastabsenkungen als Vorboten einer heranziehenden Krise zu verzeichnen. Allerdings sind die Märkte sehr nervös, und es besteht daher die Gefahr, dass singuläre Ereignisse überinterpretiert werden und dann zu der von vielen herbeigeredeten Krise führen.«
Dr. Uwe Schmidt-Streier, Flextronics SBS Germany: »Wir haben bislang weder Auftragsstornierungen noch drastische Forecastabsenkungen als Vorboten einer heranziehenden Krise zu verzeichnen. Allerdings sind die Märkte sehr nervös, und es besteht daher die Gefahr, dass singuläre Ereignisse überinterpretiert werden und dann zu der von vielen herbeigeredeten Krise führen.«

Die EMS-Branche zeigt sich robust gegenüber der Euro-Schuldenkrise. Viele EMS-Firmen konnten 2011 das Rekordjahr 2010 noch einmal um 10 bis über 20 Prozent übertrumpfen. Und auch für 2012 rechnen die Auftragsfertiger wieder mit Wachstum - allerdings größtenteils nicht mehr im zweistelligen Bereich.

Von Katerstimmung nach der großen »Sause« des Rekordjahres 2010 ist bei den EMS-Unternehmen offenbar nichts zu spüren: Auch 2011 erreichten die von Markt&Technik befragten Auftragsfertiger ihre durchschnittlich anvisierten Wachstumsziele von 10 bis 20 Prozent ohne Probleme. Hinter dem Erfolg der EMS-Firmen stehen in der Hauptsache neue Anwendungsfelder, aber auch das Bestandsgeschäft hat bei vielen Befragten merklich zugelegt.

Einer der Wachstumsmotoren ist der Automotive-Sektor, aber auch klassische Segmente wie die Industrieelektronik, Medizinelektronik oder die Bahntechnik sorgen nach wie vor für volle Auftragsbücher der EMS-Firmen. Und mit einer besorgniserregenden Wende rechnen die EMS-Firmen allen Unkenrufen zum Trotz auch für 2012 zum jetzigen Zeitpunkt nicht. »Die negativen Schlagzeilen rund um die Euro-Schuldenkrise passen nicht zu unserer aktuellen sehr positiven Unternehmenslage«, bringt es Markus Hertkorn, Geschäftsführer von Rawe Electronic, auf den Punkt. 2011 war für RAWE eines der besten Jahre in der 40-jährigen Firmengeschichte. Nach einer Steigerung von 20 Prozent im Jahr 2010 konnte die EMS-Firma im vergangenen Jahr ihren Umsatz noch einmal um 13 Prozent steigern.

Ähnlich erfolgreich verlief das Geschäftsjahr 2011 bei vielen EMS-Unternehmen. So meldet Flextronics für die ersten drei Quartale 2011 ebenfalls einen Zuwachs von 13 Prozent. Turck duotec konnte 2011 insgesamt sogar um über 22 Prozent zulegen, und das obwohl der EMS-Dienstleister der Turck Gruppe bereits 2010 ein sattes Plus von 20 Prozent verbucht hat. Aber nicht nur die größeren EMS-Unternehmen haben satte Zuwächse vorzuweisen, sondern auch die kleineren Fertiger wie das Beispiel der cms electronics zeigt: Das österreichische Fertigungsunternehmen konnte seinen Umsatz 2011 noch einmal um mehr als 20 Prozent steigern. Bemerkenswert, denn bereits 2010 hatte cms electronics 50 Prozent oben »draufgepackt«. Ähnlich erfolgreich verlief das Geschäftsjahr mit einem Plus von 30 Prozent zum Beispiel auch für die noch junge EMS-Firma Profectus, dem Nachfolgeunternehmen der Paragon Firstronic.

Auch das von vielen mit Spannung erwartete vierte Quartal hat die positive Bilanz der EMS-Firmen nicht verhagelt, wenn auch die Bilanz in diesem Punkt gemischt ausfällt: von leichtem Rückgang über »stabil« bis hin zu »Rekordniveau« lauten die Aussagen der Befragten. So bezeichnete Dr. Uwe Schmidt-Streier, Geschäftsführer von Flextronics SBS Germany, den Auftragseingang im vierten Quartal zum Zeitpunkt der Befragung Mitte Dezember 2011 als erfreulich stabil: »Bis auf wenige Ausnahmen bewegen sich bei unseren Kunden die konkreten Auftragseingänge als auch die langfristigeren Forecasts auf gleichem Niveau wie in den vergangenen Quartalen.« RAWE Electronic und cms electronics steuerten im vierten Quartal sogar weiter auf Rekordkurs.

In den meisten Fällen gilt aber: Der Auftragseingang im vierten Quartal spiegelt recht deutlich den »Übergang zur Normalität« wider, wie es Detlef Schneider, Geschäftsführer von TQ, zusammenfasst. Und dieser resultiert zum großen Teil nicht aus den makroökonomischen Rahmenbedingungen und der Euro-Schuldenkrise, sondern ist schlichtweg das logische Ergebnis einer zyklischen Marktentwicklung.

Dementsprechend sind die Verantwortlichen der befragten Unternehmen auch für 2012 positiv gestimmt, auch wenn in diesem Jahr keine neuen Rekordergebnisse zu erwarten sind, sondern Zuwächse im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Bereich. Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik, geht davon aus, »dass nach dem ersten Quartal eine Beruhigung auf einem hohen Gesamtniveau eintreten wird.« Wie hoch dieses Gesamtniveau der Branche letztlich sein wird, lässt sich zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht seriös vorhersagen und schon gar nicht über einen Kamm scheren. Die Planzahlen der EMS-Unternehmen klaffen derzeit merklich auseinander. TQ zum Beispiel erwartet ein Plus von 3 bis 5 Prozent, Turck duotec plant mit 5 bis 10 Prozent Zuwachs. Helmut Bechtold, geschäftsführender Gesellschafter von Profectus, rechnet für sein Unternehmen mit einem »moderaten Wachstum im zweistelligen Bereich«, und cms electronics plant erneut mit einer Wachstumsspitze von 20 bis 25 Prozent. Deutlich konservativer hingegen steckt BMK sein Wachstumsziel für 2012: »Wir wollen auf einem vergleichbaren Niveau wie 2011 abschließen«, so Waldemar Christen, Leiter Vertrieb und Marketing von BMK. Allerdings jagte BMK in den letzten Jahren von einem Rekordergebnis zum nächsten, was die zurückhaltende Planung für 2012 wieder etwas relativiert.