Plexus in Europa »EMEA ist für Plexus ein Schlüsselmarkt«

Plexus ist kein ODM

Welche Projekte sind das zum Beispiel?

Ein Beispiel ist der tragbare Gasdetektor, den wir gemeinsam mit unserem Kunden entwickelt haben. Das System kann selbst kleinste Konzentrationen verschiedener Gase in der Luft erfassen und aufgrund seiner kompakten Größe direkt vor Ort in Raffinerien und Chemieanlagen eingesetzt werden. Hier war es besonders spannend, die Basistechnologie für diese Gasmessung in eine mobile Lösung umzuwandeln und erste Prototypen in kürzester Zeit herzustellen. Das Projekt ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Idee durch enge Zusammenarbeit und flexibles Projektmanagement umgesetzt werden kann.

Ein weiteres Beispiel ist ein Unterdruck-Wundtherapiegerät, für das wir die komplette Produktentwicklung übernommen haben. Ein Knackpunkt war dabei die Stromversorgung. Da es sich um ein tragbares Gerät handelt, musste der Batteriebetrieb über einen längeren Zeitraum sichergestellt werden. Das Darmstädter Team erstellte zunächst mittels 3D-Druck ein erstes Modell. Sämtliche Elektronik-Prototypen wurden in unserem Rapid Prototyping Center in Livingston, Scotland, hergestellt. In enger Zusammenarbeit mit dem Team unseres Kunden haben wir es in weniger als zwölf Monaten vom Konzept zu einem fertigungsreifen Produkt geschafft.

Viele Kunden wollen hierzulande Entwicklung und Fertigung im hochpreisigen Segment aus einer Hand. Warum gibt es nach wie vor keinen Fertigungsstandort – wenigstens für Kleinserien und Serienanläufe in Deutschland?

Die Nähe zum Produktionsstandort kann eine Rolle spielen, ist aber nicht immer entscheidend für Unternehmen. Oft ist das oberste Ziel eine kosteneffiziente Fertigung, unabhängig davon, ob die Produktion in einem Niedriglohnland oder in einem Land angesiedelt ist, das so nah wie möglich am Endkundenmarkt liegt. Bei anderen Projekten gilt es, technisch komplexe Aufgaben zuverlässig zu erfüllen und strenge Richtlinien einzuhalten, um Zertifizierungen zu erhalten. Zu unserer strategischen Aufstellung kann ich momentan so viel sagen: Wir sind sehr zufrieden mit unserem Wachstum, sowohl in Darmstadt als auch in ganz EMEA. Und wir werden auch zukünftig unsere Services an den Anforderungen unserer Kunden ausrichten.

In Schottland wurde mit dem Ausbau der Fertigung kräftig investiert. Wie ist Plexus aus kontinentaler Sicht für den Brexit gerüstet?

Die globale Präsenz von Plexus ist hier sicherlich ein großer Vorteil und gibt uns ein hohes Maß an Flexibilität. Da wir sowohl europaweit als auch global breit aufgestellt sind, können wir unsere Kunden überall dort unterstützen, wo sie ihre Produkte regional auf den Markt bringen. Dies ist auch einer der Gründe, warum wir unsere Standorte kontinuierlich ausbauen.

Betrachten Sie sich eher als Entwicklungsdienstleister oder als Fertigungsdienstleister mit Entwicklungskompetenz?

Engineering ist ein entscheidender Faktor und ein wichtiger Teil unseres Wachstums. Der Wert einer Partnerschaft mit Plexus ist, dass wir ein echter „Full Value Stream“-Partner sind. Als EMS-Dienstleister waren wir nie „nur“ für die Produktion verantwortlich. In vielen Fällen sind wir von Anfang an in das Engineering eingebunden. Immer mehr Unternehmen übergeben uns auch Aftermarket-Services als Partner. Die Aufteilung in Entwicklungspartner und Auftragsfertiger ist in der Praxis und bei der Realisierung eines Produktes überhaupt nur schwer zu bewerkstelligen. Wenn Hersteller beispielsweise die niedrigsten Gesamtkosten erreichen wollen, ist es absolut notwendig, dass unsere Experten in der Entwicklung, Fertigung und Supply-Chain auch zusammenarbeiten und bei jedem Schritt der Produktrealisierung untersuchen, wo es Optimierungsmöglichkeiten gibt. „Design for Manufacturing“ ist ein klassisches Beispiel und stellt sicher, dass bei der Entwicklung eines Produkts die Produktion bereits berücksichtigt wird.

Tritt Plexus auch als ODM (Original Design Manufacturer) mit eigenen Produkten in Erscheinung?

Plexus ist kein ODM. Wir sind stolz darauf, ein enger strategischer Partner für unsere Kunden zu sein und wollen nicht mit ihnen konkurrieren. Die Kunden behalten das Intellectual Property für alles, was wir für sie entwickeln – das ist bei einem ODM-Partner nicht der Fall.

Abschließend: Ihre Meinung zur aktuellen Marktsituation für EMS in Deutschland und Zentraleuropa? Wo liegen die Herausforderungen aus Ihrer Sicht?

Die Nachfrage nach Full-Value-Stream-Partnern und zusätzlichen Services steigt, insbesondere bei komplexen Produkten. Unternehmen konzentrieren sich auch klugerweise auf die Total Cost of Ownership, indem sie Lösungen in Westeuropa mit Dienstleistungen von kostengünstigeren Standorten an Orten wie Osteuropa und APAC kombinieren. Mit fortschreitender Digitalisierung wird die Notwendigkeit von Cyber-Sicherheit und Datenschutz immer dringlicher. Insbesondere in der Partnerschaft von OEMs und EMS-Dienstleistern werden solche Risiken weiterhin im Vordergrund stehen. Eine Partnerschaft kann hier helfen, diese Risiken zu reduzieren.