Forum Obsoleszenzmanagement Durch das Schockjahr 2018 beflügelt

Eine Expertenrunde diskutierte über die aktuellen Herausforderungen und welche Rolle Obsoleszenzmanagement dabei spielt.
Eine Expertenrunde diskutierte über die aktuellen Herausforderungen und welche Rolle Obsoleszenzmanagement dabei spielt.

Im vergangenen Jahr erlebte das Obsoleszenzmanagement einen Aufschwung – wegen schwer verfügbarer Bauelemente und Abkündigungen ganzer Serien rückte das Thema erstmals ins Blickfeld vieler Unternehmen. Wie sich die Situation aktuell darstellt, diskutierte eine Expertenrunde bei der Markt&Technik.

»Ich kann Obsoleszenz nicht verhindern. Die Frage ist aber: Wie gehe ich damit um?« bringt Axel Wagner, Head of Department Compliance von Würth Elektronik eiSos, das Problem auf den Punkt. Denn Obsoleszenz beschäftigt die Industrie durchweg, hat aber in den vergangenen zwei Jahren nochmal an Brisanz gewonnen. Eine der größten Herausforderungen war die Knappheit an Bauelementen, allem voran bei den mehrschichtigen Keramikkondensatoren (Multilayer-Ceramic-Capacitors, MLCCs), die die Industrie vor Probleme gestellt, aber gleichzeitig vielerorts erst aufgeweckt hat: »Das Schockjahr 2018 rückte das Thema Obsoleszenzmanagement wieder in den Fokus«, wie es Anke Bartel, Regional Product Manager EMEA von Velocity Electronics, ausdrückt.

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Markt&Technik-Forum »Obsolescence Management«

Zitate aus der Diskussionsrunde »Obsolescence Management« der Markt&Technik.

So bemerkt Michael Geirhos, Head of Material Group Procurement von BMK, bereits ein Umdenken auf dem Automobilmarkt, dem bisher das Bewusstsein für Obsoleszenz fehlte. »Der EMSler entscheidet mittlerweile viel mehr mit bei der Auswahl von Bauteilen – vor allem auch die Automobilhersteller hören hier jetzt viel stärker zu und fordern Rat ein.« Dr. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von GMP German Machine Parts und D+D+M, meint dazu: »Die Automobilindustrie muss sich ganz gezielt und viel stärker als bisher mit diesem Thema beschäftigen und ich bin gespannt, wie schnell das geht.« Auch in der Forschung ist die Thematik jetzt angekommen, genauer in der Kreislaufwirtschaft. Davon erhofft sich Dieter Paatsch, Electronic Components Manager von Festo, neue Impulse und sieht großes Potenzial in zukünftigen Aktivitäten: »Eine spannende Entwicklung!«

Das zunehmende Interesse in Bezug auf Obszoleszenz-Daten, auch schon in der Designphase, bestätigt Jens Arnold, Geschäftsführer von beflex. »Fast wöchentlich kommen hierzu Anfragen von Kunden.« Dies schafft wiederum neue Probleme: »Der Aufwand ist enorm, die Vielzahl der Produktänderungs- und Abkündigungsmitteilungen überrennt uns. Wir werden von einer Hülle und Fülle an Daten getroffen, die einfach nicht vorhersehbar sind. Und das macht uns eigentlich die meisten Bauchschmerzen. Auf alles andere kann man proaktiv reagieren.« 

Kein Ende in Sicht
Dass die Anzahl der Produktänderungsmitteilungen (PCNs, Product-Change-Notifications) auch weiterhin hoch sein wird, belegt Dr. Jörg Berkemeyer von IHS Markit anhand aktueller Zahlen der IHS-Datenbank. So wurden in Q4/2018 etwa 225.000 PCNs und End-of-Life-Dokumente versandt. Im Vergleich: In Q4/2017 waren es dem Experten zufolge etwa 215.000 PCNs, 2014 hingegen noch 180.000. »Wir sehen nicht, dass weniger Arbeit auf die Leute zukommt oder dass die Zahl viel geringer wird«, so Berkemeyer. 

Generell teilen die Diskussionsteilnehmer die Sicht, dass das Niveau der versandten PCNs und PDNs konstant hoch ist. Bei BMK etwa blieb die Zahl der Produktabkündigungsmitteilungen (PDNs) auf hohem Niveau, allerdings habe sich die Art der Änderungen verschoben, bemerkt Geirhos. »Gravierende Änderungen am Bauteil haben um 10 Prozent zugenommen. Waren es im Jahr zuvor noch Fertigungsverlagerungen oder Verpackungsänderungen, sind es jetzt vermehrt Abkündigungen oder Dinge, die sich funktionell auf die Bauteile auswirken.« 
Heinbach verzeichnete in seiner Datenbank 2018 1700 Abkündigungsmitteilungen (PDNs, Product Discontinuance Notice), 2002 waren es noch 109. »Insgesamt werden wir etwa 9500 PCNs und PDNs dieses Jahr sehen.« Interessant sei dabei die Gesamtzahl der Bauelemente. Kündigen Hersteller eine ganze Serie ab, handelt es sich zwar oft nur um einen Eintrag, dahinter verbergen sich aber große Mengen an Bauteilen. 

Der einsame Wolf ist passé
Um dieser Masse Herr zu werden, ist es seiner Meinung nach notwendig, Standards zu etablieren und diese international umzusetzen. »Die Lonely-Cowboy-Mentalität ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen zusammenarbeiten und gemeinsam Standards etablieren, wir müssen diese Standards einbringen und sie mit Leben füllen. Und nur dann sind wir ein Gegengewicht zur Industrie und haben Möglichkeiten, strategisch und konzeptionell mit dem Thema umzugehen. Davon bin ich überzeugt. Und das ist es auch, was wir in der COGD als auch in der IIOM letztendlich beabsichtigen.«
Im Rahmen der Verbandsarbeit der Component Obsolescence Group Deutschland (COGD) soll etwa das XML-basierte maschinenlesbare smartPCN-Kommunikationsformat weiter vorangetrieben werden. Als German Chapter des International Institute of Obsolescence Management (IIOM) streben die Verbandsmitglieder eine internationale Standardisierung von smartPCN an. Dadurch soll sich der manuelle Aufwand im Umgang mit PCNs stark reduzieren, bestätigt Paatsch: »Jede einzelne durchgerutschte PCN kann einen Millionenschaden verursachen. Mit der Investition in eine digitale PCN-Kommunikation reduzieren sich die Arbeitsaufwände drastisch. Zurückhaltend gerechnet haben wir zum Beispiel ein Einsparungspotenzial von etwa 40.000 Euro im Jahr.« 

Auch Rutronik hat letztes Jahr angefangen, smartPCN-Daten umzusetzen und dem Kunden zur Verfügung zu stellen. »Wir sind ready«, so Andreas Glaser, Head of Technical Quality Management von Rutronik. »Im digitalen Zeitalter ist es weder zielführend noch wirtschaftlich, Daten händisch zu bearbeiten. Im nächsten Schritt werden wir deshalb auf unsere Hersteller zugehen und die Daten bereits digital einfordern.« Aktuell laufe die Bearbeitung noch teilautomatisiert. »Ideal wäre es, wenn uns die Hersteller die Daten in smartPCN zur Verfügung stellen können.«