Productware feiert drei Dekaden »Die Mitarbeiter sind unser höchstes Gut«

Herbert Schmid, productware

»Mitarbeiter sind für uns als KMU ein großes Betriebskapital und sicher unser höchstes Gut. Alle Mitarbeiter sind in ihren Funktionen für uns gleich wichtig. Wir sind immer sehr schockiert darüber, wenn wir hören, dass große Konzerne über Mitarbeiter oder Mitarbeitergruppen als „Ballast“ sprechen.«
Herbert Schmid, productware: »Mitarbeiter sind für uns als KMU ein großes Betriebskapital und sicher unser höchstes Gut. Alle Mitarbeiter sind in ihren Funktionen für uns gleich wichtig. Wir sind immer sehr schockiert darüber, wenn wir hören, dass große Konzerne über Mitarbeiter oder Mitarbeitergruppen als „Ballast“ sprechen.«

Nach vielen Jahren als „Hausfertiger“ für die Controlware-Gruppe hat sich productware inzwischen zu einem etablierten EMS-Dienstleister mit breitem Kundenspektrum entwickelt und blickt auf 30 Jahre bewegte Geschichte.

Herbert Schmid, Geschäftsführer und Mitgründer des Unternehmens, im Markt&Technik-Interview.

Markt&Technik: Wie hat sich der EMS-Markt seit der Gründung von product­ware im Jahr 1988 verändert?

Herbert Schmid: Mit Gründung 1988 waren wir ja noch kein typischer EMS. productware entstand als Nachfolgegesellschaft von Dolch Logic Instruments und war als Produktionsfirma für Digital Logic Instruments, ebenfalls einer Nachfolgegesellschaft der Dolch Logic Instruments, tätig. Wir haben also erst einmal weiterhin Logikanalysatoren gebaut. Parallel dazu haben wir für die Controlware GmbH Telekommunikationsprodukte zum Aufbau nationaler und internationaler Backup-Netze via ISDN hergestellt. Die Controlware war in direkter Nachbarschaft zu uns angesiedelt, hatte keine eigene Fertigung und der damalige Geschäftsführer der Controlware, Herr Helmut Wörner, war auch Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der neu gegründeten productware. Bis 2001 waren wir dann als Exklusivlieferant für Controlware selbst und verbundenen Unternehmen der Controlware-Gruppe mit mehr als 90 Prozent ausgelastet. Eines unserer Hauptprodukte waren ISDN-Backup-Switches zur Absicherung von Standleitungen.

Das Geschäft lief so lange gut, bis in den Jahren 2000/2001 die Technologieblase des neuen Marktes geplatzt ist und die gesamte IT-Branche drastische Umsatzeinbußen hinnehmen musste. Wir waren dann gezwungen, uns sehr kurzfristig einem Fremdkundenmarkt zu öffnen. In dieser Zeit mussten wir uns von etwa der Hälfte unserer Mitarbeiter trennen und hatten heftige Umsatzeinbrüche. Von über 21 Millionen Euro im Jahr 2000 sank der Umsatz auf kleiner 7 Millionen Euro in 2002. Das war mit Abstand meine schlimmste Zeit bei productware. Wir waren aber technologisch sehr gut aufgestellt und haben es in einem sehr kurzen Zeitraum geschafft, Fremdkunden zu akquirieren. Ab diesem Zeitpunkt war productware dann ein klassischer EMS.

Das Unternehmen Controlware gibt es ja noch – gibt es weiterhin Geschäftsbeziehungen?

Die Controlware ist inzwischen einer der großen Systemintegratoren in Deutschland, hat aber keine Eigenprodukte mehr, also auch keinen Bedarf mehr an EMS. Wir haben im Back-Office noch Schnittstellen, etwa bei den Personaldienstleistungen, da sowohl Controlware wie auch productware der Controlware-Holding GmbH angehören. Ansonsten gibt es aber keine nennenswerten Geschäftsbeziehungen zu Controlware mehr.

Es gibt, Stand heute, zwei Geschäftsführer bei der productware. Wie teilen Sie die Geschäftsführung auf?

Herr Balling verantwortet den kaufmännischen und ich den technischen Bereich. Ich arbeite seit einigen Jahren aus privaten Gründen jedoch nur noch Teilzeit bzw. drei Tage die Woche bei productware. Das operative Geschäft habe ich seit dieser Zeit an unseren Betriebsleiter und Prokuristen, Herrn Matthias Hunkel, übertragen, den man somit auch als meinen Nachfolger im Bereich Technik betrachten kann, wenn ich aus Altersgründen aus dem Unternehmen ausscheiden werde. Ein genauer Termin hierzu ist aber noch nicht fix.

Kommen wir nochmal auf Veränderungen im EMS-Markt zurück. Wie hat sich das Auftragsfertigungsgeschäft in den letzten beiden Jahrzehnten gewandelt?

EMS wurden seinerzeit häufig mit einer verlängerten Werkbank gleichgesetzt. Die Auftraggeber haben meist das ganze Material beigestellt. Das heißt, anfangs haben wir mit beigestelltem Material gearbeitet. Insofern waren aber auch die Akquisezeiten sehr kurz. Der Kunde hatte das Material schon bereit und konnte das umgehend an den Dienstleister liefern. Wir haben damals ausschließlich elek­tronische Flachbaugruppen und kleinere Systeme bei uns produziert. Heute bieten wir alle gängigen Kerndienstleistungen des EMS an und darüber hinaus auch sehr viele Zusatzdienstleistungen bzw. Zusatznutzen.

Zum Beispiel?

Wir übernehmen für die Kunden beispielsweise das Obsolescence-Management und zeigen unseren Kunden auf, wo sich Probleme im Produktlebenszyklus der Bauelemente ergeben oder sprechen Second-Source-Vorschläge aus. Bis auf wenige Ausnahmen verzichten unsere Kunden daher auf ein eigenes Obsolescence-Management und vertrauen ganz auf uns. Weiterhin bieten wir Entwicklung, Design, NPI, DfM, DfT, DfC usw.

Lassen sich solche Sonderleistungen denn inzwischen auch vermarkten?

Ursprünglich haben wir die Lebenszyklusanalyse zu unserem Eigennutzen eingeführt und dann sukzessive vermarktet. Die Kosten für einen Obsolescence-Management-Prozess, z.B. in den Bereichen Personal oder Datenbanken, sind erheblich. Über Basisleistungen hinausgehende Services berechnen wir daher inzwischen. Darüber hinaus betreuen wir auch Kunden, die ansonsten von uns keine Bestückung beanspruchen. Diese beauftragen uns ausschließlich mit dem Obsolescence-Management oder der Veredelung von Stammdaten, indem sie uns ihre Stücklisten zum Check, zur dauerhaften Überwachung oder Bearbeitung schicken. Das sind zum Teil nicht nur KMUs, sondern auch deutlich größere und namhafte Firmen.

Das Obsolescence-Management ist inzwischen also eine Art USP für uns. Zumindest bestätigen uns unsere Kunden, dass diese Leistung für sie sehr hilfreich ist bzw. sie das woanders so nicht erhalten.

Warum ist Ihrer Ansicht nach der Bedarf an Obsolescence-Beratung in den letzten Jahren gestiegen?
Ein Aspekt ist sicher auch die Tatsache, dass immer mehr Bauteile aus der Consumer-Industrie in der klassischen Industrie eingesetzt werden. Es ist schon so, dass wir Kunden bisweilen „missionieren“ möchten, unsere Erfahrungen sind aber, dass das immer weniger möglich ist. Die Kunden wollen die technologische Innovation solcher Bauteile nicht missen, aber die Lebenszyklen sind oftmals sehr gering. Hinzu kommen außerdem häufige Beschaffungsschwierigkeiten.

Welche Marktsegmente und Seriengrößen gehören heute zu Ihren Schwerpunkten?

Wir bedienen einen Markt, der von den Branchen her so weit alles abbildet bis auf Consumer und Automotive, es sei denn es handelt sich um Nischenapplikationen im Automotive-Segment. Unsere typischen Märkte sind Broadcasting, Messtechnik, Embedded Computing, Bahntechnik, Avionics bis hin zur Medizintechnik.

Von den Stückzahlen her fertigen wir eher kleinere Stückzahlen, wobei der Umfang immer branchenabhängig ist. Im Avionics-Bereich können das z.B. 25 Stück sein, in anderen Segmenten bewegen wir uns bei 100 bis 500 Stück je Fertigungslos. Aber aufgrund unserer Maschinenausstattung – inzwischen fertigen wir mit Fuji-NXP-III-Maschinen – sind wir natürlich auch in der Lage, größere Stückzahlen von 5000 oder 10.000 abzubilden.