Interview mit Gerd Ohl, Limtronik »Die EMS-Industrie muss zusammenhalten!«

Gerd Ohl, Limtronik: „Kein EMS-Unternehmen ist eine Insel. Wir müssen uns gegenseitig aufbauen und zusammenhalten. Sicherlich ist ein Wettbewerb da, aber wenn wir eng zusammenstehen, können wir uns gegenseitig stärken.“

Nur fünf Monate nach dem Antrag auf ein Schutzschirmverfahren ist der Elektronikdienstleister und Smart-Fab-Vorreiter Limtronik seit 20. April saniert. In Rekordzeit konnte das Unternehmen wieder durchstarten. An Projekten mangelt es trotz der Coronakrise nicht, versichert Geschäftsführer Gerd Ohl.

Markt&Technik: Am 11. 11. – ein einprägsames Datum – haben Sie das Schutzschirmverfahren für Ihr in meiner Wahrnehmung erfolgreiches und fortschrittliches Unternehmen eingeleitet. Wie kam es dazu?

Gerd Ohl: Aus unserer Konzernvergangenheit haben wir sehr viele Altlasten mitgenommen. Einige konnten wir über die Jahre bereinigen und sogar in Vorteile verwandeln; jedoch waren die übernommenen Pensionsverbindlichkeiten letztendlich einfach zu hoch, um diese auch mittelfristig auf ein erträgliches Niveau zu senken. Unter anderem durch die seit Langem andauernde Niedrigzinsphase wurde dies zu einer enormen Belastung und machte ca. 80 % der Bilanzsumme aus. Hinzu kam, dass einer unserer Kunden eine Zweitlieferantenstrategie aufbaut und ein weiterer Kunde künftig auf Eigenfertigung setzt.

Aufgrund dieser Faktoren mussten wir reagieren und haben uns dazu entschlossen, ein Schutzschirmverfahren zu beantragen. Wir wussten natürlich nicht, was auf uns zukommt, und hatten Bedenken, wie unsere Kunden reagieren würden. Aber die Gespräche mit Kunden und Partnern waren überwiegend sehr positiv und partnerschaftlich. Unsere Offenheit wurde sehr geschätzt, und das hat uns getragen und aufgebaut.

Sie konnten während dieser Zeit sogar einen Neukunden überzeugen.

Ja, richtig. Ein wichtiger Akquisetermin fiel in die Zeit des Schutzschirmverfahrens. Auch hier wurde unsere Offenheit belohnt und wir konnten dieses Unternehmen von unserer Kompetenz überzeugen.

Das Schutzschirmverfahren ist inzwischen abgeschlossen?

Korrekt, allerdings warten wir noch auf die schriftliche Urteilsverkündung. Wir konnten die Sanierung relativ schnell umsetzen. Die Grundlage hierfür ist neben den eingeleiteten und erfolgreich durchgeführten Sanierungsmaßnahmen das Votum der Gläubiger zu dem von uns vorgeschlagenen Insolvenzplan. Mit den Gläubigern haben wir uns hierüber einstimmig geeinigt. Allen Gläubigern, vom Pensionssicherungsverein, welcher der größte Gläubiger war, bis zu den Lieferanten stand der Erhalt der Arbeitsplätze und ein umsetzbares Sanierungskonzept im Vordergrund.

Sind alle Kunden auch nach dem Schutzschirmverfahren weiter aktiv?

Wir haben, wie gesagt, einen Kunden verloren, aber das hatte im Wesentlichen einen anderen Grund. Der Firmeninhaber hatte verkauft und der neue Eigentümer wird mit dem angestammten Dienstleister weiter arbeiten. Ein weiterer Kunde setzt in Zukunft auf Eigenfertigung.

Limtronik ist die Demo-Fabrik des Smart Factory e.V. Welche Rolle spielt die Digitalisierung im Sanierungsplan?

Die Digitalisierung wird nach wie vor ein großes Gewicht haben. Die Grundstruktur steht, aber in puncto Digitalisierung ist noch vieles denkbar.

Was zum Beispiel?

Beispielsweise wären Plattformen, auf denen Einkaufsleistungen vernetzt sind, in Zukunft auch für Produktionen denkbar.

Konkret: Wie haben Sie Ihre smarte Fabrik bisher monetarisieren können?

Wir haben bisher alles aus eigenen Mitteln bezahlt; wir haben keine Förderung oder Ähnliches für die Digitalisierung unseres Shop Floors erhalten. Letztendlich bedeutet die Digitalisierung eine Qualitätsverbesserung für den Kunden und eine Transparenzerhöhung. Indirekt wird das natürlich über Gemeinkosten bei den Aufträgen schon zum Teil refinanziert.

Hat Elektronik „Made in Germany“ auch weiterhin Zukunft?

Es gibt ja mittlerweile mehrere hundert EMS-Dienstleister in Deutschland, wie Sie wissen. Das heißt, der Bedarf ist da. Aber wir werden auch weiterhin nicht um eine Globalisierungsdenke herumkommen. Aber man sollte bei einer globalisierten Fertigung eine Zwei-Lieferanten-Strategie in petto haben, um auf Verwerfungen in der Lieferkette schnell reagieren zu können.

Die Coronakrise zeigt, wie verwundbar wir als globalisierte Industrie sind. Glauben Sie, dass ein Umdenken stattfinden wird?

Ich würde es mir zumindest wünschen und hoffe sehr, dass das der Fall sein wird. Aber ich fürchte, dass man in zwei oder drei Jahren vieles vergessen hat und sich wieder nur vom Preis leiten lässt.

Aber die Globalisierung ist keine Einbahnstraße, das sollten wir auch bedenken. Wir liefern beispielsweise für einen deutschen Kunden Produkte nach China. Für dieses eine Produkt kommen Teile aus allen Regionen der Welt.

Sie sprechen von einer Zwei-Lieferanten-Strategie in der Fertigung. Was ist mit dem Einkauf? Nehmen wir das Beispiel Leiterplatten. Hier hat der Shutdown in China im ersten Quartal zu extremen Engpässen geführt.

Im Fall der Leiterplatten war das leider in dieser Krise auch nicht das Allheilmittel. Wir haben zum Teil Leiterplatten aus Deutschland bezogen, aber der Lieferant hatte schließlich Kurzarbeit und konnte nicht mehr liefern. Glücklicherweise hatten wir eine ausreichende Lagerhaltung.