Folgen eines No-Deal-Brexits »Das größte Obsoleszenz-Ereignis des Jahrhunderts«

Dr. Wolfgang Heinbach, GMP German Machine Parts und D+D+M Daten- und Dokumentationsmanagement: »Sobald eine Substanz nicht mehr in REACH registriert ist, darf sie nicht mehr verwendet werden. Und so eine Registrierung geschieht nicht an einem Freitagnachmittag. Die Frage, die niemand beantworten kann,ist: Wie viele machen es und wie viele machen es nicht?«

Engpässe bei Lebensmitteln, Benzin und Medikamenten: Laut einem von der britischen Presse zitierten internen Regierungsdokument drohen Großbritannien im Falle eines No-Deal-Szenarios erhebliche Versorgungsengpässe.

Dass ein ungeregelter EU-Ausstieg aber auch die Elektronikindustrie empfindlich treffen könnte, zeigte die Diskussion im Rahmen des Forums zum Thema Obsolescence-Management der Markt&Technik.

Grund zur Sorge sei die EU-Chemikalienverordnung REACH. Die 2007 in Kraft getretene Verordnung schreibt vor, dass Produzenten und Importeure chemische Substanzen, von denen in Europa mindestens eine Tonne pro Jahr hergestellt oder verwendet wird, bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) registrieren müssen. Das Problem: Bei knapp 30 Prozent der etwa 21.000 erfassten Substanzen handelt es sich um von UK-Unternehmen registrierte Stoffe. Im Falle eines Austritts des Vereinigten Königreichs aus der EU werden die Registrierungen von britischen Herstellern, Importeuren und Alleinvertretern ungültig. Sollten die betroffenen Unternehmen ihre Substanzen nicht neu registrieren oder eine Gesellschaft innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten gründen, dürfen die Stoffe nicht mehr genutzt werden. Wie viele Unternehmen auf eine erneute Registrierung verzichten, bleibt abzuwarten, denn diese kostet Zeit und würde sich nur für die Substanzen lohnen, mit denen ein Unternehmen entsprechenden Umsatz macht.

Im Worst-Case-Szenario fällt also eine erhebliche Zahl an Substanzen weg – es kommt zu Versorgungsengpässen und zu Obszoleszenzfällen: »Ich halte den Brexit für das größte Obsoleszenz-Ereignis des Jahrhunderts,« warnt Dr. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von GMP German Machine Parts und D+D+M Daten- und Dokumentationsmanagement. »Wir sehen die Auswirkungen ja jetzt schon. Es werden Fertigungsprojekte abgezogen, die Autoindustrie verlagert Lieferketten – egal in welchem Bereich, jeder macht seine Risikovorsorge.«

Eine weitere, unter Umständen noch stärkere Gefahr sieht Dr. Jörg Berkemeyer von IHS Markit im Tarifstreit zwischen den USA und China, »weil einfach viel größere Bereiche im Elektronikbereich betroffen sind«. Der bürokratische Aufwand sei immens, denn zunächst müsse man überprüfen, ob das Produkt überhaupt vom Zollaufschlag betroffen ist, und anschließend aufwändige Materialdeklarationen machen. Um die zusätzlichen Kosten zu umgehen, könnten Unternehmen zukünftig vermehrt ihre Produktion umsiedeln – wie es Apple jüngst mit einer Produktionsverlagerung von China nach Vietnam gezeigt hat – oder aber das Produkt komplett einstellen, so der Experte.

Inwiefern die Weltpolitik, Regularien und Richtlinien im Detail das Obsoleszenzmanagement beeinflussen, aktuelle Zahlen zu Produktänderungen und -abkündigungen sowie weitere spannende Ergebnisse der Diskussionsrunde lesen Sie in unserem Special „Obsolescence-Management“ in Ausgabe 41, die am 11. Oktober erscheint.