Zollner Elektronik »Bewährtes bewahren und Neues hinzugewinnen«

Johann Weber, Zollner Elektronik:
»Als reiner Mechatronik-Dienstleister sind wir immer vom Kunden und vom Markt abhängig,und wir wollen es auch gar nicht anders haben. Wir sind dort, wo der Kunde uns braucht.«
Johann Weber, Zollner Elektronik: »Als reiner Mechatronik-Dienstleister sind wir immer vom Kunden und vom Markt abhängig,und wir wollen es auch gar nicht anders haben. Wir sind dort, wo der Kunde uns braucht.«

Zollner Elektronik feierte 2015 sein 50-jähriges Bestehen. Agil und flexibel stellte sich das Unternehmen seither den immer neuen Herausforderungen des EMS-Marktes. Markt&Technik sprach mit Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner.

Markt&Technik: Wie beurteilen Sie aus Ihrer Sicht und Ihrem Unternehmen heraus die aktuelle wirtschaftliche Situation der EMS-Branche lokal (DACH) und global vor dem Hintergrund makroökonomischer Einflüsse wie dem langsameren Wachstum in China, Brexit, Währungseinflusse …?

Johann Weber: Nicht mehr ganz so positiv wie zum Beispiel noch im Juni. Das Konjunkturbarometer des ZVEI zeigt „deutliche Bremsspuren“ für den Monat August für die deutsche Elektronikindustrie. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. schreibt: »Sowohl die Beurteilung der aktuellen Geschäftslage als auch die Erwartungen fielen merklich ungünstiger aus als noch im Juni. Beide Parameter bleiben unterm Strich aber weiter im positiven Bereich.« Das gilt selbstverständlich auch für die EMS-Branche und für die Zollner Elektronik AG. Immerhin bleiben aber die Exporterwartungen unverändert, so der ZVEI.

Welche Auswirkungen haben fortwährende Unruhen und Terror in Fertigungsländern im Nahen Osten? Auch Zollner hat ja meines Wissens einen Standort in Tunesien. Setzen Sie weiter auf diesen Standort?

Man darf die Gefahren, die durch fortwährende Unruhen und Terror gegeben sind, nicht außer Acht lassen, doch wir setzen weiterhin auch auf den Standort Tunesien, weil die Vorteile derzeit doch noch überwiegen. Dies sind zum Beispiel die relativ niedrigen Lohnkosten, die Entfernung zu Europa – von Deutschland aus zwei Stunden Flugzeit – und das große Interesse arabischer Staaten, dort zu investieren. Tunesische Studenten, die in Deutschland studiert haben, sind entsprechend qualifiziert und daher für uns sehr interessant. Auch Studienabgänger aus den führenden Universitäten wie „INSAT Tunis“ mit Schwerpunkt Nachrichtentechnik oder der „ENIT – Hochschule für Ingenieure“ könnten für Zollner interessant sein.

Potenzial haben sich zahlreiche Unternehmen auch von den Flüchtlingen versprochen, die im Laufe des letzten Jahres zu uns gekommen sind. Sind sie „reif“ für den Arbeitsmarkt in der Fertigung?

Hier kommt es zum Beispiel viel auf die Rahmenbedingungen an. Ist der Aufenthaltsstatus gesichert? Sind ausreichende Deutschkenntnisse vorhanden? Wie groß ist der Integrationswille? Kann man diese drei Fragen positiv beantworten, steht auch einer Ausbildung nichts im Wege, denn es gibt durchaus freie Stellen, die man besetzen könnte. Weil die Ausbildungsstände in den unterschiedlichen Ländern nicht immer vergleichbar sind, müssen hier oft Inhalte nachgeholt werden. Teilzeitausbildungen, die Arbeit, Lehre und Sprachkurs verknüpfen, wären eine Möglichkeit, wo man ansetzen könnte. Ich kenne kein Unternehmen, das einen guten Bewerber aufgrund seiner Herkunft ablehnen würde.

Inzwischen gehört Entwicklung zum Kerngeschäft und Kernangebot vieler EMS, so auch bei Zollner. Das wiederum fordert natürlich EMS-Firmen, die traditionell Vorreiter sind, ihr Angebot stetig weiterzuentwickeln. In welche Richtung wird Zollner das Angebots-Spektrum weiterentwickeln?

Die Zollner Elektronik AG wird auch weiterhin auf ihre traditionellen Stärken bauen und sie forcieren, frei nach dem Motto „Bewährtes bewahren und Neues hinzugewinnen“: komplexe mechatronische Systeme, von der Entwicklung bis zum After Sales Service. Unser Fokus liegt auf der Steigerung der vertikalen Integration und der Abdeckung des Produktlebenszyklus. Dies beinhaltet insbesondere auch die Punkte Refurbishment und Obsoleszenzmanagement. Was für uns immer interessanter wird, ist das Thema Industrie 4.0, das wir bereits seit Beginn an mitgestalten.

Inwieweit haben sich die Anforderungen der Kunden in den letzten 12 bis 24 Monaten aus Ihrer Sicht verändert – d.h. in welchem Ausmaß sind Dienstleistungs-Erweiterungen kundengetrieben?

Als reiner Mechatronik-Dienstleister sind wir immer vom Kunden sowie vom Markt abhängig, und wir wollen es auch gar nicht anders haben. Wir sind dort, wo der Kunde uns braucht, sei es im Hinblick auf den Einsatz neuester und optimaler Technologien und Prozesse, sei es, wo wir Standorte ausbauen oder neu gründen. Weil wir von Start-ups über klassische KMUs bis zu großen Global Playern sehr unterschiedliche Kunden haben, sind auch deren Anforderungen sehr unterschiedlich. Deswegen ist es schwer, diese Frage pauschal zu beantworten. Individuell auf die Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen, das ist unsere Stärke. Generell kann man aber sagen, dass die Kunden eine zunehmende und vor allen Dingen gesamtheitliche Vernetzung der Lieferkette (SCM) wünschen, was der allgemeinen Entwicklung hinsichtlich Industrie 4.0 entspricht. Dadurch bieten wir unseren Kunden einen Mehrwert.

Die Zusammenarbeit mit Start-ups und jungen Unternehmen wird bei vielen EMS ausdrücklich begrüßt – welche Erfahrungen hat Zollner damit bisher gemacht?

Wir können nur Gutes berichten. Die Zusammenarbeit mit einem Startup-Unternehmen kann ungeheuer belebend sein und war in unserem Beispiel auch von Erfolg gekrönt: 2013 durften wir den E²MS Award in der Kategorie „Entwicklung und Forschung“ entgegennehmen für die Komplettentwicklung eines komplexen Systems zur In-vitro-Schnellbestimmung von Krankheitserregern, dessen Analysegeschwindigkeit herkömmlichen Verfahren weit überlegen ist. Dieses Analysesystem haben wir für das Start-up-Unternehmen Curetis entwickelt.