Neue Wege für Logistik und Produktion 3D-Druck hat großes Potenzial im Ersatzteilgeschäft

Firmen sind verpflichtet, ihren Kunden auch nach vielen Jahren noch Ersatzteile zu liefern, doch deren Lagerung ist teuer. Zudem werden manche Ersatzteile nach einer langen Lagerung unbrauchbar. Wie wäre es also, diese Ersatzteile einfach zu mit dem 3D-Drucker nachzufertigen?

Hersteller in der Luftfahrtindustrie setzen heute 3D-Druck ein, um Teile zu bauen, die bis zu 70 Prozent weniger Gewicht haben als mit herkömmlichen Verfahren hergestellte Teile. Auch in der Medizintechnik hat der 3D-Druck Einzug gehalten: Ob Zahnkronen, Prothesen für das Hüftgelenk oder Hörgeräteschalen – wenn ein „Ersatzteil“ für den Menschen benötigt wird, kommt der 3D-Drucker zum Zug. 

Doch die größten Chancen bietet die additive Fertigung für das Ersatzteilgeschäft: Firmen sind verpflichtet, ihren Kunden auch nach vielen Jahren noch Ersatzteile zu liefern, doch deren Lagerung ist teuer. Zudem werden manche Ersatzteile nach einer langen Lagerung unbrauchbar. Werden Maschinen und ihre Funktionalität verbessert, sind ältere Ersatzteile für die neue Produktversion nicht mehr zu verwenden. Diese Probleme lassen sich vermeiden, wenn die Ersatzteile 3D-gedruckt werden. Baupläne können in digitaler Form auf Abruf bereitgehalten und bei Bedarf ausgedruckt werden, was den Bedarf an Lagerflächen verringert und Bestandskosten reduziert. Ersatzteile für in der Zwischenzeit weiterentwickelte Werkzeuge und Maschinen können vor dem Drucken digital angepasst werden. 

Auch Logistikdienstleister übernehmen vielfach schon die Ersatzteillogistik als Dienstleistung. Dr. Andreas Baader, Managing Partner bei Barkawi Management Consultants, geht davon aus, dass die Hersteller sehr bald diese Dienstleistung in Anspruch nehmen werden: »Wenn ich heute hier in München ein Teil über 3D-Druck herstelle, das in Brasilien benötigt wird, sind die Transportkosten sehr hoch. Wenn mir ein Logistikdienstleister sagt: Bitte schicken Sie mir doch die Daten und die Empfängeradresse, ich drucke das zehn Kilometer entfernt mit meinem dort installierten Drucker, dann ist das schneller und billiger.«

Aber ist der Produzent auch bereit, sein »geistiges Eigentum« aus der Hand zu geben? Wie groß ist das Vertrauen in den Dienstleister? Dr. Markus Kückelhaus, Director Research and Innovation bei Deutsche Post DHL, sieht gerade darin eine große Herausforderung: »Stellen Sie sich vor, Sie verwalten irgendwo 3D-Datenmodelle, dann stellt sich natürlich die Frage, ob es auch die aktuelle Version ist. Ist es das wahre Datenmodell des OEMs oder des entsprechenden Produzenten? Vertraut der mir diese Daten auch tatsächlich an? Denn dieses 3D-Datenmodell als Design seines Produkts ist ja sein core asset.«

Eine mögliche und wahrscheinliche Variante: Die Hersteller werden mit der Technologie zuerst eigene Erfahrungen dahingehend sammeln, wie solche Produktions- und Ersatzteilprozesse der Zukunft und auch die dahinterliegenden Supply Chains gemanagt werden können. Der nächste Schritt ist dann, dass solche Dienstleistungen ausgelagert werden. Fraglich ist, ob die Unternehmen sich für die Speicherung und Lagerung ihrer Baupläne an ihre Logistikdienstleister wenden oder ob sich hier ein Geschäftsfeld beispielsweise für IT-Spezialisten auftut. Logistikdienstleister werden nur dann die Lagerung der Datenmodelle und das Ausdrucken übernehmen können, wenn die Hersteller ihnen vertrauen und bereit sind, ihnen die 3D-Datenmodelle zu übergeben. Der „Wert“ einer Ware wird künftig also womöglich in einer digitalen Datei stecken. Daraus ergibt sich eine große Herausforderung: der Schutz des geistigen Eigentums. Dafür brauchen Hersteller Mittel und Wege, beispielsweise Kopierschutzmechanismen und die sichere Vergabe von Lizenzrechten. Doch der 3D-Druck ist noch so jung, dass die Rechtsprechung hinterherhinkt. 

Heute sind es die Hersteller selbst, die in die 3D-Technologie investieren, doch bald werden sich die großen Logistikdienstleister, die heute schon Logistiknetze koordinieren und Materialflüsse steuern, auf dieses Geschäftsfeld wagen. Es liegt nahe, dass sie – wenn weniger Produkte transportiert werden – dazu übergehen werden, die Datenströme zu managen. 

Die Experten sind sich einig: Der 3D-Druck wird sich weiter verbreiten. Es wird in den kommenden Jahren weitere Innovationen geben, und andere Branchen werden die Möglichkeiten für sich entdecken, leichte, stabile und schnell veränderbare Formen zu drucken. Die Zeit, in der Güter überwiegend digital um die Welt geschickt werden, liegt vielleicht noch in weiter Ferne, weltfremde Science Fiction ist sie auf keinen Fall.