Übernahme von Kemet durch Yageo Yageo gewinnt neue Marktzugänge

Einschätzungen der Übernahme sehr verschieden

Bei direkten Wettbewerbern wie etwa Taiyo Yuden und Murata gehen die Einschätzungen über die Auswirkungen der Übernahme etwas auseinander. »Die Reputation von Yageo ist eine komplett andere als die von Kemet«, stellt etwa Harald Sauer, Director Taiyo Yuden Europe fest. »Sollte nach der Übernahme Kemets-Firmenphilosophie nicht weiter gelebt werden, dürfte das die Chancen für uns vielleicht vergrößern«. Sauer weist auch darauf hin, dass Kemet stark im Automotive-Bereich und im Distributionsmarkt sei, während Yageo bei MLCCs zuletzt in große Bauformen investiert habe: »Das würde schon ganz gut zusammen passen«.

Rüdiger Scheel, Vice President Automotive bei Murata Electronics Europe, sieht mit der Übernahme einen schwergewichtigen Broadliner für passive Bauelemente entstehen, der vor allem bei Widerständen, Kondensatoren und Induktivitäten stark ist. Scheel geht davon aus, dass Yageo damit umsatztechnisch zur Nummer 4 hinter Murata, Samsung und TDK aufsteigen dürfte. »Yageo erwirbt eine Menge Know-how und einen besseren Marktzugang, was insbesondere den Automotive-Bereich von Yageo stärken wird, das wird dann auch für uns relevant sein«.

Zwar stärkt Yageo mit dieser Akquisition nach seiner Einschätzung seine Fähigkeiten, was spezielle passive Bauelemente angeht, »gleichzeitig dürfte das Unternehmen aber erst einmal damit beschäftigt sein, seine Übernahmen zu verdauen und neue Strukturen aufzubauen«.

Vor dem Hintergrund von rund 1600 Kemet-Patenten, bedeutet die Übernahme für die verschiedenen Produktbereiche folgendes: Im Bereich Keramikkondensatoren ist Kemet im Bereich Automotive und Industrie gut positioniert, und hat sich neben alten, großen Bauformen unter anderem auch auf Produkte mit MIL-Zulassung spezialisiert. Mit Tantal- und Folienkondensatoren betritt Yageo bei der Übernahme Neuland. Branchenkenner Sperlich weist hier darauf hin, dass es sich bei beiden Fällen um Technologien handelt, die nur wenig wachsen.

Im Bereich Elektrolyt-Kondensatoren sind beide Unternehmen tätig, nach Einschätzung Sperlichs könnte sich hier eine gute Ergänzung ergeben. Dass durch die Übernahme noch der ehemalige Arcotronics Teil der Filmkondensatoren ins Yageo-Portfolio kommt, könnte nach Sperlichs Einschätzung Yageos Position im Automotive-Bereich festigen. Sein Fazit: »Bei Keramikkondensatoren entsteht eine große Firma, die sich aber eher auf ältere Produkte spezialisiert, der Preisdruck im Legacy-Bereich dürfte damit abnehmen. Interessant wird es bei Elektrolyt-Kondensatoren da gibt es parallele Fertigungen und Entwicklungen. Durch seine starke Position bei Widerständen kann Yageo in Zukunft Synergien nutzen, um mit den neu hinzu gekommenen Produkten bei Kunden höhere Marktanteile zu realisieren«.

Aus Sicht der Distribution stellt die Kemet-Übernahme eine Ergänzung der Möglichkeiten dar, wie es Quecke ausdrückt: »Als einer der global größten Yageo-Distributoren, verlieren wir nichts, sondern gewinnen neue Möglichkeiten hinzu«. Interessant dürfte nach Queckes Einschätzung auch sein, »ob die beiden Unternehmen dann in Zukunft getrennt oder unter einem Logo laufen werden«. Ähnlich die Einschätzung von Krieg: »Für die Zukunft bietet das Portfolio von Kemet, eine Franchise vorausgesetzt, weiteres Wachstumspotenzial für uns, vor allem in der Kombination mit unserem breiten Halbleiter Angebot«.

Und wie sehen Anwender die Übernahme, denen das Ganze als Weg zum Broadliner für passive Bauelemente und One-Stop-one-Buy-Angebot angepriesen wird? »Ich bedauere die weitere Konzentration auf dem Anbietermarkt für passive Bauelemente«, so Hermann Püthe, geschäftsführender Gesellschafter der inpotron Schaltnetzteile. »Natürlich bieten große Anbieter eine sehr breite Produktpalette, aber kein Kunde würde sich seiner Beschaffungsstrategie an einen Lieferanten binden«!

Püthe weist darauf hin, dass die großen Player in ihren Strategien von noch größeren Industrien wie der Smartphone- oder der Automobilindustrie gelenkt werden, »sie richten sich an deren Bedürfnissen aus«. Sein Fazit: »Der Mittelstand und auch die gesamte europäische Industrie wird sich an die neuen Gegebenheiten anpassen (müssen). Unter Umständen könnte sich die Konsolidierung aber noch weiter fortsetzen. Murata-Manager Scheel hält es nicht für ausgeschlossen, »dass diese Akquisition gegebenenfalls weitere Übernahmen auslöst«