Liefersituation Passive Bauelemente »Wir sind nicht mehr im Katastrophenbereich«

Olaf Lüthje, Vice President Regional Sales, EMEA Vishay
Olaf Lüthje, Vishay: «Die Lieferzeiten ab Werk liegen bei 8 … 16 Wochen, und bis die Ware bei den Anwendern ist, würde ich sagen: 24 … 36 Wochen.«

Leichte Entspannung bei Commodities, weiterhin angespannte Situation bei Automotive-Produkten, so lässt sich die aktuelle Versorgungslage bei passiven Bauelementen in Deutschland beschreiben.

Anlässlich des Forums „Aktuelle Trends und Entwicklungen bei passiven Bauelementen“ zogen Branchenexperten kurz nach dem Chinese New Year eine vorläufige Bilanz.

Ihr Fazit: Bei Commodities ist sowohl im MLCC-Bereich als auch bei Widerständen, Induktivitäten und anderen passiven Bauelementen derzeit eine leichte Entspannung zu beobachten. Die versammelten Experten schoben aber auch gleich noch eine Warnung hinterher: Es handelt sich nur um eine partielle Entspannung, und sie dürfte nur von kurzer Dauer sein. »Bedingt dadurch, dass aktuell Ware aus Asien wieder leichter zur Verfügung steht, glauben manche, dass wir wieder bei sechs bis acht Wochen Lieferzeit angekommen sind«, warnt etwa Jean Quecke, Sales Director (IPE) Central Europe bei Future Electronics. »Wir gehen davon aus, dass spätestens am Ende des 2. Quartals die Bedarfszahlen in Asien wieder höher sein werden.«

Als Grund für die aktuelle Entspannung verweisen die Diskussionsteilnehmer auf das etwas schwächere 4. Quartal 2018. Normalerweise wurden 2018 pro Quartal etwa 950 Milliarden MLCCs verkauft, im 4. Quartal waren es dagegen nur 900 Milliarden. Wenn allein Apple im letzten Quartal des Vorjahres eben 20 Millionen iPhones weniger verkauft, hat das Auswirkungen. Auch bei Samsung lief der Smartphone-Absatz nicht optimal.

Das könnte sich aber wieder ändern. Experten halten 1 Billion MLCCs pro Quartal ab der Jahresmitte 2019 durchaus für möglich. Wenn aktuell von Lieferzeiten von 12 bis 16 Wochen bei Chipwiderständen, 12 bis 21 Wochen bei Tantalkondensatoren und 12 bis 24 Wochen bei Induktivitäten die Rede ist, dann gilt das nicht generell. »Wir sind nicht mehr im Katastrophenbereich; als Hersteller würde ich heute sagen: Die Lieferzeiten ab Werk liegen bei 8 … 16 Wochen«, meint etwas Olaf Lüthje, Senior Vice President Business Marketing Passives bei Vishay; »bis die Ware bei den Anwendern ist, würde ich sagen: 24 … 36 Wochen«.

Dass man wieder bei Lieferzeiten angekommen ist, welche sich aus Fertigungszeiten plus ein paar Wochen Transit zusammensetzen, sieht Lüthje noch nicht. Leichte Entspannung ja, aber kein „back to normal“, versichert auch Stefan Sutalo, Marketing Director Passive Components bei Rutronik: »Bei den Kunden jetzt den Eindruck erwecken zu wollen, dass ein 1206, der bei dem ein oder anderen vielleicht Standard sein mag, jetzt wieder ganz normal lieferbar sei, ist einfach falsch!«

Wie schnell sich die Situation wieder ändern kann, hängt nach einhelliger Meinung der Diskussionsteilnehmer auch ganz entscheidend davon ab, wie konsequent Murata seine angekündigte Legacy-Produkt-Politik umsetzen wird. Den Äußerungen von Reinhard Sperlich, Vice President Sales bei Murata, war jedoch nicht zu entnehmen, dass das Unternehmen von seinen bekannt gegebenen Plänen, sich schrittweise aus bestimmten Commoditiy-Bereich zurückzuziehen, abweichen wird.

Für den Rest der Branche bedeutet das: Auch wenn die anderen Hersteller von Commodity-MLCCs, wie beispielsweise Yageo, AVX oder Vishay, ihre Produktion nach oben gefahren haben, können sie die Schwankungen, die durch den Rückzug von Branchenführer Murata entstanden sind, dessen Marktanteil bei über 40 Prozent liegt, nicht auffangen.

Für die Anwender bedeutet das: Jetzt von Redesigns abzulassen, nur weil sich die Verfügbarkeit von MLCCs kurzfristig verbessert, wäre mittel- und langfristig ein Fehler. Neben der Tatsache, dass sich europäische Automotive- und Indstrieelektronik-Hersteller langfristig auf höhere Preise für größere Bauformen einstellen werden müssen, die sich von Commodities zu Spezialprodukten entwickeln, dürfte allein der anstehende Rollout von 5G noch in diesem Jahr zu einem enormen Bauteile-Bedarfssog führen, der schnell an die Engpässe der Bauteileversorgung im letzten Jahr erinnern dürfte.

Mehr über die aktuellen Entwicklungen und Trends im Bereich Elektromechanik & passive Bauelemente erfahren Sie im gleichnamigen Trend-Guide, der am 13. März 2019 erscheint.