Würth Elektronik eiSos »Wir sind komplett überfahren worden«

Alexander Gerfer, Würth Elektronik eiSos: »Wir sind von der Entwicklung im MLCC-Bereich überfahren worden. Als wir in das Kondensatoren-Geschäft eingestiegen sind, war MLCC nicht unser Kernfokus. Aktuell beschränken uns Lieferengpässe bei den Maschinenbauern dabei, die notwendigen zusätzliche Fertigungskapazitäten für MLCCs aufzubauen.«

Bei EMV-Produkten und Induktivitäten hat Würth Elektronik eiSos die Bedarfssteigerungen der letzten eineinhalb Jahre zur Zufriedenheit von Alexander Gerfer, CTO und einer der CEOs des Unternehmens, in den Griff bekommen.

Bei MLCCs werden die Lieferengpässe dagegen wohl noch eineinhalb Jahre andauern. Gerfer hat da einen alternativen Ansatz.

Markt&Technik: Wenn Sie aktuell einen Blick auf das Produktspektrum Ihres Unternehmens werfen, welche Produktgruppen sind am stärksten vom Problem steigender Lieferzeiten betroffen?

Alexander Gerfer: Es sind vor allem die passiven Bauelemente, und da besonders die MLCCs. Wir sind dort schlicht überfahren worden. In ganz besonderem Maße gilt das hochkapazitive MLCCs. Wir stecken da jetzt in einer Zwickmühle. Denn als Partner des Mittelstands ist es natürlich unser Anspruch, jederzeit lieferfähig zu sein. Wenn der Bedarf jedoch um Faktoren ansteigt, dann kommen Sie auch mit dem Ausbau der Kapazitäten nicht mehr hinterher, weil die Anlagenbauer schlicht überbucht sind. Mehr Vorlauf wäre sehr hilfreich gewesen. Wo bei Kunden Redesigns aufgrund der jetzigen Situation notwendig sind, versuchen wir natürlich zu helfen.

Die Ansichten über die Ursachen der heutigen Situation gehen in der Branche auseinander. War das Ganze in Ihren Augen eine sprunghafte Entwicklung oder ein eher schleichender Vorgang?

Als wir mit unserem Angebot an Kondensatoren gestartet sind, standen MLCCs nicht so sehr im Fokus unserer Kunden. Im Jahr 2017 wurden dann erste Warnungen hinsichtlich der MLCCs ausgesprochen, aber das wurde von Vielen eben noch als „Salesman-Talk“ abgetan. Unser Investment-Fokus liegt auf interessanten Produkten wie etwa Polymer-Kondensatoren, das machte die Situation nicht einfacher. Sie haben aber auch ganz einfach mit dem Phänomen oder Problem zu kämpfen, dass namhafte Hersteller eben zuerst ihren Inhouse-Bedarf an MLCC bedienen, bevor externe Kunden zum Zug kommen.

Sie haben es ja schon gesagt, die Situation bei MLCCs ist derzeit am schlimmsten. Was können Sie als Würth Elektronik eiSos in so einer Situation konkret tun, um die Probleme Ihrer Kunden zu mindern?

Letztlich hilft es da nur, sich das Design des Kunden gemeinsam anzusehen. Was steht an Technologien zur Verfügung, um das Problem des Kunden zu lösen? Stellen Sie sich vor, ein Startup tappt in eine solche Falle! Wenn die ihr Produkt nicht zum vorgesehenen, den Finanziers kommunizierten Termin auf den Markt bringen können, steht möglicherweise die Existenz des ganzen Unternehmens auf dem Spiel. Eine Katastrophe! Bei der Designberatung geht es dann um die Frage, welche Geräte der Kunde bauen will. Es geht darum, ob er eventuell auch auf andere Baugrößen, und damit meine ich in erster Linie kleinere Bauformen wie 0201, umstellen kann. Da geht es dann nicht mehr um die einfache Adaption eines Referenz-Designs, sondern um wirkliche Designberatung.

Nun ist es ja so, dass auch die Anwender durch ihr Orderverhalten mit zum Entstehen der heutigen Situation beigetragen haben. Waren die Planungshorizonte zu kurz? Fehlte es am notwendigen Technologie- und Produktionsmanagement für C-Bauteile?

Ich würde sagen, es ist ein Mix verschiedener Einflussfaktoren. Es hat zum einen mit der Bedarfsverschiebung innerhalb der Produktgruppen in Richtung Hicaps, High Voltage und Automotive zu tun. Standard-Commodities standen nicht mehr so im Fokus der ganz großen Hersteller. Diese Bedarfsverschiebung lässt sich rein stückzahltechnisch nicht so einfach auffangen. Sie hat aber Konsequenzen für Zigtausende mittelständischer Kunden, die vielleicht nicht einfach auf die teureren Automotive-Bauteile umstellen wollen. Es ist aber natürlich auch so, dass bessere Forecasts der Beschaffungsseite mit dazu beitragen könnten, die Situation zu entschärfen. Insofern wären längere Planungshorizonte von Seiten der Kunden hilfreich.

Würth Elektronik eiSos hat in den letzten zwei Jahren weltweit in die Erweiterung der Lagerkapazitäten investiert. Als Nächstes steht ein weiterer massiver Ausbau des Lagers in Waldenburg an. Was können Sie als Hersteller noch tun?

Ich nenne noch einmal das Thema Design-in. Wir sind ein Hersteller von Standardbauteilen, wir sind kein Spezialist für Sonderbauteile. Wir müssen darum bei der Beratung des Kunden früher ansetzen, früher klären, auf welche Bauteile er sich fokussieren will. Auch wenn es vielleicht der leichtere Weg ist, sollten sich Entwickler bei der Entscheidung für ein Bauelement nicht unbedingt nur auf die Referenz-Designs einlassen. Kann ich eventuell auf andere, gegebenenfalls größere Bauteile oder andere Bauformen umstellen? Wer sich zu sehr auf Referenz-Designs verlässt, der sieht eventuell gar nicht mehr die Fallstricke, die sich da in der aktuellen Situation möglicherweise verbergen.