Kommentar Jeder Krise wohnt auch eine Chance inne

Engelbert Hopf, Chefreporter, EHopf@weka-fachmedien.de

Kürzlich traf ich jemanden aus der Automobilbranche, der verwundert war, dass auch Lieferprobleme bei passiven Bauelementen auftreten. 70 Wochen Lieferzeiten für FPGAs kannte er, aber dass es derzeit bei Dünn-, und Dickschichtwiderständen sowie Kondensatoren ähnlich ist, war ihm neu.

Es hat inzwischen eine ganze Reihe von Erklärungsansätzen gegeben, wie es zu der jetzigen Situation in der Lieferkette kommen konnte. Sie alle haben sicher in Teilaspekten ihre Berechtigung, dass es im Automotive-Bereich so kritisch geworden ist, hat wohl auch in erster Linie mit speziellen Versäumnissen in dieser Anwenderbranche zu tun. Daraus will man jetzt Konsequenzen ziehen.

So wird das in der Vergangenheit bereits für den Halbleiterbereich praktizierte Technologie- und Produktionsmanagement inzwischen auch auf passive Bauelemenet angewendet. Gleichzeitig denkt man in der Automobilbranche darüber nach, den Einsatz bestimmter Lieferanten und Bauelemente über einen viel größeren Bereich hinweg festzuschreiben, als das bisher der Fall war.

Reichten die Vorgaben bisher gerade mal bis zu den Tier 1, soll das System nun auf Tier 2 und Tier 3 ausgeweitet werden. Auf diese Weise soll für Versorgungssicherheit und Transparenz gesorgt werden. Für die Bauteilehersteller, die von dieser Maßnahme profitieren, sicher ein erfreulicher Schritt. Gleichzeitig dürfte sich die Bauelemente Beschaffung nur noch auf einige wenige Hersteller konzentrieren, die in der Lage sind, die Versorgung mit entsprechenden Stückzahlen sicherzustellen.

Aus Sicht der Automobilhersteller erhöht ein solcher Schritt auf jeden Fall ihre Planungssicherheit. Sie greifen damit deutlich intensiver in den Beschaffungsprozess der Branche ein, als bisher. Angesichts einer steigenden Elektronikdichte im Fahrzeug sicher ein nachvollziehbarer Schritt. Wer über mehrere Zuliefererebenen hinweg vorgeben kann, was verwendet wird, und welche Second-Source freizugeben ist, der kann deutlich weniger negativ überrascht werden, als wenn der Systeme zuliefernde Tier 1 auf einmal in Probleme kommt, weil der Bestücker eines Tier 3 der Verfügbarkeit passiver Bauelemente leider nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet hat.

Man könnte das Ganze jetzt als Knebelverträge bezeichnen, welche die entwicklungstechnischen Möglichkeiten der Ingenieure einschränken, doch angesichts der sich derzeit auftürmenden Probleme in der Lieferkette für passive Bauelemente, dürfte darin das kleinere Übel liegen. Lieber weiß das Produktionsmanagement bei VW, BMW oder Daimler im Zweifelsfall bei welchem Tier 2 oder Tier 3 welche Produkte definitiv am Lager liegen, als dass es bei einem Tier 1 wegen Lieferschwierigkeiten zum Bandstillstand kommt.

Letztlich dürfte diese Art von Ressourcen- und Produktionsmanagement auch für andere Industrien interessant sein, die über ähnlich diversifizierte Zulieferketten verfügen. Sollte dieser konzeptionelle Ansatz noch weitere Kreise ziehen, hätte die aktuelle Krise zumindest mittel- und langfristig ihr Gutes!