Interview mit Markus Binder »Ich vertrete die Strategie der hohen Wertschöpfung«

Markus Binder, binder: »Unsere Produktstrategie lautet, wir machen Rundsteckverbinder, und das intensiv.«
Markus Binder, binder: »Unsere Produktstrategie lautet, wir machen Rundsteckverbinder, und das intensiv.«

Markus Binder, Geschäftsführer des Familienunternehmens binder, spricht im Interview über die Strategie und den klaren Fokus des Unternehmens. Seine Firma gehört zu den wenigen Anbietern am Markt, die sich auf nur einen Steckverbinder-Typen fokussieren – und das sehr erfolgreich.

Markt&Technik: Herr Binder, die Internationalisierung Ihrer Firma ist in vollem Gange, auch das neue Produktions- und Logistikzentrum am Headquarter nimmt weiter Gestalt an. In letzter Zeit ist viel los in Ihrem Unternehmen, richtig?

Markus Binder: Ja, sehr richtig. Wir haben vor Kurzem unsere neue Vertriebsniederlassung binder Swiss in der Schweiz gegründet. Zudem hat unser Bauvorhaben einen enormen Fortschritt gemacht, das sieht man nicht nur am Neubau, sondern auch am zweiten Verwaltungsgebäude. Mit dem Umzug in das neue Verwaltungsgebäude Ende letzten Jahres konnten wir einem Teil unserer Mitarbeiter eine große, vor allem räumliche Entlastung bieten.

Sie haben im vergangenen Jahr zudem die Gesellschaften der insolventen Eucrea-Gruppe übernommen, darunter den Spezialisten für Oberflächenveredelung FMB-Technik. Was hat Sie zu diesem Schritt veranlasst?

Ich vertrete die Strategie der hohen Wertschöpfung bzw. Fertigungstiefe. Und die Übernahme war eine ideale Gelegenheit, um eine der letzten noch nicht von uns durchgeführten Fertigungstechnologien in unsere Gruppe zu holen. Im Endeffekt können wir jetzt alles anbieten für die Produktion von Steckverbindern, außer Kabel. Darüber hinaus wollen wir zusätzlich Galvanik-Dienstleistungen auch am freien Markt offerieren, was das einstige Geschäft der Eucrea-Gruppe war.

Die Galvanik hat lange Zeit zum ungeliebten Kind der Steckverbinder-Branche gehört. Und auch heute ist längst nicht jeder Steckverbinderhersteller gleichzeitig auch Spezialist für galvanische Oberflächen. Sehen Sie durch Ihr Know-how in diesem Bereich einen Wettbewerbsvorteil?

Es ist ja nicht nur die Galvanik, sondern es sind auch alle anderen Wertschöpfungsbereiche für die Steckverbinder, wie Druckgussteile, Drehteile, Stanzteile usw., die uns zum Beispiel in den Jahren 2017/2018 gezeigt haben, dass wir hier flexibel reagieren können und nicht von Fremdlieferanten abhängig sind. Nichtsdestotrotz haben wir für jeden Bereich noch weitere Lieferanten, da unsere eigenen Tochterfirmen diese ganze Kapazität nicht zur Verfügung stellen können. Die Galvanik an sich ist ein sehr spezieller Bereich, da es teilweise in den Jahren Lieferzeiten von 60 bis 70 Wochen gab, die wir jetzt selbst beeinflussen können.

Neben der Übernahme von Eucrea gab es im Jahr 2019, wie bereits angesprochen, die Gründung von binder Swiss. Was war für diesen Schritt ausschlaggebend?

Die Erfahrungen, die wir mit unseren acht eigenen Vertriebsniederlassungen gemacht haben, angefangen 2001 mit China über die weiteren Standorte USA, Frankreich, Großbritannien, Schweden, Niederlande, Singapur und Österreich, haben uns gezeigt, dass die Nähe zum Kunden auch ein erheblicher Wettbewerbsvorteil ist. Über einen Fremd-Distributor haben Sie keinen direkten Kundenzugang, und wir versprechen uns insbesondere in der Schweiz mit Sonderprojekten ein Marktwachstum. Die Schweiz war neben Italien das letzte Land ohne eigene Niederlassung, in dem wir eine sehr starke Position haben. Mit der Gründung von binder Swiss stärken wir diesen Markt weiter. Unsere Strategie ist die globale Denkweise. Unsere Vision ist es, die Gelegenheiten zu nutzen und unser gesamtes Portfolio an Rundsteckverbindern liefern zu können.

Sehen Sie sich – trotz globaler Ausrichtung – als eine Art Nischenanbieter am Steckverbinder-Markt?

Nein, als Nischenanbieter sehen wir uns eigentlich nicht. Die Produktstrategie lautet: Wir machen Rundsteckverbinder und das intensiv. Wir werden uns also nicht in andere Marktsegmente wie zum Beispiel Consumer, Telekom oder Automotive begeben – getreu dem Motto „Schuster, bleib‘ bei deinen Leisten“.

Ihr Fokus ist also ganz klar die Industrie- und Automatisierungstechnik sowie der Rundsteckverbinder an sich. Bieten Sie auch andere Produkte an?

Zur Unternehmensgruppe gehört die Firma binder solutions, die historisch aus unserem Engagement in der Automobilindustrie entstanden ist. Im Jahr 2009 habe ich die Entscheidung getroffen, aus der Automobilindustrie auszusteigen, was im Nachhinein die richtige Entscheidung war. Mit binder solutions entwickeln wir jetzt mechatronische Systeme für die Industrie und stellen dabei unser Wertschöpfungssystem zu Verfügung im Bereich Kunststoff, Metall und Elektronik.

In welche Richtung wollen Sie ihr Steckverbinder-Programm in den nächsten Jahren weiterentwickeln?

Wir haben zwei große Produktgruppen, die eine ist das allgemeine Industriesteckverbinder-Programm und die andere ist die Automatisierungstechnik. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass im Bereich der Automatisierungstechnik die Anzahl der Produkte schier ins Unendliche geht, wenn man sich die Kodierungen von A, B, D bis X anschaut. Hier entwickeln wir gemeinsam mit unseren Kunden die konfektionierbaren Varianten der umspritzten Kabel. In diesem Segment sehen wir uns als Markführer. Im Bereich der Industriesteckverbinder wollen wir vermehrt als Lösungsanbieter auftreten, etwa in den Segmenten landwirtschaftliche Maschinen oder auch Food und Beverage.

Gibt es ein Produkt bzw. eine Produktgruppe, die 2020 strategisch besonders wichtig für Ihr Unternehmen sein wird?

Lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir haben unsere Klassiker und wir werden weiterhin zeitgemäß agieren. Das heißt, wir bieten die Produkte an, die der Markt möchte. Wir haben das Ohr am Markt und stehen im engen Austausch mit unseren Kunden.

Abschließend noch eine Frage an den Rundsteckverbinder-Spezialisten: Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil von Rundsteckern gegenüber den anderen Varianten am Markt?

Es gibt keine Vorteile. Man muss als Unternehmen und Hersteller von Rundsteckverbindern allerdings einen USP haben, der dich von allen anderen unterscheidet.

Die Fragen stellte Corinna Puhlmann-Hespen