Über 400 PDNs in drei Monaten Die Abkündigungswelle rollt weiter

Mit den aktuellen Elektronik-Designs einen geeigneten Kondensatoren zu wählen ist nicht leicht.

Zwischen September und November 2018 wurden alleine über 9000 Kondensatoren von Herstellern wie Murata, Vishay und Kemet abgekündigt, darunter sechs komplette Serien, so das Ergebnis einer Auswertung der pcn.global-Datenbank.

»Solche Zahlen belegen einen Trend«, so Dr. Wolfgang Heinbach, Geschäftsführer von GMP German Machine Parts, Vorstandsvorsitzender der Component Obsolescence Group Deutschland (COG) und Betreiber der pcn.global-Datenbank. »Ich denke, wenn, wie jetzt, innerhalb von drei Monaten über 400 PDNs (Product Discontinuation Notices) herausgeben werden, lässt sich erahnen, was auf die Firmen zukommt«, so Heinbach.

Auf einer repräsentativen Liste mit über 60.000 Bauteilen, die Unternehmen für ihre Produkte verwenden, werden ihm zufolge in diesem Jahr fast 150 Komponenten abgekündigt. Insgesamt gab es alleine für diese Bauteileliste bis heute fast 800 PCNs/PDNs (Produktänderungen / Produktabkündigungen), davon im November 25 und im Oktober 45. Heinbach weiter: »Die Änderungen reichen von harmlos bis gravierend.« Die rasanten Entwicklungen der Automobilindustrie und des IoT führen zu einer steigenden Nachfrage nach Komponenten, mit der Hersteller nur schwer Schritt halten können. So reduziert zum Beispiel auch AVX zunehmend seine Produktionskapazitäten.

»Die großen Kondensatoren-Hersteller wie AVX, Kemet, Murata und auch Samsung konnten oder wollten ihre Fertigungskapazitäten nicht an den aktuellen Bedarf anpassen«, so Anke Bartel, Regional Product Manager EMEA bei Velocity Electronics und Vorstandsmitglied der COG Deutschland. »Die MLCC-Hersteller konzentrieren sich auf die kleinen SMD-Bauformen 0603 oder kleiner. Die klassischen europäischen Kunden brauchen oft noch die großen MLCCs wie 1206 oder 1210 und hier ist die Not am größten.«

»Der Bedarf ist nicht erfüllbar.«

Abkündigungen setzen die Unternehmen immer unter Druck, keine Frage. Auf der electronica war zum Beispiel zu hören, dass Firmenangehörige die Messe nicht besuchen durften, weil sie aufgrund von Abkündigungen für das notwendige Redesign mehr als genug Arbeit hatten. Und schaut man sich die jetzt vorgelegten Zahlen an, mag das schon fast wie eine Provokation klingen.

Das ist es aber nicht, denn Abkündigungen erfolgen nicht aus heiterem Himmel. Gerade wenn es um Keramikkondensatoren geht, hätten die Zulieferer der Automobilindustrie viel früher reagieren können. So jedenfalls beurteilt Reinhard Sperlich, Vice President Sales von Murata Electronics Europe, die jetzige Situation: »Über die letzten zehn Jahre sind die Stückzahlen immer stetig gewachsen, in den letzten zwei Jahren hat sich das Wachstum allerdings erhöht, heute sprechen wir von einem exponentiellen Wachstum«, so Sperlich. Das habe so keiner erwartet.