Leoni »Akquisitionen sind wieder eine Option für uns«

Dr. Klaus Probst, Leoni: » Wir haben nicht unsere Strategie geändert, sondern uns nur stark darauf fokussiert, ein finanziell stabiler Partner für unsere Kunden zu bleiben. So konnten beispielsweise die großen Automobilhersteller auch in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten mit gutem Gefühl mit uns zusammenarbeiten.«

Nach dem harten Sparkurs in den vergangenen zwei Jahren ist Leoni heute in der Lage, auf Wachstum umzuschalten. Den Fokus richtet der Konzern dabei unter anderem auf China, weil dort Bordnetz-Systeme stark nachgefragt werden. Im Non-Automotive-Segment seien dagegen Übernahmen wieder eine Option. Dr. Klaus Probst, Vorstandsvorsitzender von Leoni, gibt Einblick in die Strategie des Konzerns.

Markt&Technik: Hat der Einbruch der Märkte in den vergangenen zwei Jahren zu einem nachhaltigen Strategiewechsel bei Leoni geführt?

Dr. Klaus Probst: Nein, das ist nicht der Fall. Wir haben sehr schnell und konsequent reagiert und massiv Kosten reduziert. Vor allem unser Bordnetzbereich, der natürlich stark mit der Entwicklung des Automobilmarkts verknüpft ist, geriet ab Oktober 2008 unter Druck. Das hatte zur Folge, dass wir binnen weniger Wochen weltweit 3000 Mitarbeiter entlassen und später noch einmal über 6000 Arbeitsplätze abbauen mussten – und dies innerhalb von einem halben Jahr. Auch das Instrument der Kurzarbeit haben wir natürlich stark genutzt. Die gesamte Führungsebene von Leoni hat im letzten Jahr das Ziel verfolgt, einen ausgeglichenen Free-Cash-flow zu erzielen. Mit einem Plus von 2,1 Mio. Euro ist das auch gelungen. Wir haben also nicht die Unternehmensstrategie geändert, sondern uns nur stark darauf fokussiert, ein finanziell stabiler Partner für unsere Kunden zu bleiben. So konnten die großen Automobilhersteller auch in den schwierigen wirtschaftlichen Zeiten mit gutem Gefühl mit uns als verlässlichem Lieferant zusammenarbeiten. In unserer Branche
ist das ein entscheidender Faktor, der uns auch Wettbewerbsvorteile verschafft hat.

Heute ist die wirtschaftliche Ausgangssituation für Leoni in allen Bereichen wieder besser als noch 2009, richtig?

Überraschend für die gesamte Industrie hat sich das erste Quartal 2010 sehr positiv entwickelt. Das zweite Quartal ist ähnlich gut verlaufen. Ob das allerdings ein Maßstab auch für die zweite Jahreshälfte ist, lässt sich aktuell schwer einschätzen, zumal es nicht ganz klar ist, weshalb sich die Märkte so schnell und so plötzlich erholt haben. Wir versuchen, uns möglichst flexibel zu positionieren. Die Flexibilität in den Fertigungskapazitäten definiert sich in unserer Branche vor allem über die Mitarbeiterzahl. Mit Instrumenten wie Arbeitszeitkonten oder Zeitarbeit, die wir nun vermehrt nutzen, können wir auf Marktgegebenheiten relativ schnell reagieren.

Wollen Sie das Unternehmen künftig so aufstellen, dass es etwas weniger abhängig vom Automobilsektor ist?

Heute entfallen etwa 70 Prozent unseres Geschäfts auf den Automotive-Bereich, die restlichen 30 Prozent verteilen sich auf die anderen Märkte. Unser Ziel ist es, ein Verhältnis von etwa 60/40 zu erreichen; im Jahr 2007 hatten wir fast schon eine solche Aufteilung.

Sie gliedern ihr Unternehmen in die Geschäftsbereiche »Wiring Systems« (Bordnetz-Systeme) und »Wire & Cable Solutions« (früher: Draht & Kabel). Wie unterscheiden und ergänzen sich diese Geschäftsfelder?

Beide Unternehmensbereiche unterscheiden sich stark – auch wegen der ganz unterschiedlichen Kundenbedürfnisse. Und es gibt weltweit keinen zweiten Hersteller, der ähnlich aufgestellt ist wie Leoni: Einerseits sind wir Weltmarktführer für Fahrzeugleitungen. Bei den Bordnetz-Systemen ist Leoni in Europa führend und belegt weltweit den vierten Rang. Der Kundenkreis setzt sich in diesem Segment aus nur etwa 50 großen Unternehmen zusammen, die sehr global aufgestellt sind und die diese globale Ausrichtung auch von ihren Lieferanten fordern. Auf der anderen Seite bedienen wir mit unserem zweiten Standbein »Wire & Cable Solutions« einen sehr fragmentierten Markt mit über 10.000 überwiegend kleinen und mittelständischen Firmen aus vielen Branchen. Diese Mischung allein ist schon eine Herausforderung. Aber auch aus technologischer Sicht ist Leoni für mich das »kom-pletteste Kabelunternehmen« am Markt. Die Produkt-Wertschöpfung reicht vom feinen Einzeldraht, den wir selbst ziehen, über die verschiedenen Ausführungen von Kupfer- und Glasfaserkabeln bis hin zu komplexen Bordnetz-Systemen mit integrierter Elektronik aus einer Hand.

Wie sehen Ihre Pläne in den jeweiligen Unternehmensbereichen aus, zum Beispiel bei den Bordnetzsystemen?

Im Segment der Bordnetzsysteme ist die Strategie relativ einfach zu erläutern. Wie auch in den vergangenen zehn bis 15 Jahren wollen wir uns gemeinsam mit unseren Kunden weiterentwickeln und wachsen. So haben wir Leoni, ausgehend vom Heimatmarkt Deutschland, weltweit aufgestellt – immer dem Kunden folgend. Momentan richten wir einen Fokus zum Beispiel auf China, weil hier die Bedarfe rapide steigen. Vor Ort haben wir unsere Fertigung für Bordnetzsysteme und Kabelsätze erweitert, die beispielsweise Mercedes aktuell in seiner C- und E-Klasse verbaut. Denkbar ist, dass wir künftig unsere Aktivitäten in Indien forcieren werden, wenn Kundenaufträge das erfordern. Durch diese Herangehensweise ist das Investitionsrisiko natürlich relativ gering.