Interview mit Reichelt elektronik »Wir sind 50 Jahre up-to-date geblieben«

Ulf Timmermann, Reichelt

»Amazon ist auch bei uns vorstellig geworden, aber wir haben eine Zusammenarbeit für den Business-Bereich abgelehnt. Wer im B2B-Komponenten­geschäft mit Amazon zusammenarbeitet, schaufelt sich sein Grab.«
Ulf Timmermann, Reichelt: »Wir haben an einer Zusammenarbeit mit Amazon im Business-Bereich kein Interesse. Wer im B2B-Komponenten­geschäft mit Amazon zusammenarbeitet, schaufelt sich sein Grab.«

Reichelt feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Geschäftsführer Ulf Timmermann kam als „Personalnummer 17“ ins Unternehmen und hat die Entwicklung des Distributors seither begleitet. Er gibt u. a. Auskunft zum Raspberry Pi, dem Brexit und Amazon.

Heute hat Reichelt 270 Mitarbeiter, liefert in 100 Länder und ist autorisierter Reseller der Raspberry Pi Foundation.

Markt&Technik: Reichelt ist seit 2010 Teil des Dätwyler-Konzerns. Wie lautet Ihr Fazit bis dato?

Ulf Timmermann: Viele Konzernübernahmen münden darin, dass Assets zusammengeschrumpft werden. Das hat sich bei uns ganz anders dargestellt. Dätwyler glaubte an uns und hat in uns investiert. Man hat uns ermuntert, unseren Weg weiterzugehen. Gleichzeitig wurde mit dem Tag der Übernahme auch der Kurs in Richtung Expansion stringent verfolgt. Wir konnten in unsere Technik investieren und 2016 ist uns ein Big Bang gelungen, indem wir unser Logistikzentrum verdoppelt haben. Wir sind seinerzeit bei 40.000 Artikeln gestartet und haben, Stand heute, 107.000 verschiedene Produkte ab Lager lieferbar.

Wie stellt sich das Wachstum in Zahlen dar?

Wir sind stolz auf unsere Zahlen, müssen aber mit solchen Informationen als Konzerntochter sensibel umgehen. Nichtsdestotrotz: Wir haben die Anzahl unserer Mitarbeiter von etwa 160 vor der Übernahme auf heute 270 Mitarbeiter ausgebaut. Und dabei arbeiten wir immer noch mit einer schlanken Managementstruktur, bestehend aus vier Personen. Das unterscheidet uns von vielen anderen Firmen.

Und wie läuft die Zusammenarbeit im Konzernverbund?

Dass wir in den Konzernverbund eingekauft wurden, hat für uns massive Vorteile gebracht. Wir konnten der Leitung der Konzernführung beweisen, dass wir gut im Geschäft sind. Wir liefern Wachstum und Gewinn. Wir sind schnell, haben frische Ideen, und das alles hat dazu geführt, dass uns die Holding viele Möglichkeiten gegeben hat. Wir haben quasi überhaupt keine Barrieren mehr.

Unterm Strich läuft die Zusammenarbeit also für unser Unternehmen äußerst positiv und für mich persönlich sowieso. Ich gehöre zum Management-Team der Gruppe und habe dadurch die Möglichkeit, weit über den Tellerrand zu schauen. Uns werden sehr interessante Weiterbildungsmöglichkeiten zur Personalentwicklung offeriert; die Grundwerte eines Unternehmens sind der Holding sehr wichtig und das ist natürlich sehr schön für uns.

Es gibt also keine Pläne, dass die Distributions-Firmen im Konzern zusammengelegt werden?

Das wäre, glaube ich, nicht zielführend, denn am Ende des Tages ist man bestrebt, erfolgreich zu investieren.

In der Online-Distribution verschwimmen die Grenzen zwischen B2B und B2C zunehmend – wie stellt sich das bei Reichelt dar?

Wir rekrutieren unsere Kundennische über das Portfolio und über die Breite der Warenkörbe – von Elektronik bis Bürobedarf. Wir werden in der Tat immer B2B-lastiger – denn B2B ist der Wachstumsmotor für uns, während im reinen B2C-Geschäft kein Wachstum zu verzeichnen ist. Aber natürlich verschwimmen die Grenzen.

Der B2C-Kunde, der uns nach wie vor willkommen ist, rekrutiert sich aus der Maker-Szene oder hat sich als Hobby der Elektronik verschrieben. Auch die sogenannten Hobby-Bastler werden immer professioneller, ein schönes Beispiel dafür ist der 3D-Druck. Heute können sie bei uns zahlreiche 3D-Drucker direkt ab Lager kaufen, weil wir in diesem Segment sehr gut aufgestellt sind. Einmal, weil das ein Schwerpunkt für die professionelle Anwendung und Forschung ist. Aber auch Privatkunden kaufen 3D-Drucker bei uns, weil auch sie mittlerweile bereit sind, in ihr Hobby zu investieren. Das sehen wir übrigens auch beim Werkzeug.

Unser B2C-Kunde ist also nicht der klassische Amazon-Kunde, der heute schnell eine Sache bestellt, die er morgen geliefert haben möchte. Bei uns gilt nach wie vor das Prinzip, dass Versandkosten berechnet werden. Aber unser Kunde hat Verständnis dafür, dass Versand kostet. Die Frachtkosten bescheren uns zudem sehr volle Warenkörbe.

Wir halten unsere Produktkosten moderat und werden immer noch als besonders gut und günstig am Markt angesehen. Wenn Sie bei uns einen Warenkorb zusammenstellen, können Sie also nicht daneben liegen.