Auswirkungen von Corona auf Distribution »Wir können digital!«

Georg Steinberger, FBDi
»Wenn wir als Handel in der Zukunft eine vernünftige Rolle spielen wollen, müssen wir unser Geschäftsmodell permanent hinterfragen und optimieren.«
Georg Steinberger, FBDi: »Zusammenarbeit und Solidarität sind gefragt. Dass die Distribution nicht die gesamten Supply-Chain-Probleme oder Kosten schultern kann, ist ja klar. Generell gilt: Es gibt einen Visibilitätsverlust in der Supply Chain, und der wird sich mehrere Monate hinziehen.«

Die Corona-Krise bremst auch die Entwicklung in der deutschen Bauelemente-Distribution. Wie meistert die an sich kontaktintensive Branche diese Situation? Georg Steinberger spricht im Namen des FBDi.

Der Umsatz der im Fachverband Bauelemente-Distribution (FBDi e.V.) organisierten Distributionsunternehmen ging in Q1 um 15 % auf 818 Millionen Euro zurück. Die Aufträge nahmen „nur“ um 2 % ab, was in der Book-to-Bill-Rate eine spürbare Verbesserung zum Vorquartal auf 1,03 brachte, allerdings auf niedrigem Niveau.

»Die größte Herausforderung derzeit ist der Backlog. Da gibt es erhebliche Unsicherheiten«, fasst Georg Steinberger, Vorstandsvorsitzender des FBDi, zusammen. Das Feedback aus dem Feld bzgl. der Materialverfügbarkeit ist sehr heterogen, wie auch Steinberger bestätigt. Die Situation und die Produktionsstruktur sind bei jedem Hersteller anders. »Die Nachfrageseite ist auch sehr durcheinander. Am Ende zählt nur der bestätigte Backlog.«

Konkret sei Asien aus Liefersicht bei Luftfracht nach wie vor eine Herausforderung, zudem die Back-End-Fertigung vieler Hersteller in Malaysia oder auf den Philippinen. »Das Hauptproblem ist die Visibilität in der Supply Chain, die ist etwas verloren gegangen, auf Kunden- wie auf Herstellerseite«. – Wer wann was benötigt, sei wahrscheinlich bis in den Herbst 2020 nicht klar. Die Engpässe, über die viel spekuliert wird, kommen nach Ansicht von Steinberger aller Voraussicht nach später, »aber dann mit umso größerer Wucht«. Von gegenseitigen Beschuldigungen in puncto Lieferketten-Problematik hält Steinberger übrigens nichts: »Die helfen niemandem, Zusammenarbeit und Solidarität sind gefragt. Dass die Distribution nicht die gesamten Supply-Chain-Probleme oder Kosten schultern kann, ist ja klar. Generell gilt, was ich bereits gesagt habe: Es gibt einen Visibilitätsverlust in der Supply Chain, und der wird sich mehrere Monate hinziehen.«

Zumindest kurzfristig sieht Steinberger für seine Branche demnach keine Entwarnung: »Die allgemeine Einschätzung ist, dass der Umsatz dieses Jahr wohl zweistellig zurückgeht. Das kann natürlich je nach Unternehmen variieren.« Eine Erhebung, wie viele Distributoren im FBDi derzeit Kurzarbeit angemeldet haben, gibt es laut Steinberger jedoch nicht.

Der FBDi repräsentiert einen Großteil der in Deutschland aktiven Distributoren, darunter auch die US-Unternehmen Avnet, Arrow, Mouser und TTI.
Fakt ist: Schon seit Februar hat sich die Stimmungslage in Europa und den USA massiv verschlechtert. Steinberger: „Ein PMI für Deutschland von 34,5 im Mai, 50 ist die Schwelle zum Positiven, spricht Bände – die Wirtschaftskrise im Quadrat.« (Anmerkung der Redaktion: PMI = Production & Manufacturing Index, herausgegeben von IHS Markit.) Dies, so Steinberger weiter, spiegle allerdings erst mal die Stimmung wider. Das Jahr werde zeigen, wie schlecht es tatsächlich wird. Doch dabei hat er auch eine aufmunternde Botschaft: »Grundsätzlich sind wir nach wie vor der Meinung, dass langfristig unserer Branche für die technische und umweltfreundliche Erneuerung der Gesellschaft eine Schlüsselrolle zukommt.« Die Krise hätte laut Steinberger das Potenzial, der gesamten Gesellschaft und damit natürlich auch der Wirtschaft den Weg in eine nachhaltigere Zukunft zu weisen: »Was Corona gezeigt hat? Wir können nicht nur Masken tragen und Abstand halten, sondern auch digital wirtschaften! Dieses Jahrzehnt wird zeigen, ob wir den Umbau zu einer bewussteren, volkswirtschaftlich sinnvollen, umweltverträglichen und gerechten Wirtschaftsweise schaffen.«

Wird diese Krise die Digitalisierung auch in der Distribution weiter vorantreiben? Georg Steinberger ist der Meinung, dass die Branche in diesem Punkt sowieso schon eine Vorreiterrolle einnimmt: »Wir betreiben seit den 90er-Jahren Digitalisierung, sonst hätten wir unsere Produktivität nicht so rasant steigern können. Dass keiner von uns Amazon ist, versteht sich, aber die Fortschritte sind enorm: Robot Process Automation, intelligente Pricing Tools, Analytics, das passiert gerade alles gleichzeitig. Besser und mehr geht natürlich immer.« Dass dabei der persönliche Kontakt auf der Strecke bleibt, glaubt Steinberger übrigens nicht. »Die Menschen bleiben, sie werden nur dank Technik weiter produktiver.«