Hardware, Konnektivität und Cloud Vom Board zur kompletten Systemlösung 

Marco Giegerich, Avnet Silica: »Die Komplexität, um einen kompletten Use-Case umzusetzen, nimmt immer mehr zu, da meist verschiedenste neue Technologien gemeinsam zum Einsatz kommen.«
Marco Giegerich, Avnet Silica: »Die Komplexität, um einen kompletten Use-Case umzusetzen, nimmt immer mehr zu, da meist verschiedenste neue Technologien gemeinsam zum Einsatz kommen.«

Der Wandel der Distribution vom reinen Bauteileverkauf zum technologie- und anwendungsorientierten Anbieter spiegelt sich auch in der strategischen Ausrichtung von Avnet Silica auf vertikale Segmente, neue Technologien und komplette Systemlösungen wider, wie das folgende Interview zeigt.

Alexander Stempfle, Technical Director EMEA, und Marco Giegerich, Director Vertical Markets und 3rd Party Management EMEA, informieren über die Neuerungen.

Markt&Technik: Was genau ist neu bei Avnet Silica?
Marco Giegerich: Wir konzentrieren uns künftig noch stärker als bisher auf vertikale Segmente und setzen die Schwerpunkte auf Automotive, Smart City, Smart Industry, Aerospace & Defense, Lighting, Artificial Intelligence/Machine-Learning & Vision. Wobei es sich beim Bereich künstliche Intelligenz um einen Technologieansatz handelt, der sehr stark mit den anderen Segmenten interagiert. Aufgrund seiner Bedeutung haben wir mit den Segmenten gleichgestellt, damit wir innerhalb des Teams den bestmöglichen Austausch gewährleisten können. Somit lassen sich Systemlösungen für Use-Cases wie etwa Predictive Maintenance oder KI-basierte Kameralösungen besser adressieren. KI ist der Schlüssel für viele neue Anwendungen. Das zeigen auch die Fördergelder in der EU, die von aktuell 400 Millionen Euro auf etwa 2,1 Milliarden steigen sollen.

Und wie wird die neue Ausrichtung teamseitig abgedeckt?
Marco Giegerich: Auf Basis der Anforderungen im Markt und der Trends realisieren wir Systemlösungen mit und für unsere Kunden. Dafür sind die Marktsegment-Manager verantwortlich, die in den jeweiligen Märkten zu Hause sind. Diese Struktur ist auf Sales-Seite gespiegelt, das heißt wir arbeiten in Marketing und Sales sehr eng zusammen. Über die Technologie-Spezialisten stellen wir sicher, dass die neuesten Produkte in enger Abstimmung mit unseren Herstellern ausgewählt werden. Daraus wird die Gesamtlösung erstellt, wobei wir auch auf Unterstützung von Partnern zurückgreifen. Die Verwendung neuester Technologien abgestimmt auf Markterfordernisse ist eines der Kernelemente. 

Alexander Stempfle: An dieser Stelle möchte ich Ihnen unsere Neuigkeiten im technischen Bereich aufzeigen. Neben den bewährten Teams von Feldapplikationsingenieuren haben wir im neuen Geschäftsjahr ein zusätzliches Team der Technology Specialists ins Leben gerufen. Neben Power und Security stehen auch die Technologien „Connectivity Wireless & Sensing“ und „Connectivity wired & 5G” im Mittelpunkt. Jeder Technologiebereich wird auf EMEA-Level von einem dedizierten Technology Specialist verantwortet. Die Teams arbeiten eng zusammen. Des Weiteren gehören enge Abstimmungen mit unseren Herstellern und deren Business-Units und ein sehr gutes Verständnis zu Kunden- und Marktanforderungen zu ihren Aufgaben.

Verschiebt sich der Schwerpunkt von der Hard- zur Software?
Stempfle: Hardware wird ein wichtiger Bestandteil unseres Geschäfts bleiben. Dazu kommt aber immer mehr der Bereich Software, für den wir ein eigenes Team am Start haben. Zusätzlich spielen Cloud-Lösungen eine wichtige Rolle. Für unsere Kunden steht die Abbildung des kompletten Use-Cases im Vordergrund. Wir adressieren entsprechend also nicht nur das Board selbst, sondern auch die Konnektivität und die Cloud-Anbindung. Auf der electronica letztes Jahr wurde eine KI-Lösung entwickelt von STM, Avnet und Octonion, einem Anbieter von Intelligent-Edge-IoT-Software, vorgestellt. Dabei handelt es sich um ein fertig zertifiziertes Produkt inklusive Sensorik, Software und Cloud-Anbindung, das mit dem STM32 von STMicroelectronics und der Brainium-KI-Software von Octonion ausgestattet ist. Damit soll es möglich sein, KI in nur sechs bis acht Monaten serienreif zu entwickeln und einzusetzen. 

Giegerich: Die Idee hinter der neuen strategischen Vorgehensweise ist, dass wir komplette Systemlösungen adressieren können. Hierzu benötigen wir auch Third Parties. Das können entweder Externe oder Partner innerhalb des Avnet-Ökosystems sein. 

In welchen Fällen werden Third Parties eingebunden?
Giegerich: Die Komplexität, um einen kompletten Use-Case umzusetzen, nimmt immer mehr zu, da meist verschiedenste neue Technologien gemeinsam zum Einsatz kommen. Dabei soll die Umsetzung in immer kürzerer Zeit erfolgen. Es können oder müssen aber nicht alle Bereiche vom Kunden durch eigene Ressourcen abgedeckt werden. Auf Basis der Kundenanforderungen und je nach Marktsegment können wir die Zusammenarbeit mit der Third Party vorschlagen, die genau das erforderliche marktspezifische Know-how mitbringt, um diese Lücken schließen. Als Beispiel kooperieren wir im Bereich Automotive mit Partnern, die auf sehr viel Erfahrung mit ihren Teams im Bereich Power-Management – Stichwort: 48 V – verfügen. 

Gibt es im Zuge dessen auch eine Zusammenarbeit mit anderen Speedboats?
Giegerich: Im Avnet-Ökosystem laufen Programme mit den Teams in USA und Asien. Aber ja, wir arbeiten zum Beispiel auch mit Avnet Integrated/MSC und Premier Farnell zusammen, um Turnkey-Solutions zu realisieren oder im Markt zu positionieren.

Stempfle: Um die heutigen vielseitigen Anforderungen von Kunden und vom Markt entsprechend antizipieren zu können, sorgen wir für einen hohen Wissensstand und kontinuierliche Fortbildung in unseren technischen Teams. Besonders erwähnenswert sind Zusatzqualifizierungen wie z.B. unser Team von Functional Safety Engineers.
Des Weiteren ist Avnet Silica aktives Mitglied in diversen Allianzen, Member Groups und Standardisierungsgremien. Jüngstes Beispiel ist die geplante Aufnahme in die European Cyber Security Organisation (ECSO). Durch diese Mitgliedschaft können wir uns aktiv in diversen Working-Groups einbringen.

Rücken mit der beschriebenen Ausrichtung auch neue Kunden in den Fokus?
Giegerich: Ja, durchaus. Wir setzen nicht nur auf die großen Technologietreiber und Marktführer, sondern fokussieren uns auch auf die Firmen, die neu in den Markt hineinkommen. Hier sehen wir viel Potenzial. Wir sehen darüber hinaus auch viele Veränderungen im Markt generell, nicht nur in einzelnen Segmenten wie Automotive, Smart Building und Home-Automation, sondern auch Aspekte wie „Everything as a Service“ und Konvergenz der Märkte rücken in den Vordergrund. Das lässt sich gut am Beispiel Automotive und Smart City beschreiben: Die beiden Segmente wachsen immer mehr zusammen und erfordern ganz neue Konzepte – zum Beispiel, wenn der Parkplatz im Einkaufszentrum schon vor der Einfahrt reserviert wird, anschließend das E-Auto aufgeladen wird und man bei der Einfahrt Gutscheine von präferierten Geschäften in eben diesem Einkaufszentrum aufs Smartphone gesendet bekommt.


Damit steigt aber auch das geforderte Know-how bzw. die Anforderungen an die Linecard des Distributors.
Giegerich: In der Tat. Wir haben einerseits Spezialisten für die jeweiligen Märkte, für Software und IP. Wir verstärken uns aber auch auf der Linecard in neuen Bereichen wie Vision und künstliche Intelligenz. In Kürze werden wir zum Beispiel auch einen Hersteller mit einem ISP für Kameralösungen im Portfolio haben. Mit der HDR- (High Dynamic Range) ISP können große Helligkeitsunterschiede, die z.B. beim Herausfahren aus einem Tunnel jeder schon erlebt hat, sehr detailliert wiedergegeben werden, ohne dass weitere Hardware erforderlich ist. Ein weiterer interessanter Hersteller ist DeePhi, den Xilinx übernommen hat und den wir im Zuge dessen auch auf unserer Linecard haben. 
Die Multikamera-Plattform „Artificial Intelligence Accelerated“, die über uns erhältlich ist, basiert auf der DeePhi-DPU – Deep Processing Unit . Wie der Name schon erkennen lässt, spielt KI hierbei die Kernrolle. AI ACC ist beispielsweise gedacht für die Gesichts- und Objekterkennung oder zum Zählen von Personen, etwa auf Veranstaltungen. Entwickelt wurde die Plattform von uns. Dabei handelt es sich aber noch um kein Produkt, sondern um eine unzertifzierte Entwicklungsplattform, die individuell auf die Anforderungen des Kunden hin angepasst werden kann. 
Stempfle: Früher haben sich die Firmen nur über die Hardware definiert, heute geht es darum, dem Kunden ein komplettes Konzept anbieten zu können. Der Kunde hat keine Zeit mehr, sich über alles einzeln zu informieren. Wer eine Gesamtlösung bieten kann – ganz nach unserem Motto Complexity Simplified –, hat die Nase vorne!