Interview mit Mouser Electronics »Unser Geschäft sieht im Moment ziemlich gut aus!«

Von schlechter Stimmung ist bei Mouser auch in diesen Zeiten nichts zu spüren: Mark Burr-Lonnon, Senior Vice President für EMEA und Asien und Global Service, und Jeff Newell, Senior Vice President, zeigen zahlreiche Lichtblicke auf und prognostizieren sogar ein Wachstum für 2020.

Markt&Technik: Inwieweit hat Covid-19 Ihre Prognosen hinsichtlich Wachstum für 2020 durcheinandergewirbelt?

Mark Burr-Lonnon: Zu Beginn des Jahres 2020 haben wir mit einem Gesamtwachstum von etwa 8 % gerechnet. Derzeit liegen wir bei etwa 8,3 %. Unser Geschäft sieht im Moment ziemlich gut aus.

Eine unserer Hauptkundengruppen sind die OEMs, die einen beträchtlichen Teil der Elektronikindustrie ausmachen. Kleine und mittelständische Unternehmen aus dem Bereich Auftragsfertigung, also EMS, sind eine starke und wichtige Gruppe für uns, und im Hinblick auf das Kundenvolumen sind auch Hobbyelektroniker und Studenten ein guter Markt für uns.

Aufgrund von Covid-19 ist das Jahr – wie für viele andere Unternehmen – etwas anders verlaufen, als wir es geplant und erwartet hatten. Die Covid-Auswirkungen haben bisher dazu geführt, dass unsere großvolumigen EMS-Kunden weitaus aktiver waren, als wir erwartet hatten. Dadurch hat dieser Bereich unseres Geschäfts in diesem Jahr bisher um 31 % zugenommen. Der Bereich der kleinen und mittelständischen EMS-Kunden liegt ebenfalls 10 % über unseren Prognosen, ebenso wie unser Hobbyelektroniker- und Studentengeschäft, das um 15 % zugenommen hat. Das sind alles sehr positive Signale für unser Geschäft insgesamt.

Die OEM-Kundengruppe, die für uns in Bezug auf die Anzahl der Kunden eine signifikant große Gruppe darstellt, ist um 3 % gestiegen, was immer noch ein respektables Wachstum ist, wenn man bedenkt, wie die Industriemärkte weltweit von der Krise getroffen wurden. Aus Branchen- und Geschäftsperspektive können wir uns also insgesamt glücklich schätzen und mit unserer Lage zufrieden sein.

Interessant ist allerdings die achterbahnartige Entwicklung der Nachfrage, nachdem sich Covid-19 auf der ganzen Welt ausgebreitet hat. Das Jahr begann für Mouser sehr gut. Um das chinesische Neujahrsfest – das traditionell immer mit einer Abschwächung der Wirtschaft einhergeht – ging es dann mit dem Lockdown in China richtig bergab. Europa sowie Nord- und Südamerika begriffen plötzlich, was in China geschah, was eine riesige Welle von Aufträgen nach sich zog. In einem Drittel unserer Märkte ging es abwärts, dann in zwei Dritteln aufwärts. Dann erholte sich China plötzlich wieder, während die anderen Regionen, die zwei Drittel ausmachten, härtere Zeiten erlebten.

Herr Newell, was hat sich aus Produktsicht verändert?

Jeff Newell: Aus der Produktperspektive prognostizieren wir zwar nicht unbedingt das Produktwachstum als solches, aber es gibt eine Reihe interessanter Aspekte, die man beachten sollte.

Zunächst einmal sind wir voll davon ausgegangen, dass sich das Kondensatorgeschäft in diesem Jahr erholen würde. 2019 war es aufgrund seiner Stärke im Jahr 2018 deutlich zurückgegangen, und alle, mit denen ich gesprochen habe, intern wie auch extern, hatten erwartet, dass es sich erholen würde. Das ist nicht geschehen. Der Gesamtumsatz ist zwar erheblich zurückgegangen, das Absatzvolumen ist jedoch nur um etwa 3 % zurückgegangen, sodass wir immer noch viele Produkte ausliefern. Es wurde prognostiziert, dass ein starkes Wachstum aus dem Automobilsektor kommen würde, aber dieser Branche geht es jetzt eindeutig nicht so gut. Wir liefern immer noch viele verschiedene Produktlinien an unsere Automobilkunden aus, aber die Mengen sind relativ gering, was darauf schließen lässt, dass es sich eher um Design- bzw. Entwicklungsaktivitäten als um Bestellungen für die Serienproduktion handelt.

Eine weitere Produktkategorie, die erwähnt werden sollte, sind die diskreten Bauelemente, die 2018 stark zugenommen und 2019 abgenommen haben, sich aber noch nicht wieder erholt haben. Wir können nicht sagen, warum das so ist, und die Hersteller, mit denen wir uns darüber austauschen, haben darauf auch noch keine Antwort. Wahrscheinlich muss man weitere Nachforschungen anstellen und neue Erkenntnisse gewinnen, bevor sich eine fundierte Einschätzung hierüber abgeben lässt. Da aber diskrete Bauteile in so ziemlich alle Endprodukte einfließen, ist es merkwürdig, dass eine Technologie so stark zurückgeht, während das in anderen Bereichen unseres Geschäfts nicht der Fall ist. Die einzige Schlussfolgerung, die wir ziehen können, ist, dass es entweder Überbestände gibt oder dass die Branchen, die negativ betroffen waren, beispielsweise der Automobil-, Industrie-, Öl- und Gasbereich, ein signifikantes Volumen dieser Produktgruppe ordern müssen – nur dass sie im Moment einfach nicht kaufen.

Positiv ist zu vermerken, dass wir ein Wachstum bei Mikroprozessoren, Mikrocontrollern, Analogtechnik und Steckverbindern erwartet haben. Diese Kategorien haben in diesem Jahr zugelegt, und sogar einige passive Bauelemente wie Widerstände und Induktivitäten entwickeln sich sehr gut.