Wer bezahlt am Ende die Flexibilität? »Share Pains & Profits!«

Erwin Luginsland, Avnet Supply Chain Solutions: »Wir brauchen auf beiden Seiten Kompromissbereitschaft. Wenn ein Kunde ganz offen zugibt: ’Wir tun für unsere Kunden alles, aber für unsere Lieferanten nichts’, dann hat das nichts mehr mit Fairness zu tun.«
Erwin Luginsland, Avnet Supply Chain Solutions: »Wir brauchen auf beiden Seiten Kompromissbereitschaft. Wenn ein Kunde ganz offen zugibt: ’Wir tun für unsere Kunden alles, aber für unsere Lieferanten nichts’, dann hat das nichts mehr mit Fairness zu tun.«

»Wir brauchen mehr Transparenz und Flexibilität in der Lieferkette«, fordern die Teilnehmer des 2. Markt&Technik Supply Chain Summits. Aber wer bezahlt am Ende diese Flexibiltät?

Geht eine Flexibilität, die gleichbedeutend ist mit null bzw. sehr niedrigen Beständen, zu Lasten der Lieferanten? Unter anderem dieser Frage ging Erwin Luginsland, Director von Avnet Supply Chain Solutions, in seinem Vortrag auf den Grund: Das Bestellverhalten vor allem der Großkundenkunden wird laut Luginsland immer »digitaler«. Fast die Hälfte der Key Accounts von Avnet EMEA wuchs bzw. schrumpfte in den letzten 24 Monaten um mehr als ±50 Prozent. Und die Ausschläge des Marktes nehmen speziell in der Halbleiterindustrie nicht ab, daran kann auch ein höherer Planungs- und Analyseaufwand nichts ändern. Trotzdem fordern die Distributionskunden mehr Flexibilität.


»Da müssen wir uns schon die Frage stellen, wer eigentlich für die Flexibilität bezahlt«, gibt Erwin Luginsland zu bedenken. Irgendjemand müsse die Bestände schließlich vorhalten, denn »wir können nicht von heute auf morgen Bauteile schnitzen. Als Distributor haben wir das volle Lager- und Stornorisiko, und wir haben kaum eine Wahl, außer wir sagen ’nein’ und nehmen von einem Geschäft komplett Abstand.«

Derzeit umfasst das Avnet-Lager allein in Europa 600 aktive Produkte im Wert von 600 Millionen Euro, darunter sind etwa 80 Prozent B- und C-Teile. Die Bürokratie steige ständig weiter und Extra-Services werden oft nicht bezahlt, beklagt der Supply-Chain-Experte. »Gleichzeitig haben wir immer weniger Rechte.« Nach Ansicht von Luginsland wäre hier an einigen Stellen schon mehr Fairness in der Lieferkette angebracht: Denn schließlich geht es bei einer Kunden-Lieferanten-Beziehung ganz entscheidend um Partnerschaft. Und die dürfe keine Einbahnstraße sein, so Luginsland: »Wir brauchen auf beiden Seiten Kompromissbereitschaft. Wenn ein Kunde offen zugibt: »Wir tun für unsere Kunden alles, aber für unsere Lieferanten nichts« - damit zitiert Luginsland ein ganz reales Beispiel -, »dann hat das nichts mehr mit Fairness zu tun«.

Ein weiteres Problem seien die fehlenden Standards in der Elektronikindustrie. So koche jedes Unternehmen sein eigenes Süppchen. »Andere Branchen, wie die Lebensmittelbranche, sind hier schon viel weiter, da wird nicht lange herumdiskutiert, wie ein Label auszusehen hat, sondern das ist als Standard definiert.« In der Elektronikbranche hingegen wird ein »schönes Label« zum Differenzierungsmerkmal und das kann nun wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sein. »Wir brauchen dringend verbindliche Standards, beim Labeling, den PCNs (Product Change Notifications) und dem Date-Code«, fordert Luginsland.  
  
Doch wie kommt man vom Konflikt zur Kooperation? »Erst einmal brauchen wir gemeinsame Spielregeln, in denen die gemeinsamen Ziele verankert sind, und ein Maßnahmenkatalog, der im Fall von Abweichungen greift«, so Luginsland. Oder anders ausgedrückt: »Share pains & profits!« Das wäre dann zumindest fair. Doch dazu muss jeder Akteur in der Lieferkette sich seiner Rolle und auch der Verantwortung, die er trägt, erst mal bewusst werden. Auch die Erwartungen an die Partner in der Lieferkette müssten definiert sein, denn, so Luginsland: »Wenn ich Erwartungen nicht definiere, führt das nicht zum Erfolg, sondern endet unter Umständen im Panikmodus.« Und schließlich müssen die Regeln und die gegenseitigen Erwartungen auch kommuniziert werden. Die mangelnde Kommunikation kristallisierte sich auf dem Markt&Technik Supply Chain Summit als eines der Hauptprobleme in der Lieferkette heraus. Doch auch wenn es weh tut: »Wir müssen den Finger in die Wunden der Branche legen«, so Luginsland, sonst werde sich in punkto Fairness und Zusammenarbeit in der Lieferkette nichts verbessern.