Gleichmann Electronics: Obsolescence-Thematik betriftt nicht nur Halbleiterbausteine Nur wenige Industriedisplays länger als fünf Jahre verfügbar

Ralf Sommer, Gleichmann Electronics. »Die Obsolescence-Problematik wird sich in den nächsten Jahren eher noch verschärfen.«

Die Obsolescence-Problematik betrifft laut Ralf Sommer, Business Development Director bei Gleichmann Electronics, »definitiv nicht nur Halbleiterkomponenten, besonders gravierend zeigt sich dies bei Displays«. Wenn Hersteller von Industriedisplays heutzutage mit Langzeitverfügbarkeit werben, »meinen sie damit in der Regel drei Jahre, nur selten sind wie bei Chimei Innolux, NEC LCD Technologies oder Optrex einzelne Displays auch schon mal fünf Jahre und länger verfügbar.«

Markt&Technik: Wie kann der Kunde sich darauf einstellen und wie helfen Sie ihm als Distributor ganz konkret?

Ralf Sommer: Wenn man sich möglicher Schwachstellen in der langfristigen Vorsorgungskette bewusst ist, kann man diese schon bei der Entwicklung eines neuen Produkts entsprechend berücksichtigen und rechtzeitig Vorsorge treffen. Abkündigungen treffen unsere Kunden in der Regel nicht unvorbereitet, und selbstverständlich unterstützen wir sie bei der Suche nach geeigneten Ersatzlösungen. Weil einige Unternehmen der MSC-Gruppe auch eigene Produkte anbieten, setzen wir uns zwangsläufig schon seit vielen Jahren sehr intensiv mit der Obsolescence-Thematik auseinander. Wir wissen also aus eigener Praxiserfahrung sehr genau, worauf wir bei neuen Projekten unserer Distributionskunden zu achten haben, wo eventuell mögliche Langzeitrisiken bestehen. Diese potenziellen Risiken werden dann bereits in der Projektplanungsphase mit den Kunden diskutiert und entsprechende Worst-Case-Szenarien entwickelt. Der Kunde weiß also in der Regel bereits vor dem Design-Start, welche Alternativen im Falle einer Abkündigung eventuell zur Verfügung stehen könnten.

Regen Sie ggf. kleinere Hersteller an, abgekündigte Produkte weiter zu bauen, wenn ein großer HL-Hersteller die Herstellung einstellt, weil die Stückzahlen für ihn zu gering geworden sind?

Nein. Dass ein kleinerer Hersteller von einem großen HL-Hersteller abgekündigte Produkte weiter fertigt, wird wohl die Ausnahme bleiben, es sein denn, dass er vorher schon als Second Source agierte. Erfreulicherweise konnten wir in einigen Fällen allerdings große Hersteller überzeugen, die Einstellung einer Produktlinie nach hinten zu verschieben, weil noch größeres Interesse an diesen Produkten bestand.

Seit wann ist Obsolescence überhaupt ein Thema, hat seine Bedeutung zugenommen in den letzten Jahren?

Vor allem im Bereich extrem langlebiger Wirtschaftsgüter war Obsolescence schon immer ein Thema. Zugenommen hat dessen Bedeutung allerdings mit den immer kürzeren Innovationszyklen und der gestiegenen Komplexität der elektronischen Komponenten. Ein mechanischer Schalter lässt sich mit minimalem Aufwand viele Jahre sicher und ohne Funktionsverlust einlagern. Aber wie verhält sich ein IC, das 20 Jahre lang im Regal gelegen hat? Ich erwarte, dass sich die Obsolescence-Problematik in den nächsten Jahren eher noch verschärfen wird.

In welchen Branchen ist Obsolescence besonders wichtig?

Laufzeiten von zehn oder mehr Jahren sind heutzutage nicht nur in Bereichen wie der Automobil- und Medizintechnik, sondern auch in anspruchsvollen Industrieapplikationen eher die Regel denn die Ausnahme. Insofern trifft das Thema alle Branchen, die langlebige Wirtschaftsgüter fertigen. Eine vergleichsweise geringe Bedeutung hat Obsolescence für den Consumer-Bereich, weil sich hier die Endproduktzyklen in den letzten zwei Jahrzehnten drastisch verkürzt haben und die Reparaturkosten außerhalb der Garantiezeit meistens in keinem vernünftigen Verhältnis zum Neuanschaffungspreis stehen.

Welche konkrete Strategie haben Sie – hat sie sich im Lauf der Zeit geändert?

Im Grundprinzip hat sich die MSC-Gleichmann-Strategie über die Jahre kaum geändert. Eine der wichtigsten Maßnahmen im Umgang mit der Obsolescence-Problematik ist für uns nach wie vor die Fokussierung auf Hersteller, die sich in Bereichen wie Automobilelektronik, Medizintechnik und Industrieautomatisierung durch langjährige Liefertreue und Zuverlässigkeit einen erstklassigen Namen bei OEMs und Distributionskunden erarbeitet haben. Wenn wir mit Kunden über Projekte mit langer Laufzeit diskutieren, versuchen wir, zumindest bei Schlüsselprodukten wie MCUs und FPGAs soweit möglich immer bereits die nächste Technologiegeneration mit einzubeziehen. Konkret bedeutet dies, dass ein Produkt auf der aktuellen MCU-Plattform so entwickelt wird, dass mit dem Start der Massenproduktion in ein oder zwei Jahren direkt und ohne großen Redesign-Aufwand ein Schwenk auf die zu diesem Zeitpunkt aktuellste MCU-Generation erfolgen kann. Diese Vorgehensweise schafft zusätzliche Sicherheit hinsichtlich einer langfristigen Verfügbarkeit. Ein weiterer wichtiger Punkt unserer Obsolescence-Strategie: Wenn ein neues Bauteil auf den Markt kommt, das grundsätzlich den geforderten Funktionalitäten eines bereits eindesignten Produktes entspricht, werden die betroffenen Kunden darüber informiert, damit sie dieses Bauteil gegebenenfalls bereits beim nächsten Redesign oder im Rahmen des nächsten Kostenoptimierungsprozesses berücksichtigen können.

Wie gehen Sie im Details vor, wenn ein Hersteller ein Bauteil abkündigt?

Grundsätzlich informieren wir erst einmal alle unmittelbar betroffen Kunden von der Abkündigung. Alle weiteren Schritte hängen vom jeweiligen Kunden und dem jeweiligen Projekt ab. Die Erfahrung zeigt, dass es keinen standardisierbaren Ideallösungsansatz gibt, weil nahezu jedes Projekt anders zu handhaben ist. Eine Option ist, dass wir die abgekündigten Bauteile oder -gruppen ab dem ‚last buy’-Zeitpunkt für den Kunden über einen begrenzten Zeitraum in der von ihm gewünschten Zahl auf Abruf einlagern. Die Kosten für diese Dienstleistungen orientieren sich in der Regel an dem für Jahre gebundenen Kapital. Wenn eine Bevorratung einzelner Bauteile oder gar Masken über viele Jahre notwendig wird, kooperieren wir allerdings mit Spezialisten, die über die dafür notwenige technische Spezialausstattung und entsprechende hochsichere Lagerstätten verfügen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass wir in Absprache mit dem Kunden auf einen Hersteller, der sich der gleichen – Stichwort Second Source - oder einer ähnlichen Technologie bedient, ausweichen. Zudem gibt es inzwischen neben den klassischen Second Sources mit e2v und Innovasic ja auch noch einige Unternehmen, die von namhaften Herstellern abgekündigten Architekturen oder einzelnen Bausteinen neues Leben einhauchen.

Und falls das alles nicht greift?

Dann bleibt in der Regel alternativ meist nur noch ein teilweises oder komplettes Redesign, wobei wir unseren Kunden auch hier nicht nur mit Rat, sondern Tat zur Seite stehen. Dank unserer langjährigen Erfahrung mit Redesign kommt es gar nicht selten vor, dass der Kunde am Ende durch die Abkündigung eines Bauteils - auf die Gesamtrestlaufzeit seiner Applikation gerechnet - sogar noch Geld spart.