Volatilität wird zur Normalität »Nicht Firmen, sondern Lieferketten konkurrieren«

Stefan Dosch, Freescale: »Das Konzept hat funktioniert, wir haben viel gelernt. Die Schwierigkeiten bestanden aber vor allem in der Fluktuation der Mitarbeiter bei unserem Dienstleister.«
Stefan Dosch, Freescale: »Das Konzept hat funktioniert, wir haben viel gelernt. Die Schwierigkeiten bestanden aber vor allem in der Fluktuation der Mitarbeiter bei unserem Dienstleister.«

Die Volatilität wird in der Elektronikindustrie immer mehr zur Normalität - das zeigte der Vortrag von Dr. Andreas Gontermann zum Elektronikmarkt sehr deutlich. Dass diese extremen Ausschläge vor allem die Halbleiterhersteller vor eine große Herausforderung stellen, machten Infineon und Freescale in ihren Präsentationen deutlich.

»Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der Firmen konkurrieren, sondern Lieferketten.« Mit diesem im Deutschen zunächst provokant klingenden Satz von Professor Hau Lee (Stanford), dem derzeit global bekanntesten Supply Chain Manager, konfrontierte Hans Ehm, Head of Supply Chain Innovations von Infineon, die Teilnehmer des Supply Chain Summit. »Wer kann leugnen, dass Automobilzulieferer von Halbleitern abhängen und damit die Autobranche selbst - die Halbleiterallokation in den letzten Jahren hat dies deutlich gezeigt«, erklärt Ehm. »Wenn eine JiT- (just in time) und JiS-Industrie (Just in Sequence), die stundenfein im Milk-Run-Modus denkt, auf eine Industrie mit Durchlaufzeiten in Monaten trifft, dann sind keine schnellen und einfachen Antworten möglich.«

Alleine die Frontend-Supply-Chain der Infineon-Halbleiter umfasst mehr als 500 Prozessschritte. Dass solch extreme Zyklen wie die der letzten drei Jahre einen Halbleiterhersteller vor enorme Herausforderungen stellt, liegt auf der Hand. Wobei ein Downturn laut Ehm noch einfach zu managen ist: Man reagiert, sobald ein Abschwung sichtbar wird. Die Reaktionszeit beeinflusst die Einsparungen linear. Viel größere Herausforderungen bringt nach Ansicht von Ehm ein Aufschwung mit sich: »Zieht der Markt an, muss man das über Wochen oder Monate voraussehen. Eine verspätete Reaktion hat hier einen exponentiellen Effekt.« Die Firmen, die am schnellsten reagieren, sind daher nach Ansicht von Ehm die besten. 

Damit Supply Chain Management zum Wettbewerbsvorteil für ein Halbleiterunternehmen und die Beteiligten in der Lieferkette werden kann, muss nach Ansicht von Ehm eine neue Ära eingeleitet werden, in der der Begriff »Kollaboration« einen gänzlich positiven Anstrich bekommt. So zeigte der Supply-Chain-Experte auch neue Lernmethoden zur Kollaboration auf, die von »Serious Games«, wie dem »Beer Game« (Bierspiel) bis hin zu globalen akademischen Programmen reichen. Das 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) als Teil der Managementausbildung erfundene Bierspiel zeigt anhand der Lieferkette einer kleinen Brauerei - daher der Name »Bierspiel« - dass die Supply Chain nur dann reibungslos funktioniert, wenn die Akteure untereinander kommunizieren. Tun sie das nicht, schaukelt sich das System sehr schnell auf und zieht einem Bullwhip Effect nach sich.