Erfolgsgaranten »Entwicklungsdienstleistungen und Systemgeschäft« MSC-Gleichmann will bis 2015 80 Prozent des Umsatzes aus Systemgeschäft generieren

Thomas Klein, MSC-Gleichmann: »MSC-Gleichmann ist momentan wahrscheinlich der einzige Bauelemente-Distributor in Europa, der seinen Kunden im Bedarfsfall nicht nur Design-In- und Entwicklungs-, sondern auch Fertigungs-Know-how zur Verfügung stellen kann. «
Thomas Klein, MSC-Gleichmann: »MSC-Gleichmann ist momentan wahrscheinlich der einzige Bauelemente-Distributor in Europa, der seinen Kunden im Bedarfsfall nicht nur Design-In- und Entwicklungs-, sondern auch Fertigungs-Know-how zur Verfügung stellen kann. «

Trotz der finanzwirtschaftlichen Turbulenzen in Europa rechnet Thomas Klein, CEO Distribution von MSC-Gleichmann, für sein Unternehmen auch in diesem Jahr mit einem »soliden Wachstum«. In Zukunft will sich MSC-Gleichmann noch mehr als bislang auf kundenspezifische Entwicklungen konzentrieren: Bis 2015 will die Unternehmensgruppe »80 Prozent des Umsatzes mit kundenspezifischen Komplettlösungen generieren«, betont Klein.

Markt&Technik: Die Auswirkungen der hohen Staatsverschuldung einiger Euro-Länder geht auch an der Wirtschaft nicht spurlos vorbei. Ist der Wirtschaftsboom in Deutschland zu Ende?

Thomas Klein: Gute Frage. Ich persönlich glaube zwar nicht, dass sich die überaus erfreuliche wirtschaftliche Entwicklung des letzten Jahres und der ersten sechs Monate 2011 - ich denke dabei unter anderem an die Rekordumsätze der deutschen Automobilindustrie oder auch an den deutschen Einzelhandel, der im ersten Halbjahr die höchsten Zuwachsraten seit sechs Jahren verbuchen konnte - mit dieser Geschwindigkeit fortsetzen lässt. Trotzdem gibt es nach wie vor MSC-Kunden, die sich vor Neuaufträgen kaum retten können. Und auch mit Wachstumszahlen wie den vom Verband der deutschen Anlagenbauer Anfang September für 2012 prognostizierten 4 Prozent ließe sich immer noch gut leben. Letzten Endes wird die weitere wirtschaftliche Entwicklung wohl einzig und allein davon abhängen, wie schnell oder langsam sich die weltweiten Kapitalmärkte wieder stabilisieren, und das kann leider momentan niemand zuverlässig vorhersagen.

Zeigt die Finanzkrise derzeit bereits Auswirkungen auf das Distributionsgeschäft, wenn ja welche und in welchen Regionen Europas? 

Soweit es die MSC-Gleichmann-Gruppe betrifft, gehen wir zumindest für 2011 nach wie vor von einem soliden Umsatzwachstum aus. Man spürt aber schon, dass sich selbst bei den Kunden mit momentan prall gefüllten Auftragsbüchern aufgrund der nicht enden wollenden politischen Diskussionen rund um die weltweite Finanzkrise zunehmend Unsicherheit breit macht. Vielen sitzt der Schock der letzten Krise noch immer tief in den Knochen. Manche sahen sich damals mit Auftragsstornos von 50 und mehr Prozent konfrontiert. In diese Falle will bei einem etwaigen neuen Abschwung verständlich niemand mehr laufen. Insofern versprechen die nächsten Wochen und Monate, sehr spannend zu werden.

Hat sich das Bestellverhalten der Kunden in den letzten Wochen im Zuge dessen verändert?

Das schwankt von Produktgruppe zu Produktgruppe, aber zumindest von der in der ersten Jahreshälfte durch das Erbbeben in Japan ausgelösten Angst vor einer möglichen Verknappung ist inzwischen definitiv nichts mehr zu spüren. Die Kunden hamstern nicht mehr, sondern kaufen wieder mit Bedacht und nach tatsächlichem Bedarf. Auch die meisten teilweise kurzfristig aufgebauten Sicherheitslager scheinen bereits wieder auf normales Niveau abgebaut zu sein.  

Stellen Sie Korrekturen in den Forecasts der Kunden fest?

Ein Forecast ist ja erst einmal nur eine Absichtserklärung. Insofern gehören Korrekturen nach unten und oben gerade für ein Distributionsunternehmen wie MSC-Gleichmann zum Tagesgeschäft. Auffallend ist allerdings, dass sich inzwischen mehr Kunden als noch vor einigen Wochen mit ihren Prognosen für 2012 in Zurückhaltung üben. Viele Unternehmen wollen hier wohl erst einmal die angesichts der weltweiten Finanzkrise immer schwerer kalkulierbaren weiteren Entwicklungen der Weltwirtschaft abwarten.

Wie wappnet sich Ihr Unternehmen gegen einen möglichen Abschwung?

Gegen einen nicht vorhersehbaren und dann auch noch so radikalen Abschwung wie 2009 kann man sich als Distributor nur bedingt wappnen. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass wir aufgrund unserer Unternehmensstruktur für solche Fälle zumindest besser als so mancher Wettbewerber aufgestellt sind. MSC-Gleichmann ist momentan wahrscheinlich der einzige Bauelemente-Distributor in Europa, der seinen Kunden im Bedarfsfall nicht nur Design-In- und Entwicklungs-, sondern auch Fertigungs-Know-how zur Verfügung stellen kann. Das breite Angebot an unterschiedlichsten Produkten und Dienstleistungen für zum Teil völlig unterschiedliche Zielgruppen bietet natürlich mehr Kompensationsmöglichkeiten als das klassische Distributionsgeschäft. Das sieht man auch daran, dass wir im Gegensatz zu allen großen Wettbewerbern in der letzten Krise kaum Personal abgebaut haben. Parallel dazu arbeiten wir natürlich aber auch kontinuierlich an der Prozessoptimierung unseres Bestell- und Lagerwesens. Möglichst schnell und flexibel auf neue Marktentwicklungen reagieren zu können, ist heutzutage für einen Distributor das A und O.

Sind Sie der Meinung, die Akteure der Lieferkette haben aus der vergangen Krise gelernt?

Aus Sicht eines Unternehmens, für das Kalkulierbarkeit und Verlässlichkeit im Umgang mit Lieferanten und Kunden schon immer eine herausragende Rolle gespielt haben, ein klares »leider nein«. Zum einen mag das daran liegen, dass es sich inzwischen bei fast alle großen Bauelemente-Herstellern um börsennotierte und deshalb letzten Endes immer einem gewissen Quartalsdenken verpflichtete Unternehmen handelt. Zum anderen ist das Vertrauen vieler Kunden in unsere Beschaffungs- und Logistikkompetenz aufgrund ihrer bisherigen positiven Erfahrungen inzwischen so groß, dass sie sich auch ohne weiteres eigenes Zutun gegen unvorhersehbare Ereignisse ziemlich gut geschützt fühlen. Natürlich ehrt uns dieses Vertrauen. Aber das sollte niemand davon abhalten, sein Dispositionswesen weiter zu optimieren.

Welchen Einfluss haben Zusammenschlüsse großer Lieferanten wie beispielsweise der von Renesas und NEC auf die Liefersituation?

Ein Merger ist für die Distributoren und Kunden der unmittelbar betroffenen Firmen immer mit Zittern und Bangen verbunden, weil in so einem Fall erfahrungsgemäß über einen längeren Zeitraum nur eine bedingte oder im Extremfall auch gar keine Planungsicherheit gegeben ist. Oft entscheidet sich erst nach vielen Monaten, was weiter produziert und was möglicherweise ganz von der Linecard verschwindet, wobei sich die durch den Zusammenschluss von Renesas und NEC bedingten Anpassungen der jeweiligen Linecards vergleichsweise sogar noch in Grenzen hielten.

In anderen Fällen wie beispielsweise dem von Hitachi Display Ltd., Sony Mobile Display und Toshiba Mobil Display angestrebten Zusammenschluss zur Japan Display Ltd. könnten die Folgen für den Markt noch viel weitreichender sein. Im Rahmen der Hochzeitsvorbereitungen werden schon jetzt scheinbar wie wild Produkte abgekündigt. Vor allem bei Toshiba steht momentan scheinbar alles auf dem Prüfstand, niemand traut sich konkret zuzusichern, ob es das angefragte Produkt nach dem Merger noch geben wird. Das macht logischerweise jedes vorausschauende Handeln unmöglich. Und was passiert, wenn sich die neue Japan Display Ltd. wie angekündigt tatsächlich nur noch auf den Consumer-, den Mobile- und eventuell noch den Automotive-Markt konzentrieren will? Die möglichen Auswirkungen dieses Mega-Mergers für den europäischen Industriemarktes sind bislang noch nicht einmal ansatzweise abzusehen.