Aus der Praxis: Supply Chain Management beim EMS und OEM Mehr Flexibilität in der Fertigung - wie funktioniert das?

2. Markt&Technik Supply Chain Summit
2. Markt&Technik Supply Chain Summit

Zeitdruck, ungenaue Forecasts, unvorhergesehene Ereignisse und die zyklischen Markschwankungen machen den produzierenden Unternehmen in der Lieferkette das Leben schwer. »Wir brauchen mehr Flexibilität in der Lieferkette«, lautet die zentrale Forderung auf dem 2. Markt & Technik Supply Chain Summit. Wie sich das in die Tat umsetzen, zeigten die drei Praxisbeispiele von Zollner Elektronik, Flextronics SBS Germany und Siemens Enterprise Communications.

Wie gestaltet ein OEM im preissensiblen ITK-Markt seine Supply Chain, um einerseits seinen Kernmarkt Europa adäquat zu bedienen und andererseits den Standort Deutschland dabei als Fertigungsstandort zu sichern? Durch den plötzlich heftig anziehenden Bedarf im Aufschwung nach der Wirtschaftskrise 2009 oder die Engpässe bei der Tsunami-Katastrophe in Japan 2011 wurde es deutlich: »Ein ITK-Unternehmen, wie Siemens Enterprise Communications - insbesondere mit dem Heimatmarkt in Europa und einer auf Asien orientierten, globalen Supply Chain unterliegt erheblichen Risiken und kann nur flexibel reagieren, wenn es sich auf gründlich genug abgesicherte Liefer- und Produktionskapazitäten stützen kann«, erklärt Matthias Hübner, Senior Vice President Enabling, Manufacturing & Configuration im Unternehmensbereich Supply Chain von Siemens Enterprise Communications.

Darüber hinaus schätzen die Endkunden Equipment, das in Deutschland oder zumindest in Europa hergestellt worden ist. Unter anderem dieser Aspekt führt dazu, dass OEMs auch zunehmend wieder in der Region produzieren, wie Siemens Enterprise Communications zum Beispiel im Werk Siemens Enterprise Communications Manufacturing (SECM) in Leipzig: Die SECM wurde 2006 aus der bestehenden Produktionsstätte der Siemens AG für Telekommunikationsequipment für die Geschäftskommunikation Siemens Enterprise Communications gegründet. Ein Joint Venture aus Finanzinvestor und der Siemens AG übernahm die Geschäfte der Siemens Sparte für Geschäftskommunikation im Jahr 2008. Dabei fertigt SECM die Endgeräte und Hardware-Komponenten von der Einzelserie bis hin zu großen Volumina. Sie ist heute in der Lage als On-Stop-Shop von der Entwicklung und weltweiten Materialbeschaffung über die Bestückung, den Gehäusespritzguss, die Montage, Qualitätsprüfung und Systemtests bis hin zu Ausgangslogistik und Zollformalitäten alle notwendigen Prozessschritte am Standort unter einem Dach abzuwickeln. Ein innerbetriebliches, vollautomatisches Logistiksystem mit führerlosen Transportfahrzeugen kann alle Arbeitsstationen flexibel und schnell bedienen. So entstehen pro Tag beispielsweise 5000 bis 7000 OpenStage Telefone und etwa noch einmal so viele andere Geräte.

Die Kapazität der Produktionsanlagen liegt bei 20 Millionen Baugruppen pro Jahr, darunter auch Großaufträge, wie die Erneuerung der Telekommunikationsinfrastruktur bei der Bundesagentur für Arbeit, die allein 165.000 Anschlüsse umfasst. Damit eine Fertigung solche Großauträge zeitnah abwickeln kann, muss sowohl die Materialbeschaffung und der Produktionsfluss reibungslos funktionieren, damit sich solche Großaufträge aus dem Normalbetrieb heraus überhaupt stemmen lassen. Gleichzeitig müssen die EMS-Prozesse so effektiv sein, das Siemens Enterprise Communications den stetigen Preisverfall für die Hardware in Geschäftskommunikation durch Optimierung kompensieren kann. Hübner erläutert: »Für uns sind die Prozesskosten, die Geschwindigkeit und die Lieferzuverlässigkeit entscheidend. Als Unternehmen mit eigener Fertigung profitieren wir beim Einkauf, weil wir die Strukturen kennen und direkte Beziehungen zu den Lieferanten intensiv selbst pflegen. Das hat uns zum Beispiel in der schwierigen Situation um die Katastrophe in Japan sehr geholfen und war vor allem auch bei der wieder anziehenden Konjunktur nach der Finanzkrise wichtig. Wir konnten dadurch relativ schnell unsere Lieferungen im erforderlichen Umfang sicherstellen.«

EMS-Leistungen für externe Kunden ist dabei integraler Bestandteil des Standortkonzeptes. Einerseits stellt Siemens damit die Auslastung des Standortes auch langfristig sicher. Anderseits ergeben sich auch daraus wieder Synergien in allen Bereichen der Wertschöpfungskette, die dem Mutterunternehmen zu gute kommen. Schon seit 2003 fertigt die SECM vor allem Wireless Modules für Cinterion. Der Anteil der Fremdproduktion für Kunden aus Branchen, wie der Automobil- und Medizinelektronik sowie der Industrieautomatisierung soll  in den nächsten Jahren noch deutlich wachsen.