Multi-Seller-Plattformen für B2B-Einkauf Kampfansage an Amazon!

Das Digi-Key Headquarter in Thief River Falls.

Nach Conrad und Distributions-Newcomer Sourceability rollt nun auch Digi-Key einen anbieterübergreifenden Marktplatz für die Online-Beschaffung von Komponenten aus. Das Marktplatzkonzept à la Amazon könnte in der B2B-Beschaffung Schule machen.

Ein gesunder Wettbewerb ist in der Distribution allgegenwärtig. Den Blick über den eigenen Tellerrand schließt er aber nicht aus, im Gegenteil.

Noch vor wenigen Jahren war die Distributionsbranche besorgt darüber, dass Amazon selbst sich auch in der B2B-Beschaffung ein Stück vom Kuchen einverleiben könnte. Entsprechende Bemühungen des Konzerns mit einer B2B-Sparte wurden kritisch betrachtet, auch weil Experten viele Qualitätskriterien nicht erfüllt sahen: von der parametrischen Suche über fehlendes Tracing bis hin zu nicht vorhandenem Produktsupport. »Ich möchte doch nicht, dass Produktanfragen von Nutzern zu meinen Komponenten von anderen Nutzern bzw. der Community beantwortet werden«, äußert ein Distributionsmanager eines großen Bauteileherstellers gegenüber Markt&Technik. So wäre das gängige Procedere bei Amazon, denn direkten Produkt-Support wie bei den etablierten Dsitributoren gibt es bei Amazon nicht. Dementsprechend hält sich bisher auch die Akzeptanz von Amazon beim Elektronik-Einkauf – wohlgemerkt: das gilt für B2B – in Grenzen.

Das Elektronikkomponenten-Angebot des US-Riesen ist bislang ein Flickenteppich.
Das Marktplatz-Konzept an sich ist aber durchaus attraktiv – auch für die Profieinkäufer. Sie finden dabei im Idealfall alles für ihre BOM (Bill of Material) zentral auf einer Plattform. Das Potenzial haben die Distributoren erkannt und nehmen seit geraumer Zeit das Heft selbst in die Hand. Conrad war mit seinem B2B-Marktplatz im Jahr 2017 Vorreiter und zählt aktuell 270 Marktplatz-Partner. Inzwischen ist der Conrad-Marktplatz integraler Bestandteil der Conrad-Sourcing-Plattform. Dort kann der Kunde alles kaufen, was Conrad selbst führt: aktuell über 800.000 Artikel und zusätzlich 4,8 Mio. Artikel auf dem Marktplatz. Insgesamt sind das also deutlich mehr als 5 Millionen Produkte.

Der Marktplatz bleibt dabei ausschließlich B2B-Kunden vorbehalten. B2C-Kunden können dagegen sämtliche Produkte kaufen, die Conrad direkt anbietet. Bei seinem Marktplatz-Konzept setzt Conrad auf Klasse anstatt Masse, wie Ralf Bühler, Chief Sales Officer B2B und geschäftsführender Direktor bei Conrad, bestätigt. »Wir möchten nicht einfach jeden auf dem Marktplatz haben, sondern nur jeden, der passt. Wir wollen nicht unlimitierte SKUs zur Verfügung stellen, sondern das, was die Kunden kaufen wollen. Wir kuratieren unseren eigenen Produktbestand, und wir möchten in gleicher Manier auch unseren Marktplatz kuratieren.« (Anmerkung der Red.: SKU = Stock Keeping Unit, entspricht der Artikelnummer). Der Marktplatz werde von den Kunden gut angenommen und etwaige Berührungsängste sind weitgehend verschwunden, versichert Bühler.

Auch Digi-Key hat mit DK+ Anfang des Jahres einen eigenen Marktplatz in den USA gelauncht und will das Angebot voraussichtlich noch dieses Jahr auch weltweit ausrollen. Dabei handelt es sich ebenfalls um einen B2B-Marktplatz für Elektronik, der Herstellern und Distributoren nach einer Bewerbung und Prüfung offen steht, um ihre Produkte und Dienstleistungen auf DigiKey.com anzubieten. »Wir wollen, dass unser Angebot in unsere Seite eingebettet und integriert ist – und wir setzen hier auf strategische Partner, bei denen wir sicherstellen können, dass es autorisierte Vertragspartner von Herstellern sind«, beschreibt Hermann Reiter, Director Supplier & New Market Development von Digi-Key, den Ansatz. »Wir bleiben damit unserer „One-Stop Shop“-Strategie treu. Wir genießen viel Vertrauen in der Branche, das möchten wir nicht aus der Hand geben.«

Mit DK+ will Digi-Key als weltweiter Distributor Produkte, Services und Lösungen für alle Phasen des Produktlebenszyklus anbieten. Digi-Key biete bereits jetzt 80 Prozent der BOM an und ist überzeugt davon, dass es mithilfe dieser Plattform-Strategie 100 Prozent der BOM plus das PCB anbieten kann bzw. noch darüber hinausgehen wird. Digi-Key will sich weiter in Richtung Test- und Messgeräte und Industrieautomation verstärken, wie Reiter kürzlich gegenüber Markt&Technik erklärte.

Sourceability setzt mit seiner Sourcengine, die seit 2018 aktiv ist, ebenfalls auf das Multi-Seller-Plattform-Konzept, allerdings mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu den beiden Konkurrenten kann der Einkäufer quasi in Echtzeit Angebote für seine gesamte Bill of Material oder einzelne Produkte einholen, im Fachjargon als Quoting bezeichnet. Auf der Sourcengine sind nach Auskunft von Jens Gamperl, CEO von Sourceability, über 2000 Anbieter vereint: Hersteller und Franchise-Distributoren. Die Anbieter können ihr Portfolio weltweit anbieten oder auch nur regional. »Aber gerade kleinere regionale Distributoren sehen die weltweite Vertriebsmöglichkeit über uns als Chance an, ihren Footprint zu erweitern und neue Kunden zu erreichen«, so Gamperl. Die Abwicklung der Käufe und die Rechnungsstellung läuft derzeit zentral über Sourceability. »Wir kaufen konsolidiert – und haben Logistik in Hongkong, Singapur und in Miami«, erklärt Gamperl und stellt für 2020 auch ein Lager in München in Aussicht. Dabei kann ein Auftrag auch über mehrere Anbieter gehen. Als Wettbewerb zur Distribution sieht Gamperl übrigens seine Sourcengine nicht. »Schließlich kaufen wir ja bei der Distribution.« Auch Sourceability selbst ist als Franchise-Distributor aktiv.

Die Marktplätzen bzw. deren Betreiber wollen zudem die Digitalisierung des Einkaufs vorantreiben. Dazu gehört auch, dass entsprechende Schnittstellen bereitgestellt werden, über die das Angebot von den Einkäufern ohne Umwege über das Web genutzt werden kann. Der Einkauf wird – auch aufgrund der aktuellen Coronakrise – künftig weitere Einsparpotenziale schaffen müssen. Die Digitalisierung der Beschaffung dürfte dabei zum Schlüsselfaktor werden.