Halbleiter in und aus Europa Ist das Rennen schon verloren?

Zwölf Prozent des weltweiten Halbleiterbedarfs kam 2008 aus Europa, 2013 sind es noch 8,7 Prozent. Schwarz für Europa sieht der Analyst Jérémie Bouchaud von IHS Electronics&Media dennoch nicht, wie er in seinem Vortrag auf den IDEA/FBDi Trendtagen erklärt.

Warum der Anteil an Halbleitern aus Europa derart geschrumpft ist, dafür hat der Analyst eine einfache Erklärung:  Die Ursache liegt vor der eigenen Haustüre - also in Europa selbst.

»Verantwortlich dafür ist vor allem der Einbruch des Abnehmermarktes Wireless Communication in Europa durch den Niedergang von Nokia, Siemens Mobile und Sony Ericsson«.  Im Jahr 1999 entfielen auf die Wireless Kommunikation als Abnehmermarkt noch ungefähr 42 Prozent des Halbleiterbedarfes in Europa bzw. EMEA. In diesem Jahr sind es noch knapp über fünf Prozent.  Mit Nokia ist gleichzeitig der einst größte europäische Halbleiterkunde mehr oder weniger von der Bühne der Protagonisten verschwunden: 2008 kaufte Nokia weltweit Halbleiter im Wert von über 10 Milliarden US Dollar, 2012 waren es noch etwa drei Milliarden.

Dennoch will Bouchaud in seinem Vortrag nicht schwarz malen und zeigt auch nachhaltige Lichtblicke auf: In der Automotive und Industrial Industrie ist der Bedarf an Halbleitern ordentlich gestiegen. Der Anteil am EMEA-Halbleiterbedarf der Automotive-Zulieferer lag im Jahr 2009 noch unter 10 Prozent. Bis 2015 sollen es laut Bouchaud über 15 Prozent sein. Auf Automotive und Industrial zusammen entfallen etwa 54 Prozent des  europäischen Halbleiterumsatzes. »Wenn sich Halbleiterfirmen auf diese beiden Bereiche spezialisieren, ist das ein empfehlenswerter Schachzug«, so Bouchaud. Und es scheint, als haben die Halbleiterunternehmen genau das – zumindest partiell - umgesetzt. »Die europäischen Halbleiterhersteller sind heute weit besser als noch vor fünf Jahren für künftiges Wachstum gerüstet. Natürlich war diese Transformation für einige auch ein nicht ganz einfacher Weg.«

So wurde in den letzten fünf Jahren kräftig konsolidiert aber auch akquiriert im europäischen Halbleitergeschäft.  Die derzeit fünf größten europäischen Halbleiterlieferanten sind laut Bouchaud ST Microelectronics, Infineon, NXP, Robert Bosch und Osram Opto Semiconductors, und das auch dank einer vorausschauenden Kernkompetenz-Strategie. So hat Infineon bereits 2006 das Memory Business als Qimonda abgespalten. Qimonda ging bekanntlich 2009 insolvent. In  haben Q1/08 Intel und ST das Flash Memory Joint Venture Numonyx gegründet, das sie aber 2010 an Micron verkauft haben. Im dritten Quartal 2008 gab es den Startschuss für das Spin-Off ST-NXP Wireless und  Ericsson Mobile Platforms und ST-NXP Wireless verschmelzen zu ST-Ericsson. Weitere Veränderungen bei Infineon waren 2009 die Ausgründung von Lantiq und 2011 der Verkauf der Wireless Division an Intel. Auch NXP hat Geschäftszweige verkauft, die es nicht zum Kerngeschäft zählte, darunter den Set-Top-Box Bereich und die Sound Solutions. 

Die Margen bei Speicher ICs und Logikbausteinen sind gering geworden, das haben einige Hersteller nach den Worten des Analysten auch rechtzeitig erkannt. Mikrocontroller, Diskrete ICs und vor allem Sensoren hingegen attestiert Bouchaud ein viel versprechendes Wachstumspotenzial: »Nach unseren Prognosen wird der Sensorbedarf in den nächsten fünf Jahren um neun Prozent zulegen, überdurchschnittlich erfolgreich werden vor allem die MEMS-Bausteine sein. Und hier sind die europäischen Hersteller bestens positioniert. ST und Bosch sind die Top2 MEMS-Hersteller weltweit mit Fabriken in Italien und Deutschland. Europas Hersteller dominieren den KFZ-Sensor-Markt!«

Aber damit nicht genug: Die europäischen Halbleiterlieferanten sind auch im Markt für drahtlose Sensoren führend, wie sie in Handhelds und Tablets zum Einsatz kommen – ein potenzialträchtiges Geschäft auch in den nächsten Jahren. »Das Halbleitergeschäft ist in der Tat ein globales Rennen, aber auch die regionalen Kundenbeziehungen zwischen den Lieferanten und den OEMs bleiben wichtig«, unterstreicht Bouchaud