Jean Quecke, Future Electronics »Große Sorge um Europas Bauteileversorgung«

Jean Quecke, Future Electronics
»Europa bildet nur 7 bis 8 Prozent des weltweiten Produktionsmarktes ab. Über 90 Prozent laufen dagegen in Asien. Das heißt, dass der Bedarf aus Europa im weltweiten Vergleich eine ganz kleine Rolle spielt. Da kommt aus meiner Sicht etwas ganz Massives auf die 
europäische Industrie zu.«
Jean Quecke, Future Electronics: »Europa bildet nur 7 bis 8 Prozent des weltweiten Produktionsmarktes ab. Über 90 Prozent laufen dagegen in Asien. Das heißt, dass der Bedarf aus Europa im weltweiten Vergleich eine ganz kleine Rolle spielt. Da kommt aus meiner Sicht etwas ganz Massives auf die europäische Industrie zu.«

Jean Quecke leitet seit 1. März 2018 den Bereich IPE bei Future in Zentraleuropa. Offen legt er im Markt&Technik Interview den Finger auf die Schmerzpunkte der europäischen Industrie.

Markt&Technik: Der IPE-Sektor macht bei Future in Europa derzeit etwa 20 Prozent aus. Das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange – oder?

Jean Quecke: Wir haben sicher noch sehr viel Potenzial. Dazu bauen wir hier in Zentraleuropa unsere Teams sowie technische und kommerzielle Kompetenz deutlich aus. Wir haben jüngst drei Spezialisten an Bord geholt, die technisch und kaufmännisch sehr versiert sind und auch Entscheidungskompetenzen haben. Wir investieren außerdem sehr stark in die Breite und Tiefe der Lagerbestände, soweit es eben in der derzeitigen Lage möglich ist.

Damit wären wir schon beim Schmerzpunkt des letzten Jahres: Verfüg­barkeitsprobleme und Abkündigungen großer Hersteller, etwa Murata, um ein prominentes Beispiel zu nennen, plagen die Industrie. Was sagen Sie als Experte für passive Bauelemente dazu?

Murata ist bei den Passiven nach wie vor einer unserer größten Lieferanten. Wir haben dazu mit Yageo einen sehr starken Partner an der Seite, der mit mehreren Distributoren ein Long-Term-Agreement abgeschlossen hat. Wir sind einer dieser Distributoren und können dadurch Lieferzeiten von 16 bis 18 Wochen einhalten. Es ist dabei aber wichtig, zu verstehen, dass es sich hier um Allokationsware handelt und nicht um frei am Markt verfügbare Bestände. – Meine Wahrnehmung ist, dass sich die Situation zumindest momentan etwas beruhigt. Ein Grund dafür ist der Trump-Effekt.

Trump-Effekt? Was genau meinen Sie damit?

Die Schutzzollpolitik von US-Präsident Trump zeigt Wirkung. Zum einen geht der Einkäufer­index in den USA seit Monaten nach oben. CEMs und OEMs produzieren wieder wesentlich mehr Produkte. Wir verzeichnen auch in unserer Organisation dort sehr gute Auftragseingänge.

In Asien hingegen können wir den Effekt beobachten, dass einige Hersteller von weißer Ware in Konkurs gegangen sind und sehr viele Distributoren, die MLCCs gelagert hatten, diese Ware jetzt in den Markt geben. Das sorgt offensichtlich momentan für eine kleine Entspannung.

Aber Sie sind dennoch skeptisch, wie ich Ihrer Mimik entnehme?

Ja, in der Tat. Wenn wir uns ansehen, was an Applikationen im Markt ist oder in Zukunft auf den Markt kommen wird, dann wird schnell klar, dass die Entspannung nur von kurzer Dauer sein kann und die Allokation nicht vorbei ist.

Zudem haben Hersteller angekündigt, aus den größeren Bauformen komplett aussteigen zu wollen. Das sind Massen, die am Markt fehlen werden, gerade für die europäische Industrie.

Sie haben es bereits angedeutet: Als Begründung für die ungewöhnlich lange währende Verknappungsphase wird immer wieder die massive Elektrifizierung in allen Bereichen angeführt.

Die Situation ist diesmal wirklich anders und nicht mit vergangenen Allokationsphasen vergleichbar, da die Killerapplikationen diesmal derart vielseitig und bedarfsintensiv sind: Die deutschen Automobilhersteller setzen nun auch massiv auf Elektrofahrzeuge. Dafür benötigen sie aber pro Fahrzeug nicht mehr „nur“ 3000 MLCCs, sondern der Bedarf wächst auf etwa 11.000 MLCCs pro Auto. Zum Vergleich: Im Tesla sind sogar 18.000 MLCCs verbaut.

Oder nehmen wir den Markt für Smart Speakers wie Alexa. Dieser wird sich laut Prognosen über die nächsten zwei Jahre sehr stark entwickeln, d.h. man geht von einer Steigerung von 100 Millionen Geräte pro Jahr auf 250 Millionen Geräte pro Jahr aus. Diese Anwendungen benötigen ebenso sehr viele Kondensatoren und Widerstände. Bei VR-Brillen wird auch eine Marktexplosion erwartet. Gleiches gilt auch für Drohnen. Hier stehen ebenfalls Millionenstückzahlen im Raum. Die Liste lässt sich beliebig weiterführen: Auch Wearables, Smart Watches und vor allem Mobiltelefone ziehen massenweise Kondensatoren bzw. MLCCss. Neue Handys, etwa von Apple, benötigen 30 bis 40 Prozent mehr Widerstände als die Vorgängergeneration: Im iPhone 10 sind beispielsweise schon über 1000 MLCCs und 1200 Widerstände verbaut. Das ist natürlich ein Grund, warum Samsung und Murata massiv in die Miniaturisierung gegangen sind.

5G ist eine weitere Killerapplikation, da es als Voraussetzung für das autonome Fahren gebraucht wird. Hier in Deutschland sind wir dafür allerdings noch ein Entwicklungsland und haben einen enormen Nachholbedarf. In China existieren laut Zeitungsberichten schon 850.000 Basisstationen für 5G. Im Vergleich zu einer LTE-Basisstationen benötigt man sechs bis acht Mal so viele Basisstationen für 5G. Auch das bedingt also wieder einen stark ansteigenden Bedarf von Kondensatoren und Widerständen.

Asien zieht den Bedarf an Komponenten, darüber beklagen sich viele Stellen massiv. Und was bleibt da für Europa?

Europa bildet nur 7 bis 8 Prozent des weltweiten Produktionsmarktes ab. Über 90 Prozent laufen dagegen in Asien. Das heißt, dass der Bedarf aus Europa im weltweiten Vergleich eine ganz kleine Rolle spielt. Da kommt aus meiner Sicht etwas ganz Massives auf die europäische Industrie zu.