Jean Quecke, Future Electronics »Große Sorge um Europas Bauteileversorgung«

„China Made“

Inwiefern?

Der mittelständische Industriekunde braucht größere Bauformen aus verschiedenen Gründen. Zum einen werden höhere Spannungen wie 63, 200 oder 1000 Volt für viele Indus­trieschaltungen benötigt; zudem brauchen wir hochkapazitive Werte, um Schaltungen richtig auslegen zu können. Das ist der Backbone für unsere europäische mittelständische Maschinenbauindustrie. Ich habe große Sorge, dass wir hier in Zukunft nicht mehr richtig versorgt werden können.

Hinzu kommt, dass Chinas Präsident „Made in China“ bis 2025 durch „China Made“ ersetzen und damit auch einen Paradigmenwechsel einläuten will: „China Made“ soll aussagen, dass China führend in allen Technologien am Weltmarkt sein möchte und nicht für minderqualitative Billigware steht. China investiert massiv in High Tech. Deshalb müssen wir in Europa massiv aufpassen, damit wir den Anschluss nicht verlieren. Wir dürfen das Thema nicht in auf die leichte Schulter nehmen.

Einige kleine Auftragsfertiger in Deutschland sind bereits in Konkurs gegangen, weil sie keine passiven Bauteile bekommen haben. Das ist natürlich brutal. Andere kleinere EMS müssen ihre Mitarbeiter 52 Wochen nach Hause schicken, weil durch fehlende Ware nicht produziert werden kann.

Das klingt dramatisch. Was können Sie als Future überhaupt dagegen tun?

Wir beobachten diese Entwicklung sehr genau und versuchen, unsere Kunden in Europa dementsprechend zu unterstützen. Wir haben die Möglichkeit, global auf unsere Läger zuzugreifen, und es uns zur Aufgabe gemacht, unsere europäischen Kunden zu versorgen. Wir wollen aber auch neue Kunden aufbauen. Einige Distributoren handhaben das ja anders und nehmen quasi gar keine neuen Kunden mehr auf. Aber im Zuge der Elektrifizierung aller Lebensbereiche stehen viele Firmen mit ihrem Portfolio vor einem Wandel, zum Beispiel von der Mechanik hin zur Elektronik. Das sind oft sehr etablierte erfolgreiche Marktführer. Und deren Wandel und Wachstum möchten wir natürlich unterstützen.

Wir haben als privates Unternehmen zudem die Möglichkeit, auch außer der Reihe zu investieren und über eine Art Warentermingeschäfte in Einzelfällen schneller an die Ware zu gelangen; Preisaufschläge sind dabei allerdings nicht zu vermeiden.

Der schwarze Peter für die Misere wird gerne den Komponentenherstellern zugeschoben. Teilen Sie diese Ansicht?

Diese Ansicht teile ich so nicht. Wie sollen Hersteller, die vor drei Jahren noch Verluste gemacht oder zumindest kein Geld verdient haben, die enorme Nachfrage kurzfristig kompensieren können? Einige Hersteller haben reagiert und investieren inzwischen massiv in den Ausbau ihrer Fertigungskapazitäten. Murata spricht von zwei Milliarden, Yageo von über 700 Mio Dollar. Meines Wissens investieren auch Kemet und AVX. Bis diese neuen Fa­briken zum Laufen kommen, wird es aber wohl noch bis Mitte 2020 dauern.

Die Hersteller appellieren seit Jahren an die Entwickler, in die Miniaturisierung zu gehen. Da wird allerdings sehr zurückhaltend agiert. Das ist zum Teil verständlich, weil Redesigns im Industriesegment sehr teuer sind. Aber Murata etwa hat das Downsizing seit Jahren angekündigt. Wenn man die gesamtökonomischen Gegebenheiten betrachtet, ist es ist verständlich, dass Hersteller wie Murata und Samsung in die kleinen Bauformen investieren müssen.

Wie viele Hersteller stehen bei Future im Passiv-Bereich auf der Line-Card?

Wir orientieren uns im Bereich IP&E an etwa 60 Herstellern, können aber auch weitere Hersteller mit anbieten. Wir sind global diesbezüglich in unserem erweiterten Unternehmensnetzwerk sehr flexibel aufgestellt.

Aber ganz wichtig: Bei unseren Produkten handelt es sich selbstverständlich immer um Originalware. Jedes Produkt wird speziell überprüft. Jede Lieferung wird im Wareneingang angesehen und analysiert, um gefälschte Waren zu vermeiden.

Sie haben vorhin die Warentermingeschäfte angesprochen. Die Kunden ärgern sich momentan sehr über immense Preissteigerungen, die Hersteller teils recht krude an den Markt geben.

Ich gehe davon aus, dass sich die Preisturbulenzen über die nächsten sechs bis sieben Monate beruhigen werden oder das Niveau zumindest auf einem hohen Niveau stagniert. Wir sind jetzt auf einem Preisniveau von 2004 und ich glaube, dass sich das nivellieren wird.

Wichtig ist aber, zu verstehen, dass große Bauformen ab 0603 und größer in Zukunft mehr kosten werden. Große Bauformen wird es laut den Roadmaps einiger Hersteller weiterhin geben. Aber das sind dann Premiumprodukte oder Sweet Spots, die dann auch entsprechend teurer sind. Deswegen gilt es zu überlegen, ob man in neuen oder Redesigns auf Polymer umsteigt. Das kann sich preislich bei großen MLCC-Bauformen bei einer Kapazität größer 2,2 µF schon ab drei MLCCs rentieren.

Ist Downsizing immer das Allheilmittel?

Aus technischer Sicht nicht. Um bei MLCCs die Kapazitäten in kleineren Bauformen gleichzuhalten, müssen mehr Lagen integriert werden. Die einzelnen Lagen werden dadurch aber dünner, dadurch ergeben sich Langzeiteffekte wie Veränderungen des ESR und des Temperaturkoeffizienten. Deshalb ist das im Industriebereich nicht unbedingt die Lösung. In einem Handy haben Sie kaum hohe Ströme. Da geht das, aber wenn ich eine Industriesteuerung mit höheren Spannungen und höheren Lasten habe, wird das schwierig. Das bedeutet, es kann problematisch für die kleinen Bauformen mit hoher Kapazität sein.

Wie lauten die Ziele für Ihren Bereich?

Wir werden die Future hier als langfristigen und starken Partner im IP&E-Segment platzieren. Hierbei können wir als unabhängiges und familiengeführtes Unternehmen unsere Trümpfe voll ausspielen: Wir setzen auf Lagertiefe und schnelle Verfügbarkeit. Diese können wir nicht zuletzt durch den Ausbau unseres Logistic-Centers in Leipzig sicherstellen. Das komplette Gelände gehört unserer Eigentümerfamilie Miller und wir haben auch noch genügend Platz für zusätzliche Erweiterungen!