Display-Umsatz soll bis 2015 auf 100 Mio. Euro steigen Gleichmann übernimmt das Displaygeschäft im Firmenverbund MSC-Gleichmann

Klaus Hagenacker, Gleichmann Electronics: »Klares Ziel der noch stärkeren Fokussierung ist es, den Umsatz in diesem Geschäftsfeld von derzeit knapp 50 Millionen bis Ende 2015 auf zirka 100 Millionen Euro zu steigern.«

Gleichmann Electronics hat zum 1. Januar 2012 sein Managementteam verstärkt und mit Klaus Hagenacker einen weiteren Geschäftsführer mit langjähriger Erfahrung in der Display-Branche an Board geholt. Auch strategisch gibt es Neuerungen bei Gleichmann: Bis Mitte des Jahres soll das komplette Display- und Visualisierungsgeschäft im MSC-Gleichmann Firmenverbund an Gleichmann übergehen. Details, Herausforderungen und Trends erläutert Hagenacker im Interview.

Markt&Technik: Herr Hagenacker, die Ernennung eines neuen bzw. zusätzlichen Geschäftsführers geht oft mit der Neuausrichtung eines Unternehmens einher. Steht bei Gleichmann Electronics jetzt einen Strategiewechsel an?

Klaus Hagenacker: Der Strategiewechsel steht nicht an, er ist längst voll im Gange. Die MSC-Gleichmann-Gruppe hat ja bereits 2011 mit der Neustrukturierung ihrer Kernbereiche Halbleiter, IT-Products inkl. DRAMs, Displays, Lighting, PEMCO und Embedded Systems begonnen. Im Rahmen dieses Strukturierungsprozesses wurde unter anderem auch beschlossen, bis Mitte 2012 alle Display- und Visualisierungs-Aktivitäten der MSC-Gleichmann-Gruppe inklusive aller dazu benötigten Produkte wie Touches, Controller, Kabel etc. in der Gleichmann Electronics zu konzentrieren. Letztlich  wird das Unternehmen als Display Solution Center fungieren, dass Kunden von klassischen Displays über Open Frame Modulen bis hin zu kompletten eigenen kundenspezifischen Monitoren alles aus einer Hand bieten kann.

Bedeutet das, dass auch Linien wie Hitachi und vielleicht sogar ganze Tochterunternehmen wie die Displaign Design & Elektronik GmbH über kurz oder lang an Gleichmann Electronics gehen?

Soweit es Hitachi betrifft, ist der Wechsel von MSC zur Gleichmann Electronics grundsätzlich eigentlich beschlossene Sache. Bevor es soweit ist, müssen wir allerdings erst einmal abwarten, wie sich der Zusammenschluss von Hitachi Display., Sony Mobile Display und Toshiba Mobil Display zur Japan Display Ltd. auswirken wird. Hier sehe ich die nächsten Wochen und Monate noch einigen Klärungsbedarf. Ob oder in welcher Form wir auch Aktivitäten ganzer Tochterunternehmen in die Gleichmann Electronics integrieren werden, ist noch offen. Wichtiger ist erst einmal, dass uns der Markt künftig noch stärker als bisher nicht nur als einen als einen der führenden europäischen Display-Distributor wahrnimmt,  sondern als Visualisierungsspezialisten, der seinen Kunden neben einem kompletten Display-Spektrum auch eine Vielzahl  exklusiver Dienstleistungen bis hin zur Entwicklung kundenspezifischer Lösungen wie die eigenen PCTs-(Projective Capactive Touches),  LCDs und kompletten Monitore bietet.

Was sind ihre Aufgaben und Ziele im Rahmen dieser Neupositionierung?

Klares Ziel der noch stärkeren Fokussierung ist es, den Umsatz in diesem Geschäftsfeld von derzeit knapp 50 Millionen bis Ende 2015 auf zirka 100 Millionen Euro zu steigern. So etwas funktioniert  in Teamarbeit immer noch am besten.  Deshalb teile ich mir die anstehenden Vertriebs- und Marketing Aufgaben mit meinem Kollegen Thomas Klein, der parallel zu seiner Funktion als Geschäftsführer der Gleichmann Electronics als Chief Executive Officer (CEO) alle Distributionsaktivitäten innerhalb der MSC-Gleichmann-Gruppe verantwortet,  und werde mein Hauptaugenmerk auf den Bereich Marketing richten.

Der Display-Markt ist traditionell sehr stark auf den lukrativen Consumer-Markt fokussiert, kurze Produktlebenszeiten und schnelle Abkündigungen sind eher die Regel als die Ausnahme. Bleibt das Industrie-Segment hier etwas auf der Strecke oder liegt der schwarze Peter eher auf Kundenseite, weil schlichtweg die mutigen „Early Adopter“ für Pilotprojekte aus der Industrie fehlen?

Auch wenn inzwischen weit über 90 Prozent der Displays in Mobiltelefonen, TV-Geräten, Notebooks, etc. zum Einsatz kommen, glaube ich nicht, dass deswegen das Industrie-Segment irgendwann komplett auf der Strecke bleiben wird. Im Gegenteil: Neben den japanischen Herstellern, die seit jeher allesamt auch modifizierte oder eigene Displays mit erweitertem Temperaturbereich, besonders robusten Gehäusen,  Langzeitverfügbarkeit etc. anbieten, sind inzwischen auch die meisten koreanischen, chinesischen und taiwanesischen Hersteller auf diesen Zug aufgesprungen. Die Produktpalette ist hier zwar meist nicht ganz so groß wie bei den japanischen Wettbewerbern, dafür sind die Preise bei inzwischen oft gleicher Qualität 10 bis 20 Prozent günstiger. Unter dem Strich ist das Angebot an Industrie-Displays die letzten Jahre also eher gestiegen als geschrumpft. Ich denke, daran wird sich so schnell auch nichts ändern, weil Display-Hersteller, die auch Produkte für den industriellen Einsatz anbieten, damit letztlich ihre Marktreputation stärken. Was es allerdings auch in Zukunft nicht geben wird, sind Industrie-Displays zum Preis von Consumer-Produkten. Entweder günstig mit allen Nachteilen oder ein paar Euro teurer, dafür aber hochwertig und längerfristig verfügbar – hier muss Kunde selbst entscheidenwas für ihn wichtig ist.  
 
Eine Ausnahme war zum Beispiel NEC, die traditionell - im Vergleich - sehr lange Verfügbarkeit geboten haben. Bleibt Renesas als neuer Eigentümer dieser Philosophie treu oder gibt es mit der Änderung des Markenauftritts in NLT auch eine Strategieänderung?

NEC NLT gehört nicht zu Renesas, sondern wurde zum 1. Juli 2011 von der chinesischen Tianma Microelectronics Co. Ltd, einem der weltweit größten Hersteller von passiven LCDs und TFT-Panels übernommen. In weitweit sich dies mittelfristig auf die bisherige NEC-Philosophie auswirken wird, lässt sich momentan nur schwer einschätzen. 
 
Stichpunkt OLEDs: Auf der CES konnten die Besucher erstmals auch große Diagonalen in Form von TVs in der Realität bestaunen. Sind damit die OLEDs endlich auch in den größeren Bereich vorgedrungen oder ist das nur ein Strohfeuer? Wie reagieren Ihre Industrie-Displayskunden auf solche Ankündigungen? Stellen Sie eine erhöhte Nachfrage nach OLEDs fest?

Die Bildqualität der beiden von LG und Samsung auf der CES vorgestellten 55“-OLED-Flachbildfernseher war sehr beeindruckend. Natürlich wäre diese Technologie bzgl. Blickwinkel, Kontrast, Farbtreue etc. grundsätzlich auch hervorragend für viele Industrieanwendungen geeignet. Das Problem ist allerdings nach wie vor die vergleichsweise geringe Lebensdauer von OLEDs bei typischen Industrieumgebungstemperaturen von -20 bis +70 oC oder gar -30 bis +85 oC. Solange sich hier keine technisch wie wirtschaftlich gleichermaßen sinnvolle Lösung abzeichnet, glaube ich zumindest bei größeren Diagonalen nicht an einen Nachfrageboom für die Distribution.
 
Gleichmann Electronics zählt bereits zu den stärksten »Displays-Distributoren« - wo sehen Sie noch Wachstumspotenzial in den nächsten Jahren? Der Consumer-Markt dürfte ja auch weiterhin in Europa kaum eine Domäne de Distribution werden.

Eine Domäne vielleicht nicht, aber unterschätzen sollte man die Bedeutung der Consumer-Industrie für die Distribution auch nicht.  Nachdem in hochwertigeren Applikationen Displays immer öfter als Benutzer-Interface eingesetzt werden, hat sich uns hier in den letzten Jahren ein völlig neuer Markt erschlossen, den wir zunehmend mit kompletten Lösungen, also inklusive Steuerung etc. beliefern. Auch passive Displays laufen nach wie vor hervorragend. 2011 konnten wir in diesem Bereich ein Umsatzplus von 36 Prozent verbuchen. Und durch die gesunkenen Preise kommen TFTs zudem zunehmend in Bereichen zum Einsatz, die früher aus Preisgründen einfachen LED-Anzeigen oder passiven LCDs vorbehalten waren. Ein weiteres interessantes Wachstumssegment mit einer geradezu explodierenden Kundennachfrage sind unsere eigenen industriellen Multi-Touch-Lösungen. Wir erwarten hier für die nächsten Jahre jeweils hohe zweistellige Zuwachsraten. An Wachstumspotential fehlt es Gleichmann Electronics also wahrlich nicht. Sonst hätten wir uns auch nicht 100 Millionen Euro Display-Umsatz für 2015 zum Ziel gesetzt.
 
Der DTAM in Europa steigt - wie ändern sich damit die Anforderungen an die Distribution - vor allem bezogen auf den Displays Bereich?

Das klassische Handelsgeschäft wird zwar nicht komplett verschwinden, aber langfristig dürfte der Trend aus unserer Sicht auch bei Displays immer mehr in Richtung Lösungsanbieter gehen. Ein typischer Fall sind die bereits erwähnten, auch auf der embedded world ausgestellten industriellen Touch-Systeme. Hier erzielen wir schon heute fast 100 Prozent unseres Umsatzes mit kundenspezifischen Lösungen. Die meisten Anwender wollen sich erfahrungsgemäß nicht erst lange mit der Touch-Technologie an sich auseinander setzen, bevor Sie mit dem Design-In beginnen. Sie wollen ein optimal auf die ihre Applikation zugeschnittenes fertiges Produkt, das Sie möglichst schnell und ohne Risiko integrieren können. Wer künftig solche kompletten Lösungen zu einem vernünftigen Preis bieten kann, muss sich als Display-Distributor keine großen Zukunftssorgen machen.