Aufbruchstimmung beim FBDi »Gestalten statt gestaltet werden!«

Georg Steinberger, FBDi
»Wenn wir als Handel in der Zukunft eine vernünftige Rolle spielen wollen, müssen wir unser Geschäftsmodell permanent hinterfragen und optimieren.«
Georg Steinberger, FBDi: »Wenn wir als Handel in der Zukunft eine vernünftige Rolle spielen wollen, müssen wir unser Geschäftsmodell permanent hinterfragen und optimieren.«

Der FBDi hat seit 1. Mai mit Andreas Falke einen neuen Geschäfts­führer. Mit ihm als Speerspitze will der FBDi-Vorsitzende Georg Steinberger den Verband auf eine neue Stufe heben: Die Distribution muss (endlich) lernen, sich selbst zu gestalten, anstatt gestaltet zu werden.

Herr Falke, Sie übernehmen das Steuer des FBDi in unruhigen Zeiten für die Branche. Was möchten Sie erreichen?

Andreas Falke: Der FBDi lässt sich umreißen als Verband, der in der Vergangenheit sehr viel aufgebaut hat. Aber der Bereich, für den der FBDi steht, die Bauelementedistribution, unterliegt im Moment einem sehr deutlichen Wandel. Wandel hat es in der Distribution immer schon gegeben. Aber die Geschwindigkeit und die Intensität der Veränderung ist schon sehr dramatisch und rüttelt an den Grundfesten von Handelsstrukturen, wie wir sie bisher kennen.

Wir sprechen über disruptive Themen, z.B. die Blockchain-Technologie. Sie lebt davon, dass Intermediäre wegfallen. Dazu stellt sich natürlich die Frage, wie definiert man seinen Wert in der Zukunft. Eine meiner wichtigsten Aufgaben wird sein, den FBDi so auszurichten, dass wir dabei helfen, die Werte der Distribution für Lieferanten und Kunden neu zu definieren. Und das Ganze auf einer internationalen Basis.

Was genau verstehen Sie unter der internationalen Basis? Will der FBDi selbst expandieren?

Georg Steinberger: Die Internationalisierung besteht in der stärkeren Zusammenarbeit mit Verbänden in anderen Regionen, wie England, Italien oder die USA.

Gab es diese Kooperationen bisher nicht schon?

Steinberger: Es bestand eine lose Kommunikation zwischen den Verbänden und es gibt den „virtuellen“ Dachverband IDEA. Der hat keine Verbandsstrukturen hinter sich, sondern ist quasi ein Newsletter, in dem Meldungen und Bekanntmachungen der nationalen Distributionsverbände veröffentlicht werden. Diese lose Zusammenarbeit reicht aber eben nicht. Denn die Verbände haben unterschiedliche Zielsetzungen und verfolgen unterschiedliche Themen.

Wir haben beim FBDi z.B. sehr stark den Fokus darauf gelegt, in Competence-Teams Positionen aus Sicht der Distribution und flankierend dazu Guidelines zu erarbeiten, sei es zu Compliance oder der Rückverfolgbarkeit von Waren. Aber es gibt Themen, die sind grenzüberschreitend, weil sie EU-getrieben sind. Und natürlich interessiert uns hier in Europa, was die Amerikaner vorhaben. Wir wollen ein gemeinsames europäisches Forum stärken.

Soll der lokale Ansatz der Verbände dabei erhalten bleiben?

Steinberger: Ja, der nationale Ansatz soll erhalten bleiben, aber wir wollen unsere Inhalte zunehmend auch in Englisch bereitstellen, um sicherzustellen, dass sie international Relevanz haben. Wir bringen unsere Arbeiten auch ein in einen internationalen Schirm, aber es muss sichergestellt sein, wo die Infos herkommen, sodass der nationale Verband sichtbar bleibt.

Konkret gibt es Gespräche mit der ECIA in den USA, die sich weltweit etablieren will und den Kontakt zu uns sucht. Wir sind hier aber momentan noch in der Findungsphase. Es gibt darüber hinaus Überlegungen, stärker mit DMASS zusammenzuarbeiten im Bereich der Distributionsstatistik, um diese – irgendwann – auch global verfügbar zu machen.

Falke: Daneben gibt es Themen, die die Komponentenindustrie weltweit berühren. z.B. die DSGVO und die Fälschungsproblematik. Amerikanische Firmen, die in der EU Geschäfte machen wollen, stehen vor der Frage, wie sie mit Kundendaten umgehen. Je mehr wir sicherstellen, dass Herausforderungen international gleichmäßiger gehandhabt werden, umso mehr Sicherheit gibt es für die Firmen und Kunden.

Inwieweit denken Sie auch über branchenübergreifende Kooperationen – etwa mit anderen Branchenverbänden – nach?

Steinberger: Wir sind in der Vergangenheit in der Tat nicht oft an andere Branchenverbände herangetreten, die an einem anderen Punkt der Wertschöpfungskette stehen. Eine Ausnahme war der ZVEI bei der Rückverfolgbarkeit. Das möchten wir künftig ändern. Es gibt noch viele Möglichkeiten, uns übergreifend zu vernetzen, die wir bisher nicht ausgeschöpft haben.

Falke: Isolation ist ein Luxus, den man sich in einer komplexen Welt nicht mehr leisten kann.

Wollen Sie künftig mehr Hersteller als Fördermitglieder an Bord holen? Bislang sind es mit FCI und TDK/Epcos ja nur zwei.

Steinberger: Ja, das ist geplant bzw. gewünscht. Wir können natürlich niemanden zwingen. Wir haben die Mitglieder-Akquisition bisher nicht sehr proaktiv getrieben. Das soll sich aber jetzt ändern. Die Erfahrung von Herrn Falke mit seinen Herstellerkontakten macht den Zugang sicher einfacher.

Falke: Konkret haben wir derzeit einen Hersteller, der sich für unsere Arbeit interessiert. Wir sehen sehr deutlich, dass bei den Produktbereichen Passive, Elektromechanik und Steckverbinder das Interesse vorhanden ist. Die Halbleiterindustrie hingegen hat bisher wenig Ansätze bei uns gefunden, aber ich möchte auch in diese Richtung unser Netzwerk ausbauen.

Die Halbleiterhersteller haben zum Teil ihr Distributionsnetz konsolidiert. Warum steht der Wert der Distribution in der Halbleiterindustrie momentan so in der Diskussion?

Falke: Ich habe den Eindruck, dass über das Logistik- und Handelsthema hinaus der Wert der Distribution für die Demand-Creation kleingeredet wird. Unsere Aufgabe als Distribution ist es, genau im Moment der Entscheidung beim Kunden vor Ort zu sein und genau zu wissen, wen wir ansprechen müssen und welchen Lieferanten wir fürs Design vorschlagen.

Steinberger: Die Halbleiterbranche steht sehr unter Druck. Ein bekanntes Zitat des Gründers von International Rectifier lautet: „Ein Halbleiterhersteller, der eine Marktkapitalisierung kleiner als 5 Mrd. Dollar hat, ist nicht überlebensfähig.“ Es gibt derzeit zwei sehr große Player mit Intel und Samsung und dann kommt lange nichts. Man sieht jetzt schon Tendenzen, dass es weitere Zusammenschlüsse in der Halbleiterindustrie geben wird. Ich bin ziemlich sicher, dass die Konsolidierungswelle der letzten Jahre erst der Anfang war.

Das betrifft uns als Distribution aber genauso. Wir sind die Schnittstelle zwischen Lieferanten und Kunden und müssen versuchen, unseren Wert entsprechend zu definieren. Wir leben in spannenden Zeiten. Es wird an uns liegen, in der Distribution neue Konzepte und Dienstleistungen zu entwickeln, die wir vielleicht in der Vergangenheit aus verschiedenen Gründen nicht aufgegriffen haben.