Umsatzsteueränderung verursacht hohe Extrakosten Finanzministerium bittet deutsche Chip-Exporteure zur Kasse

Nach der Umsatzsteuerumkehr für den Handel mit ICs folgt nun der nächste Streich aus dem Bundesfinanzministerium: Ab sofort muss jeder Elektronik-Hersteller und -Distributor, der ICs in die EU exportieren möchte, von den Empfängern die neu eingeführte »Gelangenserklärung« einfordern. Fehlt der Nachweis, muss er die im Exportgeschäft üblicherweise entfallende deutsche Mehrwertsteuer nachzahlen.

Eine Empfangsbestätigung vom Spediteur reicht ausdrücklich nicht. 

Selbstredend ist, dass diese Erklärung erst einmal in die 26 Sprachen der EU-Länder übersetzt werden muss. Und das zieht weitere Probleme nach sich, denn das Wort »Gelangenheitserklärung« ist wie die Vorschrift eine neue Kreation des Bundesfinanzministeriums und existiert in keinem Wörterbuch, wie Georg Steinberger, Vorsitzender des Distributionsverbandes FBDi und Vice-President von Avnet Electronics Marketing kommentiert: »Das ist für mich das Unwort des Jahres 2012. Bekannt ist diese Wortschöpfung wohl nur im Berliner Regierungsbezirk, unser weltweit tätiges Übersetzungsbüro ist jedenfalls daran gescheitert.« Es ist auch kaum zu erwarten, dass sich die anderen EU-Länder Gedanken über dieses Problem machen werden, denn die Gelangenserklärung ist ein nationaler Alleingang Deutschlands. »Um die komplette Tragweite der Problematik zu verstehen, muss man sich die Situation eines europaweit tätigen Distributionsriesen vorstellen, der von Deutschland aus über 1 Million Sendungen pro Jahr ins EU-Ausland verschickt«, erklärt Steinberger. »Wir haben durch die neue Gesetzgebung nicht nur einen hohen Millionenaufwand für die Administration dieser Gelangenserklärungen, sondern auch ein deutlich höheres Umsatzsteuerrisiko, sollte der Nachweis nicht zu erbringen sein. Dieses könnte den Verwaltungsaufwand noch um ein Vielfaches übersteigen.«

Der Distributor Schukat electronic, der nur einen Bruchteil oben genannter Vorgänge in die EU abwickelt, schätzt die Kosten für die Umsetzung der neuen Vorschriften auf bis zu 150.000 €. Sie umfassen die Änderung der Geschäftsbedingungen, des Internetauftritts, des ERP-Systems, der Versandsoftware und des vom Zoll vorgegebenen Atlasverfahrens. Zudem entsteht Beratungs- und Schulungsbedarf, Arbeitsanweisungen müssen angepasst werden. Aufgrund der in Katalogen enthaltenen Geschäftsbedingungen müssen alle Kunden über die Änderungen informiert und noch nicht verschickte Kataloge berichtigt werden. Hinzu kommt die Archivierung zusätzlicher Geschäftsunterlagen und das erweiterte Mahnwesen, für die die Schukat electronic laut Geschäftsführer Bert Schukat jährlich bis zu 50.000 € veranschlagt. Hinzu kommt der Termindruck, alle Änderungen bis 31.3. umzusetzen. 

Betroffen sind natürlich nicht nur die Distributoren, sondern grundsätzlich jeder, der ICs von Deutschland ins EU-Ausland exportiert. Allerdings haben die OEMs im Gegensatz zur Distribution meist große und dafür wenige Volumenlieferungen und insofern auch weniger Einzelposten und Einzelaufwände.