Distribution 2012 Europa am Scheideweg

Georg Steinberger, DMASS und FBDi e.V.: »2012 wird bestenfalls ein flaches Jahr. Allerdings sollte die Distribution im Gesamtmarkt weiter Boden gut machen.«

In mehrfacher Hinsicht könnte 2012 für den europäischen Elektronikmarkt spannend werden - die Zeichen stehen auf Abschwung, konjunkturell (Zyklus) wie makroökonomisch (Euro). Beides wird Europas künftige Rolle im Elektronik-Weltmarkt beeinflussen.

Und wieder geht’s abwärts auf der Achterbahn des Komponentenmarktes. Nach einem stürmischen ersten Halbjahr 2011 mit fast 25 Prozent Wachstum sackte das zweite Halbjahr ab und endete mit rund 5 Prozent Minus gegenüber 2010. Das ergibt eine interessante Situation, denn 2011 insgesamt war damit zwar das erfolgreichste Jahr zumindest für die europäische Komponentendistribution. Aber schon allein im Vergleich mit 2011 kann 2012 nur mit einem Minus beginnen, denn das bombige erste Halbjahr 2011 geben die derzeitigen Auftragseingänge nicht her. 2012 wird bestenfalls ein flaches Jahr. Allerdings sollte die Distribution im Gesamtmarkt weiter Boden gut machen.

Die Gründe dafür, warum die zyklische Entwicklung wieder in ihrer vollen Konsequenz zuschlägt, sind vielfältig und durchaus in einigen Punkten mit 2009 vergleichbar, aber in manchen Aspekten eben auch völlig unterschiedlich. Zunächst die Gemeinsamkeiten: 2009 machte der Markt schlapp nach einer guten konjunkturellen Entwicklung in den Jahren 2007 und teilweise 2008 (bis zum letzten Quartal). Das Gleiche passierte jetzt 2011, allerdings auf einem weitaus höheren Marktniveau mit wesentlich mehr Wachstumsdynamik und Verfügbarkeitsproblemen. Auch die makroökonomische Großwetterlage ist ähnlich wie 2009, der Markt ist zweifelsohne beherrscht von Vorsicht im Zusammenhang mit der Euro-Krise und einem drohenden globalen Konjunktureinbruch. Das betrifft sowohl den Binnenmarkt als auch die europäischen Exportaussichten.

Hier enden jedoch die Gemeinsamkeiten. Man muss konstatieren, dass die Panik von Ende 2008, Anfang 2009 sich nicht wiederholt und 2011 von einem Absturz des Marktes keine Rede sein kann, bestenfalls von einer Abkühlung. Am besten festzumachen ist dies an der Auslastung der Halbleiterhersteller: In Q1/2009, dem »Quartal des Grauens« für die Industrie, sackte die Auslastung der Chiphersteller auf 57 Prozent durch. Heute liegt die Auslastung immer noch bei 90 Prozent, ohne  Anzeichen von größerer Panik, dass sich das dramatisch ändern könnte. Und das obwohl die Lagerbestände bei den Kunden in einigen Schlüsselindustrien bis zu 20 Tage höher sind als vor einem halben Jahr.

Weitere Unterschiede zu damals: 2009 wurde ein bereits gestarteter Aufschwung aus voller Fahrt gestoppt, nur um nach kurzer Zeit der Panik wieder voll Fahrt aufzunehmen, für nahezu zwei Jahre. Jetzt bremst sich die Elektronikkonjunktur, die teils Wachstum vorweggenommen hat (Angst vor weiterer Allokation), selbst ab. Damals türmte sich eine Innovationswelle in verschiedenen Märkten auf - Erneuerbare Energien, Consumer, Automotive -, heute lässt sich eine gewisse Sättigung bei Endgeräten und Equipment konstatieren, die sich auf die Fertigung niederschlägt, in Asien wie in Europa. Der Produktionsindex in Westeuropa ist auf dem niedrigsten Stand seit Jahren.

Was im Gesamtmarkt passiert, betrifft auch die Distribution in Europa, wenngleich der Segment-Mix doch deutlich anders ist. In den letzten Jahren profitierte die Distribution von einem stürmischen Wachstum mit Kunden, die NICHT die heimischen Produktionsgestade verlassen hatten, um in Fernost ihr Kostenglück zu finden. Der DTAM wuchs schneller dank Automotive, aber vor allem dank Industrial mit all seinen Subsegmenten, allen voran die erneuerbaren Energien. Diese zwei Sektoren sind leider derzeit auch diejenigen mit den erhöhten Lagerbeständen an Vorprodukten. Das kann sich bis in 2012 hineinziehen und den DTAM zumindest auf der Stelle treten lassen. Aber langfristig ist und bleibt Europa aufgrund seines schrumpfenden Anteils am Weltmarkt ein Distributionsmarkt, mit überproportionalem Wachstum für die Distributoren. Ein ähnliches Modell weist der amerikanische Markt auf, der allerdings segmentmäßig völlig anders ist. Automotive und Industrial spielen für die dortige Distribution eine deutlich geringere Rolle als in Europa.