Alles nur Panikmache? EU-Umweltgesetzgebungen sind teils komplex anzuwenden, aber kein Buch mit sieben Siegeln

Am »Schreibtisch« meist ohne die nötige Praxiserfahrung entwickelt, lassen die EU-Umweltgesetzgebungen wie RoHS und REACh oft das richtige Augenmaß vermissen und sorgen für deutliche Kritik aus der Elektronikindustrie.

Diese Kritik ist laut Dr. Oliver Senkel, Manager Environmental Affairs von Avnet Electronics Marketing, zwar in einigen Punkten berechtigt und nachvollziehbar, aber von übertriebener Panikmache in der Distribution hält er nichts. Schließlich müsse man sich früher oder später mit diesen Richtlinien auseinandersetzen.

»Im Zusammenhang mit den EU-Umweltregularien von ’Verordnungsdschungel’ zu sprechen, wie es oft der Fall ist, halte ich für übertrieben«, stellt Senkel klar. Sicher stellen die Regularien ein komplexes und abstraktes Gesetzeswerk dar, das auch einige Tücken hat. »Allerdings müssen damit Fachleute heutzutage umgehen können. Für kleine und mittelständische Unternehmen ist es aber zugegebenermaßen oft schwierig, sich ausführlich in die Materie einzuarbeiten, weil sie die erforderlichen Personalressourcen gar nicht haben bzw. den Kostenaufwand dafür nicht betreiben können«, gibt Senkel zu bedenken. Die Distribution ist sich ihrer gesetzlichen Verpflichtungen aber bewusst. Für die Distributoren geht es somit im Wesentlichen darum zu klären, ob sie und die Produkte, die sie verkaufen, im Anwendungsbereich »betroffen oder nicht betroffen« sind. Diese Analyse ist laut Senkel kein Buch mit sieben Siegeln, sondern läuft nach genauen gesetzlichen Vorschriften ab. Es handele sich sicher um eine schwierige und nicht immer leicht verständliche Sprache in den Gesetzestexten, so Senkel, es gelte aber, diese Verordnungen zu analysieren und auf die Produkte anzuwenden. Durch die europäische Gesetzgebung wurde der Industrie sicherlich mehr Verantwortung übertragen, die sie auch wahrnehmen muss. Denn insbesondere im Bereich der Umwelt- und Chemikaliengesetzgebung hat Europa mittlerweile weltweit eine Art Vorbildfunktion.

Welche Neuerungen gibt es?

Derzeit werden die CE-Richtlinien und die Begriffe unter der Rahmengesetzgebung der New Legislation Framework »harmonisiert« - also vereinheitlicht (EU Verordnung 768/2008). Neu ist auch, dass mit Inkrafttreten von RoHS 2.0 im Januar 2013 alle Produkte, die derzeit unter die RoHS-Richtlinie fallen, auch den CE-Anforderungen entsprechen müssen. Das trifft dann auch auf derzeit ausgenommene Produkte zu, sobald sie unter den Geltungsbereich fallen. »Wer ein Elektronikgerät herstellt, muss ab 2013 eine Konformitätserklärung ausfüllen. Dabei handelt es sich nicht um eine Absichtserklärung, sondern um ein offizielles Dokument auf gesetzlicher Grundlage«, schildert Senkel.

Eine wesentliche Änderung in der neuen RoHS-Richtlinie ist, dass Geräte dann nicht mehr unter RoHS 2.0 fallen, wenn sie ausschließlich F&E-Zwecken dienen: Ausgenommen sind damit also Referenz-Boards und Evaluation Kits. Das ist sozusagen als Unterstützung für den Entwicklungsstandort Europa zu verstehen, erklärt Senkel, »um die Innovationsinitiative ’Horizon 2020’ zu untermauern.« Dabei geht es darum, wie der Name schon vermuten lässt, Innovationen in Europa zu fördern. Dass die dafür erforderlichen Entwicklungswerkzeuge unbürokratisch zur Verfügung stehen müssen, versteht sich von selbst und ist notwendige Voraussetzung. Allerdings glaubt Senkel nicht, dass diese Ausnahme große Auswirkungen haben wird, »denn niemand wird deshalb weltweit seine Produktion umstellen«. Die überwiegende Zahl der Referenzboards und Evaluation Kits wird weiterhin »bleifrei« bleiben. »Das ist also eine rein politische Entscheidung, die keinen technischen Hintergrund hat«, so Senkel. Diese Ausnahme für F&E-Geräte wurde auch bereits in der neuen WEEE 2.0 aufgenommen, die erst ab Januar 2014 gültig wird.

Für besonders hohen Arbeitsaufwand in der Elektronikindustrie sorgt die Chemikalienverordnung REACh, die schädliche Substanzen in den Erzeugnissen in der Lieferkette reguliert. Allerdings war den Ordnungshütern aus Brüssel wohl nicht klar, wie massiv auch die Elektronikindustrie davon betroffen sein würde. Die Kandidatenliste der REACh-Verordnung verzeichnet mittlerweile 84 Substanzen - die Substances of Very High Concern (SVHCs), die als besonders besorgniserregend gelten. Darunter sind auch einige Substanzen, die in der Elektronik breiten Einsatz finden (z.B.: Weichmacher oder Flammhemmer). Wer solche Chemikalien in bestimmten Mengen in seinen oder den von ihm verkauften Erzeugnissen hat, muss das der ECHA melden (Notifizierungspflicht). Diese Stoffe können in den Anhang XIV (Verzeichnis der zulassungspflichtigen Stoffe) aufgenommen werden. »Landet ein Stoff auf der SVHC-Liste, heißt das aber noch nicht, dass er automatisch verboten ist«, klärt Senkel auf. Das bedeute erst mal, dass diese Stoffe einem Evaluierungsprozess unterworfen sind, und es besteht unter klar definierten Kriterien eine Informationspflicht innerhalb der Lieferkette. Eine Aufnahme in den Anhang XIV würde dann aber ein schrittweises Verbot bedeuten.

In diesem Zusammenhang weist Senkel auch darauf hin, dass das derzeit viel diskutierte Galliumarsenid momentan noch nicht auf der SVHC-Liste steht. Zwar erwarte man für Dezember eine Erweiterung der SVHC-Liste um 54 Stoffe, Galliumarsenid sei aber wohl nicht dabei. Und selbst wenn ein Stoff auf der SVHC-Liste steht, ist er, wie gesagt, noch nicht verboten, sondern für diese Stoffe bestehen an bestimmte Bedingungen geknüpfte Informations- und Notifizierungspflichten.