Stärken und Schwächen der Supply-Chain »Es hätte deutlich schlimmer kommen können«

Die Elektronik-Lieferkette ist fragil. Wo läuft es rund, wo hakt es, was hat sich verändert? Distributoren, Hersteller und EMS ziehen Bilanz beim Markt&Technik-Round-Table „Supply Chain“.

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Prägnante Äußerungen beim Markt&Technik Round Table "Supply Chain"

Die Teilnehmer des Round Tables

Die gute Nachricht vorweg: An vielen Stellen funktionierte die Lieferkette auch unter den Extrembedingungen, wie sie 2018 gegeben waren. Das bestätigt Felix Timmermann, Executive VP für Zentral- und Osteuropa vom EMS-Dienstleister Asteelflash, der beim Round Table die Kundenseite vertritt: »Wir haben im letzten Jahr sehr gut mit unseren Zulieferern zusammengearbeitet, denn es hätte sonst deutlich schlimmer kommen können.« Dem pflichtet Uwe Reinecke, Regional Vice President Sales Central & East Europe von TTI, bei: »Wir sind als Distributor dafür verantwortlich, Supply-Chain-Unterbrechungen möglichst zu vermeiden und als Schnittstelle der Hersteller tausende Kleinkunden und verlängerte Werkbänke mit Ware zu versorgen. Und das, denke ich, ist auch letztes Jahr gut gelungen. Ein signifikanter Anteil der Distribution hat dazu beigetragen, dass das im Zusammenspiel funktioniert hat.«

Während 2018 von einer massiven Übernachfrage gepaart mit diversen makroökonomischen Unwägbarkeiten geprägt war, hat sich die Bedarfssituation inzwischen zumindest teilweise entspannt. Die Unwägbarkeiten hingegen sind geblieben und werden auch in Zukunft die Lieferkette beeinflussen. So verbindet Georg Steinberger, Präsident der weltweiten Distributionsorganisation IDEA, Vorsitzender von DMASS und FBDi sowie Vice President Marketing & Communication bei Avnet EMEA, die Supply-Chain weiterhin mit »Zöllen und Problemen«. »Wir gehen auf spannende Zeiten zu«, meint indes Andreas Mangler, Director Strategic Marketing von Rutronik. Ein generelles Umdenken in der Lieferkette fordert Matthias Lohmeyer, General Sales Manager DSC bei Future Electronics. Was meint er damit? »Während große Kunden die Situation sofort verstanden und rechtzeitig ihre Bedarfe platziert haben, muss man mit KMUs deutlich länger diskutieren, denn sie wollen viel Flexibilität und sich nicht festlegen.« Schlussendlich führe dieses Verhalten zu Problemen in der Lieferkette.

Auch hinsichtlich kritischer Bauteile, etwa großer MLCC-Bauformen, prangern die Diskussionsteilnehmer eine gewisse Beratungsresistenz der Kunden an. Michael Turbanisch, Head of Distribution Sales Manager von Yageo, sieht einen Grund in der lange Zeit gegebenen guten Verfügbarkeit solcher Bauteile: Diese Situation suggerierte, dass keine Notwendigkeit bestanden habe, auf kleinere Bauformen umzustellen. Ein Trugschluss. »Wenn man seine BOM immer nur nach dem Copy&Paste-Prinzip aufsetzt und nicht auf die Sekundärketten achtet, dann hat man am Ende eben solche Themen.«

Im Gegensatz zu den passiven Komponenten funktioniert die „Erziehung“ der Kunden bei den Halbleitern besser. »Bei den Mikrocontrollern findet das Umdenken statt, denn wir sehen einen Trend weg von 8- und 16-bit-MCUs hin zu 32 bit, weil auch diese inzwischen sehr günstig sind«, weiß Steinberger. Warum klappt das dann nicht bei anderen Produktgruppen?« Diese Frage hat Uwe Reinicke schnell beantwortet: »Passive sind meist „Eh da“-Komponenten. Da wird die BOM kopiert und fertig. Heute gibt sich kein Ingenieur mehr damit ab. Oft sind sich Hersteller ja auch selbst nicht im Klaren, dass sie nach einigen Monaten ein Produkt abkündigen werden.«

»Aus meiner Sicht ist in der Lieferkette derzeit jedenfalls keine Panik erforderlich«, beruhigt Hermann Reiter, Global Strategic Business Development & Supplier Management von Digi-Key: »Jetzt kann man sich endlich auf Projekte konzentrieren, die man lange vor sich hergeschoben hat.« Insofern kehre jetzt wieder etwas Ruhe ein in der Lieferkette.

Die Kehrseite: Der aktuelle Rückgang der Nachfrage zieht einen Abschwung nach sich. Ob dieser nur der wirtschaftlichen Situation geschuldet ist oder auch vielerorts gehamsterte Lagerbestände abgebaut werden, dürften erst die nächsten Monate zeigen. Die Quartalszahlen einiger Komponenten-Hersteller spiegeln den Abschwung bereits wider und nach zwei Jahren mit ungewöhnlich guten Ergebnissen machen sich auch in der deutschen Bauelemente-Distribution erste Anzeichen einer Marktabkühlung bemerkbar. Dennoch wuchs der Umsatz der im Fachverband Bauelemente-Distribution organisierten Distributionsunternehmen im ersten Quartal immerhin noch um 4 Prozent auf rund 922 Millionen Euro. Die Aufträge gingen jedoch um knapp 17 Prozent zurück, was einer Book-to-Bill-Rate von 0,9 entspricht.

Disruption und Schwankungen sind die neue Normalität

»Wenn man analysiert, wo die Komponenten verbaut werden, sind es zu zwei Dritteln Consumer-Produkte inklusive Autos« gibt Georg Steinberger zu Bedenken. Die Crux dabei sei, dass diese Produkte vom Verbraucherverhalten und -vertrauen abhängig und daher auch nicht unbedingt planbar sind. »Unsere Wachstumsraten sind moderater als noch vor 20 oder 30 Jahren – langfristig sehe ich aber große Potenzial, z.B. bei Infrastruktur und intelligenten Applikationen. Aber kurzfristig leben wir in einem Zeitalter, in dem es jede Menge Disruption gibt«, erklärt Steinberger.

Insbesondere das Automotive-Umfeld befindet sich stark im Wandel. Während der Absatz von Dieselantrieben zurückgeht, sind Hybrid- und Elektroantriebe auf dem aufsteigenden Ast. »Wir sehen hier Kunden, die sehr stark wachsen. Im Gegensatz dazu haben es Kunden schwer, die auf Antriebe im Dieselsegment setzen«, lässt Frank Wolinski wissen, Region EMEA VP Channel Sales von STMicrolelectronics. Zudem gleicht der immer weiter steigende Komfort im PKW einen sinkenden Absatz nach Stückzahlen aus. Beim EMS-Dienstleister Asteelflash jedenfalls laufen derzeit sehr viele Projekte im Auto-Umfeld an, von Innenraum-Komfort bis hin zu 48-Volt-Netz-Themen.

Rückblickend lässt sich für 2018 sagen, dass eine Marktsituation eingetreten ist, die schlecht vorhersehbar war. »Das hat sich auch dadurch ergeben, dass Groß- oder Lead-Kunden ihre Designs immer mehr an ODMs outsourcen und der Markt dadurch immer unübersichtlicher wird«, ergänzt Reinicke. »In China potenziert sich das Ganze: Es kommen kopierte Designs zu Tage, etc. Das Ganze multipliziert sich und ist nicht mehr in der Klarheit vorhersehbar, wie es früher war. Gleichzeitig bringen neue Technologien extreme Peaks mit sich. Daher wird es immer wieder extreme Marktschwankungen geben. Das ist unabhängig davon, ob die Kapazitäten da sind oder nicht«, führt Reinicke aus.