Obsolescence-Strategie treibt Umsatzanteil auf über ein Drittel e2v profitiert von abgekündigten Freescale-Prozessoren

Eric Marcelot, e2v: »Der Aufwand, um potenzielle Obsolescence zu identifizieren, ist bereits heute groß und wird mit der Zeit weiter steigen.«

Auf die Herstellung abgekündigter Halbleiterprodukte fokussiert die Specialist Semiconductor Division, einer von vier Unternehmensbereichen des französischen Herstellers e2v. Etwa ein Drittel des Umsatzes wird derzeit mit derartigen Produkten erzielt, »was maßgeblich auf das Geschäft von QP Semiconductor zurückgeht, die 2008 akquiriert wurde«, sagt Eric Marcelot, Marketing Manager für Mikroprozessoren bei e2v. Wegen der Abkündigung einiger 68K-MCUs von Freescale, die e2v weiter produziert, »wird der Anteil unseres Geschäfts mit Obsolescence-Produkten in den nächsten Monaten weiter steigen, denn wir haben für die Freescale-Prozessoren bereits große Aufträge erhalten«.

Markt&Technik: Bedeutet »maßgeblich«, dass e2v vor der Übernahme des US-amerikanischen Halbleiterherstellers QP Semiconductor wenig Erfahrung in puncto Obsolescence hatte?

Eric Marcelot: Zu unseren Kernaufgaben gehörte von Anfang an - e2v wurde vor 25 Jahren als Geschäftsbereich von Thomson-CSF in Grenoble gegründet - die Unterstützung von Produkten über einen sehr langen Zeitraum - genauer gesagt, solange die Programme unserer Kunden sie benötigten. Die Übernahme von QP Semiconductor war eine wichtige strategische Entscheidung, denn deren Fokus gilt seit über 20 Jahren der Obsolescence-Thematik. In der Specialist Semiconductor Division können wir nun Synergien nutzen und komplementäre Expertise beider Gruppen zusammenbringen.

Wie hoch ist Ihre Fertigungstiefe - fertigen Sie überhaupt in eigenen Fabs oder oder lassen Sie fertigen?

Was unsere Halbleiter-ICs angeht, beziehen wir Wafer von verschiedenen Foundry-Partnern sowie von Freescale für unsere High-Reliability-Prozessoren. Das Back-End des Produktionsprozesses, also die Gehäusemontage, das Testen und Screenen geschieht in unseren eigenen Fabriken, die nach höchsten Qualitätsstandards wie AS/EN9100 sowie QML Class Q und V zertifiziert wurden. Diese Stufe des Produktionsprozesses ist ein entscheidender Faktor in der Unterstützung von Produkten über einen langen Zeitraum hinweg, basierend auf Wafer Banking. Das erforderliche Fachwissen haben wir über viele Jahre hinweg vertieft. Wafer Banking ist eines der sichersten und einfachsten Verfahren, um die Lebensdauer von Halbleitern zu erweitern. Ohne die Möglichkeit, sie zu produzieren und zu testen, wäre das Verfahren aber nicht so effektiv und erfolgreich, weshalbwir diese Fähigkeiten im Unternehmen behalten. Das ist besonders bei älteren Technologien wichtig, wo wir sicherstellen müssen, die nötigen Prozesse und Geräte lange genug vorzuhalten, um diese Technologien zu unterstützen.

Der Produktvertrieb ist branchentypisch direkt und indirekt...

Ja, wir nutzen beide Vertriebswege. Letztlich entscheidet der Kunde, welcher Vertriebsweg für ihn der passende ist. Das Verhältnis zwischen direkt/indirekt ändert sich zwar immer wieder, doch in der Regel vertreiben wir mehr als die Hälfte unserer Produkte über Halbleiter-Distributoren wie Arrow und Avnet.

Sie fertigen abgekündigte Freescale-Prozessoren der 68K-Serie exklusiv. Ist exklusive Fertigung abgekündigter Produkte in dieser Branche die Regel, weil die Stückzahlen nicht hoch genug sind für zwei oder mehr Hersteller?

Wir haben nur Exklusivrechte an den 68K-Produkten, die wir bereits seit vielen Jahren fertigen. Dazu gehören die Typen 68020, 68882 und 68C000. Es ist schwer zu sagen, wie üblich dieser Ansatz ist. In unserem Fall geht das darauf zurück, dass wir viele Jahren qualitativ hochwertige Versionen der 68K-Bausteine geliefert haben. Grundsätzlich ist es aber so, dass die Stückzahlen in diesen Hochverfügbarkeitsmärkten relativ gering sind, gerade wenn man die Halbleiterbranche insgesamt betrachtet.

Wie kommt man an solch einen Auftrag etwa bei Freescale heran - ist das Gedrängel seitens Mitbewerber groß? Helfen gute Kontakte – etwa dadurch, dass man im eigenen Haus ehemalige Mitarbeiter großer Halbleiterhersteller auf der Gehaltsliste hat?

Aus unserer Sicht müssen drei Kriterien erfüllt werden: Man muss erstens liefern, was man versprochen hat; man muss zweitens die Verantwortung für die Lieferung übernehmen und drittens den Kunden mit guter Qualität und gutem Service zufriedenstellen. Die Zusammenarbeit mit Freescale verdanken wir unserer Fähigkeit, ein verlässlicher Partner zu sein, der einen hochwertigen Service in den Märkten bietet, die wir bedienen. Gerade im Hinblick auf die Weiterführung der 68K-Produkte waren wir nicht der einzige Hersteller, der ein Interesse an diesem Markt hatte. Doch wir haben den Zuschlag von Freescale erhalten, weil wir die drei genannten Kriterien erfüllen. Im »Specialist Semiconductor«-Team sind keine ehemaligen Freescale-Mitarbieter, daher kann ich nicht sagen, ob dies einen Einfluss auf Entscheidungen hat. Wir sind der Ansicht, dass es weniger darauf ankommt, Mitarbeiter zu haben, die in der Vergangenheit für ein bestimmtes Unternehmen gearbeitet haben, als vielmehr solche Mitarbeiter zu haben, die die passenden Fähigkeiten und Kompetenzen für die Aufgabe vorweisen.

Wie groß ist denn weltweit der Markt für Obsolescence-Produkte, gibt es da verlässliche Zahlen?

Uns sind keine unabhängigen Zahlen zur Größe des Obsolescence-Markts, was Produkte und Dienstleistungen angeht, bekannt. Basierend auf unserer eigenen Arbeit, schätzen wir ihn aber auf einige 100 Mio. Dollar. Gerade die Obsolescence von Komponenten ist für unsere Kunden zunehmend ein Thema, weil große Halbleiterhersteller Produkte einstellen, Kunden jedoch Plattformen und Programme oft noch weitere 10 Jahre unterstützen müssen und gleichzeitig Lieferengpässe oder Fälschungen vermeiden wollen. Der Aufwand, den Gerätehersteller und Systemintegratoren betreiben, um potenzielle Obsolescence zu identifizieren oder existierende Probleme zu beheben, ist bereits heute groß und wird mit der Zeit weiter steigen.

Wieviele Hersteller tummeln sich in diesem Markt der Herstellung abgekündigter Produkte?

Es gibt eine Reihe von Unternehmen, die die unterschiedlichsten Dienstleistungen rund um das Thema Obsolescence anbieten wie BOM-Management, Lifecycle-Management oder etwa Broker. Doch darunter sind nur wenige Chip-Hersteller. Rochester Electronics ist wahrscheinlich der größte, wenn man kommerzielle Märkte einbezieht. Wir sind der größte Hersteller von abgekündigten Halbleitern für die Luftfahrtindustrie und verfügen über Zertifizierungen der wichtigsten Behörden wie der Europäischen Weltraumbehörde ESA.

Etwa zwei Drittel des Umsatzes erwirtschaften Sie derzeit mit anderen Kompomenten. Welche sind das?

Wir entwickeln und vertreiben Produkte wie Bildsensoren für Weltraum-Teleskope und Kameras zur industriellen Bildverarbeitung und Produktionsüberwachung. Im Bereich Halbleiter sind es breitbandige Datenwandler und Bildsensoren. Überdies entwickeln wir hochverfügbare Versionen von bestehenden Produkten im Rahmen von Lizenzvereinbarungen mit den jeweiligen Halbleiterherstellern wie etwa Freescale. So basieren die High-Reliability-Mikroprozessoren von e2v auf Standardprodukten von Freescale, die von uns neu verpackt, geprüft, gekennzeichnet und in einem erweiterten Temperaturbereich von -55 bis +125 °C getestet werden. Manchmal gehen die Anpassungen sogar noch weiter.