Markt&Technik-Forum Drängt Amazon in die Komponentenindustrie?

Hersteller und Distributoren trafen sich zum Markt&Technik Forum "Distribution & Supply Chain" in den Räumen der WEKA Fachmedien.

Bereits vor einem Jahr gab es Anzeichen dafür, dass Amazon den Handel mit elektronischen Bauteilen forciert. Im Mai trat der US-Konzern nun erstmals als Sponsor der Electronic Distribution Show auf, einer B2B-Veranstaltung für Distributoren und Hersteller in Las Vegas.

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Die Teilnehmer des Forums

M&T Forum Distribution

Bekannt wurde Anfang des Jahres außerdem die Übernahme des israelischen Halbleiter-Start-ups Annapura Labs durch Amazon. Hat der Konzern das Potenzial, sich strategisch in die etablierten Strukturen und Lieferketten der B2B-Elektronikindustrie zu drängen?

Auf dem Markt&Technik-Forum „Distribution & Suppy Chain“ sahen die Teilnehmer – Distributoren und Bauelemente-Hersteller – diese Frage differenziert. Fakt ist: Der Handelskonzern will den Vertrieb und das Sortiment elektronischer Bauteile und Module über seinen Marktplatz ausbauen, wie einige Teilnehmer der Diskussionsrunde bestätigten: »Bei uns hat Amazon schon im letzten Jahr für den Vertrieb unserer Embedded-Module angefragt«, sagt Thomas Klein, Vice President Sales & Distribution von MSC Technologies, »aber wir haben davon Abstand genommen, weil wir das nicht als adäquatesVertriebsmodell für diese Produkte ansehen. Wenn wir Produkte nicht aktiv beim Kunden vorgestellt und bemustert haben, können wir kein Geschäft generieren. Deshalb machen wir nichts ohne Design-in, und deshalb ist für uns ein Vertriebsweg wie Amazon nicht relevant.«

Auch mit Rutronik ist laut Tilo Rollwa, Bereichsleiter eCommerce von Rutronik und Prokurist Rutronik24 in Kontakt getreten. Dabei sei es um Produkte mit einem Wert von über 5 Euro pro Stück gegangen. Eine Zusammenarbeit habe Rutronik abgelehnt. Auch andere Distributoren berichteten in den letzten Monaten über Anfragen von Amazon. Andreas Mangler, Director Strategic Marketing von Rutronik vermutet dahinter einen strategischen Schachzug nach dem Vorbild aus dem B2C-Handel des US-Konzerns: Amazon nimmt für den Vertrieb neuer Produkte Händlerplattformen auf, quasi als „Testballon“ – sobald ein Produkt auf der Händlerplattform gut läuft, sucht Amazon der Marge wegen den direkten Weg zum Hersteller.

Andre Dey, Distribution Manager EMEA von Bourns, berichtet, dass Bourns-Produkte über Amazon verkauft werden, obwohl Bourns selbst keinen Geschäftskontakt zu Amazon unterhält: »Wir haben vor etwa einem Jahr eine Anfrage von Amazon erhalten, haben uns aber nicht näher damit beschäftigt«, so Dey. Die Quelle, aus der die bei Amazon verkauften Bourns-Produkte stammen, bleibe nebulös: »Wir können nicht mal bestätigen, dass es sich um Original-Produkte von uns handelt«, erklärt Dey. »Es könnten Überbestände sein. Eventuell kommen diese Produkte über Asien auf den Markt.« Dass eine Qualitätsmarke mit Fake-Produkten in Verbindung gebracht werden könnte, ist nach den Worten von Jan Pape, Director EMEA Distribution von Texas Instruments, die größte Gefahr, die Amazon birgt: »Unsere Initiative „Secure Supply Chain“ hängen wir sehr hoch auf – Non-Franchised-Händlern wollen wir es möglichst schwer machen, unsere Produkte zu verkaufen.

Dass elektronische Bauteile vieler Hersteller über Drittquellen bei Amazon erhältlich sind, ist nicht ungewöhnlich. Autorisierte Franchise- oder Vertriebsvereinbarungen sind aber die Ausnahme. Für den B2B-Markt oder die Produktion sind Produkte aus unautorisierten Quellen aufgrund der fehlenden Traceability nicht verwertbar. Noch spielt Amazon für die B2B-Elektroniklieferkette demnach keine Rolle. Könnte sich das ändern? Durch seinen Webserver-Dienst, dem derzeit einzigen profitablen Amazon-Bereich, hat der US-Konzern jedenfalls schon Zutritt zum B2B-Markt.