Ausblick Distribution 2012: Katerstimmung oder Business as usual?

Nach dem Rekordjahr 2011 liegt die Messlatte 2012 für die Distributoren hoch: Welche Herausforderungen kommen in diesem Jahr auf die Branche zu? Drückt die Euro-Schuldenkrise auf die Gemüter der Elektronik-Lieferkette? Besteht nun Grund zur Sorge oder nicht? Markt&Technik hat einige Distributoren zu ihrer Einschätzung befragt.

Markus Krieg, Geschäftsführer Marketing, Rutronik: »Wir gehen davon aus, dass sich die Situation 2012 stabilisiert und ein ähnliches Niveau erreicht wie 2010/2011«

»Insgesamt verlief das Geschäftsjahr 2011 sehr positiv. Die ersten beiden Quartale waren sehr stark, verursacht auch durch die Vorratsdisposition aufgrund der Katastrophe in Japan. Im dritten Quartal war dann ein Abschwung zu sehen, der jedoch typisch ist für das konservative Dispositionsverhalten der Kunden in der Sommer- und Ferienzeit«, erklärt Markus Krieg, Geschäftsführer Marketing von Rutronik. Im vierten Quartal habe sich eine gewisse Unsicherheit bemerkbar gemacht, so Krieg, ausgelöst durch die Eurokrise.

Aufgrund der aktuellen Eurokrise wird die Kreditvergabe-Politik der Banken zunehmend rigider, und viele Unternehmen agieren sehr zurückhaltend. »Die europäische Distribution ist jedoch nicht so stark von der Euroschwäche betroffen, wie es Unternehmen anderer Branchen oder Länder sind. Denn ihr wichtigster Partner ist der Mittelstand. Diese Unternehmen haben eine relativ hohe Eigenkapitalquote und agieren eher konservativ, was ihre Finanzen betrifft«, schildert Krieg. Das mache sie viel unabhängiger von der Finanzwirtschaft als die größeren Unternehmen oder Konzerne. So ist es kein Zufall, dass der Mittelstand schon lange das Rückgrat der europäischen Wirtschaft bildet. Könnten sich alle Unternehmen von der Euro-Angst lösen, wären noch mehr Wachstumsimpulse aus der Wirtschaft vorhanden.

Wie stellt sich der aktuelle Auftragseingang dar und wie der Forecast der Kunden für die kommenden Monate? Auch darauf hat Krieg eine klare Antwort: »Wir kommen nun zurück zur Normalität. Wir werden voraussichtlich keine riesigen Sprünge und Bewegungen in den Märkten haben, sondern – wie schon so oft – Wachstumsimpulse von spezifischen, hochinnovativen Produkten unserer Kunden bekommen.« So wird nach Ansicht von Krieg zum Beispiel im Automotive-Segment die Elektrifizierung weiter voranschreiten, so dass viel Energie in die Entwicklung neuer Batterietechnologien und Batterie-Analysesysteme fließt.

Im Consumer-Bereich entstehen durch die neuen Displaytechnologien immer mehr Digital-Signage-Applikationen, die häufig mit Web-Anwendungen vernetzt sind. Die drahtlose Vernetzung spielt auch im Haushaltsgeräte-Segment eine große Rolle. Dieser Trend zum Smart Home ist auch zurückzuführen auf die Entwicklung hin zu Smart Grids. Sie werden durch eine zunehmend dezentrale Energieversorgung und den Zwang zur effizienten Energieverteilung und -nutzung notwendig. Dabei spielen auch energieeffiziente Beleuchtungen auf LED-Basis eine große Rolle. Auch im Medizinbereich gibt es einen starken Entwicklungsschub, allen voran in der Telemedizin, die durch die Überalterung der Gesellschaft und einen massiven Ärztemangel getrieben wird.

Als größte Risikofaktoren bezeichnet Krieg die Euro- und Dollar-Krisen, denn sie beeinflussen den Markt ganz signifikant. Hinzu kommt die aktuelle chinesische Notenbank-Politik. In China sind einzelne Provinzen und Kommunen hoch verschuldet, gleichzeitig werden hohe Summen in Infrastrukturprojekte investiert. Da der chinesische Markt zu einem der größten der Elektronikbranche zählt, ist diese Entwicklung kritisch zu beobachten.
 
Eine Herausforderung ist es nach Ansicht von Krieg außerdem, stets an der Speerspitze aller Entwicklungen zu stehen. »Das ist zwar nicht neu, doch durch die Vielzahl an Wachstums- und Entwicklungsimpulsen aus den unterschiedlichsten Marktsegmenten nicht einfach zu realisieren«, betont Krieg. Doch dafür habe Rutronik – beispielsweise mit den Vertical Market Teams für die Fokusmärkte – sehr gut vorgesorgt.  

Was heißt das nun für 2012? »Auch im Jahr 2012 werden viele Investoren aufgrund der Weltwirtschaftslage noch vorsichtig agieren. Deshalb werden wir sicher nicht mit großen Wachstumssprüngen rechnen können«, so Krieg. »Trotzdem gehen wir von einem gesunden Wachstumsniveau aus, denn wir sehen sehr viele Impulse aus den verschiedensten Marktsegmenten. Insofern erwarten wir, dass sich die Situation 2012 stabilisiert und ein ähnliches Niveau erreicht wie 2010/2011!«

Einen drohenden Preisverfall sieht Krieg derzeit übrigens nicht, »zumindest unberücksichtigt der weiteren Integration von Funktionen und Prozess-Shrinks, die wir zu den sog. kontinuierlichen Verbesserungsprozessen (KVP) zählen«, so der Rutronik-Geschäftsführer.