Kommt Elektromobilität endlich in Fahrt? Der VW-Skandal könnte zur Opportunity werden

20 Teilnehmer diskutierten zahlreiche Themen - u. a. auch den VW-Skandal.

VW-Skandal und kein Ende: Immer wieder kommen neue Fakten auf den Tisch. Die Auswirkungen auf die Zulieferindustrie haben die Teilnehmer des Markt&Technik-Forums »Distribution & Supply Chain« diskutiert.

Ein Drittel des deutschen  Bruttosozialproduktes wird nach Auskunft von Ole Gerkensmeyer, Regional Sales Director für Zentraleuropa von Future Electronics, durch die Automobilindustrie und deren Zulieferer erzeugt. Natürlich liefern die Zulieferer nicht nur an VW oder deutsche Hersteller, sondern viele sind auch für andere Automarken weltweit tätig.

Gibt es derzeit Auswirkungen des VW-Skandals auf die Zulieferkette? Immerhin zählt Automotive auch in der Komponenten-Industrie zu einem der Hauptmärkte. Die meisten Komponentenhersteller oder Distributoren liefern aber nicht direkt an die Automobil-Hersteller, sondern an Tier1 und Tier2.

Es sei durchaus spürbar, so einige Forumsteilnehmer, dass VW Druck auf die Tier1 und Tier2 ausübe. Bernd Pfeil, Vice President Sales von EBV, sieht das Thema differenziert: »Durch den Skandal hat der Diesel weiter an Reputation verloren und den Diesel-Gegnern Argumente geliefert, die dahin führen, dass wir mehr über Elektromobilität und Hybridmotoren diskutieren. Und die Frage ist, ob die deutsche Automobilindustrie hier wirklich gut aufgestellt ist.«  

Dass der Abgas-Skandal die Elektromobilität stärker ins Licht rückt, ist nicht von Nachteil, findet Jan Pape, Director EMEA Distribution / EMEA Sales & Applications von Texas Instruments. Im Gegenteil: Der Anteil von Elektronik in Autos wird sich dadurch noch weiter erhöhen – und das wiederum würde zum Business-Treiber für alle Anwesenden werden. »Elektromobilität heißt auch „mehr elektronische Bauteile“. Wir sehen das als Opportunity!«, unterstreicht Frank Wolinski, Distribution and Demand Creation Director EMEA von ST Microelectronics. Doch die Meinung, dass in einem Elektrofahrzeug mehr Elektronik steckt als in einem klassischen Auto, teilen nicht alle Forumsteilnehmer: »Schließlich fällt auch einiges an Elektronik weg, z.B. die Getriebesteuerung oder die Elektronik für die Einspritzanlage«, erläutert Tilo Rollwa, Bereichsleiter e-Commerce von Rutronik und Prokurist von Rutronik24. Weitet man den Blick allerdings auf die Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge aus, würde die Rechnung wohl doch zugunsten der Elektromobilität ausfallen.
Die jüngst beschlossene Förderung von Elektroautos durch die Bundesregierung könnte sich außerdem als  zusätzlicher Antrieb für die Elektromobilität erweisen, die in anderen Regionen der Welt schon deutlich mehr Fahrt aufgenommen hat, wie Dietmar Jäger, Vice President Distribution Corporate Sales von TDK, an einem Beispiel aufzeigt: In Peking werden aufgrund der prekären Verkehrssituation und der Luftverschmutzung Zulassungen verlost, und dabei werden Elektroautos bevorzugt. Ob davon allerdings europäische Lieferanten profitieren werden, wagt Bernd Pfeil zu bezweifeln: »Immerhin entwickeln sich die chinesischen Zulieferer rasant.« Und da China, durch entsprechende Regularien getrieben, sehr stark die Supply Chain im eigenen Markt fördert, profitieren vom Zuwachs der E-Cars in Peking mittelfristig wohl nur die chinesischen Lieferanten.     

Aber selbst wenn die Elektromobilität nach wie vor nicht den erwarteten Raketenstart hinlegt: Im Automobil-Segment gibt es nach Ansicht von André Dey, Distribution Manager EMEA von Bourns, genügend Innovationspotenzial, wie etwa das autonome Fahren, das die Zulieferer aus der Elektronikindustrie auch in den nächsten Jahren intensiv beschäftigen wird.

„12 V im Auto wird abgelöst“

Dass der Sprung vom klassischen Fahrzeug auf die Elektromobilität in einem Satz gelingt, ist eher unwahrscheinlich. So ist Andreas Mangler, Director Strategic Marketing von Rutronik, der Meinung, dass 12 V im Auto abgelöst wird und 48 V den Zwischenschritt zur Elektromobilität darstellen werden: »Hierin sehen wir eine enorme Chance, weil wir dazu höherwertige Bauteile brauchen, zum Beispiel 100-V-MOSFETs. Hier liegt Musik drin für alle, die sich mit Leistungselektronik beschäftigen.« Davon betroffen wären Sitzheizung, Heck- und Frontscheibenheizung, Start/Stop-Generator etc. »Das 48-V-Boardnetz haben die OEMs schon in der Schublade, komplett entwickelt und strukturiert«, so Mangler.