Digi-Keys Standortstrategie Der Stolz des Nordens

So soll das neue Firmengebäude von Digi-Key bei der Inbetriebnahme im Juli 2021 aussehen.
So soll das neue Firmengebäude von Digi-Key bei der Inbetriebnahme im Juli 2021 aussehen.

Eines der aktuell größten Bauprojekte der USA befindet sich ausgerechnet im entlegenen Nordwesten von Minnesota. Um zu verstehen, warum Digi-Key dort so massiv in seinen Stammsitz Thief River Falls investiert, hilft ein Besuch vor Ort.

Erfolgsmeldungen und sorgfältig ausgesuchte Geschäftszahlen – damit beginnen Firmenpräsentationen üblicherweise. Dave Doherty, President und COO von Digi-Key Electronics, wählt einen ganz anderen Weg. Zur Begrüßung einer kleinen Zahl eigens nach Thief River Falls, Minnesota, angereisten Journalisten erzählt er die Geschichte eines Reporters der Washington Post:. Der hatte 2015 das nur knapp 30 km südlich gelegene Red Lake County nach Auswertung objektiver klimatischer und geographischer Daten zum „Worst place to live in America“ erklärt.

Die Anekdote ist auch für den benachbarten Firmensitz von Digi-Key alles andere als schmeichelhaft, und Doherty gibt offen zu, dass die Unternehmensführung ernsthaft darüber nachgedacht hat, die Zentrale in eine weniger entlegene Region als das Grenzgebiet zu Kanada zu verlegen. Doch das wäre »wie eine Herztransplantation« gewesen, bei der die spezifische Stärke von Digi-Key hätte verloren gehen können: »Die Menschen hier machen den Unterschied«, betont Doherty und sagt dann den Schlüsselsatz, der die Mentalität und den Stolz des amerikanischen Nordens auf den Punkt bringt: »Wir haben den Nachteil, in dieser Region zu sein, in einen Vorteil verwandelt.«

Aus diesem Geist heraus ist auch die Entscheidung gefallen, 400 Millionen Dollar in einen gewaltigen Neubau zu stecken, dessen Grundfläche in etwa so groß wie 22 Football-Felder ist. Auf insgesamt mehr als 200.000 qm Fläche soll im Juli 2021 eines der modernsten und größten Warenverteilzentren im Bereich der Bauteiledistribution in Betrieb gehen. Der hohe Automatisierungsgrad der Anlage soll die Produktivität erhöhen und Standortnachteile ausgleichen. Konkretes Ziel ist es, auch bei weiter steigendem Liefervolumen jede Bestellung innerhalb von 20 Minuten versandfertig zu machen und weltweit innerhalb von 48 bis 72 Stunden zuzustellen. Konkreter Anlass für die Pressekonferenz ist der Abschluss der Betonarbeiten. Beim Rundgang durch die neuen Hallen beeindrucken die gewaltigen Dimensionen von Lager und Verteilanlage, die sich aktuell im Aufbau befinden. Allein die Förderbänder werden eine Gesamtlänge von rund 40 km erreichen. Für die Feuerlöschanlage mit mehr als 50.000 Sprinklerköpfen wiederum mussten eigene Wassertanks installiert werden – andernfalls würde bei ihrem Einsatz die Wasserversorgung von Thief River Falls austrocknen.

Großer Zusammenhalt

Zwar nicht so spektakulär, aber sehr aufschlussreich sind auch manche Details im aktuellen Gebäude, weil sie etwas über den Unternehmensgeist bei Digi-Key erzählen. Zum Beispiel der Zettel im Aufzug, der zu einer Benefiz-Veranstaltung für einen langfristig erkrankten Mitarbeiter einlädt. Denn trotz einer für amerikanische Verhältnisse außergewöhnlich guten Krankenversicherung inklusive einer eigenen Krankenstation auf dem Firmengelände kann das Geld in Einzelfällen knapp werden. Doch dann helfen eben die Kollegen. So wie sie das auch bei extremen Wetterbedingungen tun: Wer näher an der Firma wohnt, springt in solchen Fällen spontan für andere ein, deren Weg zur Arbeit besonders lang ist.

Auch die Mitarbeiter von UPS verstehen sich als Partner, die nicht nur auf einem großen Plakat zu 50 Millionen Sendungen gratulieren, sondern auch einmal im Jahr der gesamten Belegschaft in Thief River Falls (rund 3500 Beschäftigte, weltweit über 4000) einen Tag lang Pizza spendieren. Die enge Zusammenarbeit ist für beide Seiten wichtig: Digi-Key kann so trotz der geografisch schwierigen Lage feste Lieferzeiten garantieren und beschert umgekehrt dem Logistikdienstleister ein gewaltiges Umsatzvolumen – angesichts von 800 Lieferungen, die schon jetzt pro Stunde verschickt werden.

„Not macht erfinderisch“, heißt es. Für Doherty spielt das gerade im dünn besiedelten Norden verbreitete Improvisationstalent eine wichtige Rolle bei der Besetzung offener Stellen. Denn der permanente Optimierungsprozess sowohl bei Hard- und Software als auch bei den Arbeitsabläufen beruht zu einem großen Teil auf Vorschlägen der Mitarbeiter. Von den umliegenden Schulen und Universitäten komme genügend Nachwuchs, um ohne besonderen Rekrutierungsaufwand den Fachkräftebedarf zu decken. Zudem bietet Digi-Key ein umfassendes internes Schulungs- und Weiterbildungsprogramm an.