Tücken der Bauteileversorgung beim EMS »Das System wird Mittelständlern nicht gerecht«

Felix Timmermann, Asteelflash
»Wenn die Distribution die Lagerhaltung nicht mehr übernehmen will, dann stellt sich die Frage, ob es irgendwann 
einen dritten Spieler gibt, der diese Tätigkeit übernimmt.“
Felix Timmermann, Asteelflash: »Wenn die Distribution die Lagerhaltung nicht mehr übernehmen will, dann stellt sich die Frage, ob es irgendwann einen dritten Spieler gibt, der diese Tätigkeit übernimmt.“

Bis vor Kurzem waren viele Bauteile extrem knapp und die Materialversorgung machte den EMS-Firmen das Leben schwer. Inzwischen kam, was kommen musste: Der Markt ist gesättigt, und wer sich gut eingedeckt hat, sitzt auf (zu) viel Ware. Und auch das hat Folgen.

Der altbekannte „Schweinezyklus“ hat in der Elektroniklieferkette wieder zugeschlagen: Im Jahr 1927 in einer agrarwissenschaftlichen Dissertation erstmals erwähnt, ist der Begriff inzwischen in der Wirtschaft Synonym für drastische Nachfrage- und Preisschwankungen. Bemerkenswert ist allerdings, dass Nachfrageschwankungen die Elektroniklieferkette trotz wiederkehrender Muster immer wieder vor große Herausforderungen stellen.

»Ich habe diese Zyklen schon einige Male mitgemacht und muss sagen: Wir haben anscheinend alle zusammen nichts gelernt, obwohl wir eine transparente Supply-Chain haben und vernetzt sind. Der sogenannte Peitscheneffekt ist dieses Mal genauso wieder aufgetreten«, sagt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender von Zollner Elektronik. Und er lässt auch gleich eine Erläuterung folgen: Wer 100 Stück von Produkt X bestellt hat und nur 50 bekommen hat, hat eben beim nächsten Mal 200 Stück von Produkt X bestellt, damit er die 100 Stück erhält, die er braucht. »Jetzt sind die Läger überall voll, das fängt bei unseren Kunden an«, ergänzt Rüdiger Stahl, Geschäftsführer von TQ Systems. »Da gibt es durchaus Kunden, die noch tolle Forecasts schicken und dann plötzlich stornieren, weil sie gemerkt haben, dass ihre Lager voll sind.« Somit entsteht ein Dominoeffekt, der die am meisten trifft, die weit hinten in der Lieferkette sitzen: »Wir müssen natürlich die Lieferfähigkeit gegenüber unseren Kunden sicherstellen und haben deswegen einen hohen Lagerbestand angelegt. Die Folge ist, dass wir nun Bauelemente zum Teil noch für höhere Preise vorrätig haben«, so Weber. Und das bringt die EMS-Firmen in die Bredouille, da sie die höheren Allokationspreise nicht oder nur in wenigen Fällen an ihre Kunden weitergeben können bzw. auf wenig Verständnis bei den Kunden stoßen.

Aber auch auf Lieferantenseite ist es nach Auskunft von Michael Velmeden, Geschäftsführer von cms electronics, schwierig, Gehör für die Situation zu finden: »Wir mussten ebenfalls viel Ware bestellen, die wir aufgrund der rückläufigen Forecasts nun nicht mehr in dem Umfang benötigen. Sie wird uns jetzt von den Lieferanten Stück für Stück vor die Türe gestellt«. Bei einigen Vertragspartnern sei es gelungen, eine Einigung zu erzielen, bei einigen aber auch nicht.

Weniger lieferfreudig waren die Lieferanten von cms electronics dagegen während der Verknappungsperiode, wie Velmeden berichtet: »Wir haben bei einem Distributor, der eigentlich verspricht, weltweit zu versorgen, über einen Partner in den USA die Ware gekauft, die wir hier nicht bekommen haben.« Das Beispiel zeigt, wie essenziell inzwischen eine globale Einkaufsstrategie geworden ist, die allerdings wiederum bei Lieferanten – Herstellern und Distributoren – oft nicht gerne gesehen wird. Der Grund dafür ist einfach: Es geht um die Provisionen der jeweiligen Region und teils regional unterschiedliche Margenmodelle und -höhen. »Wer global einkauft, steht vor diesem Problem«, gibt Doude Doume, VP Business Development EMEA von Sanmina, zu bedenken. Das gelingt wohl recht gut, wenn man ein großes Einkaufsvolumen hat, denn dann laufen die Geschäfte über die „oberen Etagen“. »Wir bekommen unsere Ware, denn wir haben ein sehr großes Budget im Bereich von einer Milliarde US-Dollar«, so Douma. »Aber regional springt immer wieder ein Kasper aus dem Hut, denn die Verkäufer haben regional ihre eigenen Kunden und wollen ihr Geld verdienen und ihre Kommissionen behalten.«

Also alles eine Frage der Marktmacht? »Das System wird uns als Mittelständler jedenfalls nicht gerecht«, betont Velmeden. Während sehr große Elektronikdienstleister wie Foxconn und Sanmina wenig bis gar keine Probleme bei der Versorgung haben, werden kleinere Firmen »gnadenlos beiseitegeschoben«, weiß Douma. Hinzu kommt, dass die Elektronikdienstleister sowieso bei vielen Lieferanten keine gut gelittene Klientel sind, denn die Auftragsmargen sind relativ niedrig.

Auch wenn nicht alle Teilnehmer der Markt&Technik-Diskussionsrunde schlechte Erfahrung bei der Bauteileversorgung gemacht haben, so bleibt doch die große Frage nach einem Ausweg aus dem immer wiederkehrenden Dilemma respektive Schweinezyklus: »Normalerweise müsste man ja jetzt die Chance haben, etwas zu verändern. Wir versuchen Kontakte zu Herstellern aufzunehmen, aber das wird abgeblockt von Herstellern, aber auch von Distributoren. Es ist sehr schwierig, ein offenes Ohr zu bekommen«, beklagt Velmeden.