Tücken der Bauteileversorgung beim EMS »Das System wird Mittelständlern nicht gerecht«

Ist Lagerhaltung noch zeitgemäß?

»Vor zwei Jahren hatte ich noch gesagt, wenn man ordentlich vordisponiert, kann man in 99,9 Prozent der Fälle Versorgungsprobleme abfedern«, erinnert sich Rüdiger Stahl an die Markt&Technik-EMS-Runde 2017. Zwar hatte TQ demnach wenige Versorgungsprobleme mit regulär laufenden Projekten. Aber auch dort sind die Lagerbestände momentan hoch. Wo­ran liegt das? Die Lieferanten bestanden Stahl zufolge auf verbindlichen Bestellungen, anstatt die Werkzeuge einer atmenden Supply-Chain zu nutzen: »Eigentlich ist das grotesk, denn man hat absichtlich die Flexibilisierungswerkzeuge ausgeschaltet.«

Gerd Ohl, Geschäftsführer von Limtronik, bringt den Vorschlag einer Einkaufsgenossenschaft ins Gespräch, um Kräfte zu bündeln: »Das wäre sicher interessant. Ich habe mit kleineren Marktbegleitern gesprochen, aber wenn drei oder vier sich zusammentun, ist das zu wenig.« Christian Gegner, Head of Purchasing von Epsa, hingegen meint, die Branche benötige keine Einkaufsgenossenschaften. »Wir brauchen eine gut funktionierende Distribution, die die Bedarfe bündelt und sammelt und Lagerhaltung betreibt. Aus meiner Sicht ist das per definitionem die Aufgabe der Distribution.« Teils äußern Teilnehmer der Runde auch Bedenken gegenüber Einkaufsgenossenschaften aufgrund von Compliance-Vorschriften. Die lässt Albrecht Faber, Geschäftsführer von bebro nicht gelten: »Bei Intersport funktioniert so etwas grundsätzlich ja auch. Aber sind wir doch mal ehrlich: Selbst wenn die mittelgroßen Player ihr Einkaufsvolumen zusammenwerfen, dann interessiert das doch einen Hersteller wie Murata nicht. Für den ist Foxconn wichtig, alles andere ist zu wenig.«

Wenn der EMS bei der Versorgung an die Grenzen kommt, muss bisweilen auch der OEM-Kunde des EMS die Kohlen aus dem Feuer holen. Aber auch dieses Druckmittel funktioniert nur im Fall von großen OEMs, etwa aus der Automobilindustrie. »Und so etwas ist für den Kunden natürlich auch nicht schön. Das kann man nicht jede Woche machen«, stellt Faber klar. Solche für das Kundenverhältnis invasiven Maßnahmen sind freilich nur angezeigt, wenn ansonsten ein Bandstillstand droht.

Ist die Lagerhaltung also auch in Zukunft und im Zeitalter der Digitalisierung das alleinige Mittel der Wahl, um sich vor Verfügbarkeitsmiseren zu schützen? Dazu gehen die Meinungen in der Diskussionsrunde auseinander. Albrecht Faber etwa bezieht klar Stellung pro Lagerbestände: »EMS ist ein kapitalintensives Geschäft; wenn man das nicht akzeptiert, muss man die Finger davon lassen. Bei uns zahlt es sich aus, dass wir ins Lager gegangen sind.« Felix Timmermann, VP EMEA von Asteelflash, sieht hier aber nicht die EMS selbst in der Pflicht, sondern eigentlich die Distribution: »Und wenn die Distribution die Lagerhaltung nicht mehr übernehmen will, dann stellt sich die Frage, ob es irgendwann einen dritten Spieler gibt, der diese Tätigkeit übernimmt. Das könnte z.B. ein Logistik-Dienstleister sein.« Dieter Müller, Gesellschafter von BMK, fordert in erster Linie, dass die Lieferkette und insbesondere die Distribution ihre Prozesse beschleunigt. Rüdiger Stahl sieht indes in Lagerbeständen und wachsender Flexibilität beim EMS auch einen Widerspruch: »Wir haben als TQ nichts gegen Lagerbestände, aber es müssen quasi gute und werthaltige Lagerbestände sein, und das wird immer schwieriger«, bringt es der TQ-Chef auf den Punkt. Seiner Ansicht nach ist es Aufgabe der Distributoren, in dieser Hinsicht Mehrwerte zu generieren, indem sie auf die Kundenwünsche nach mehr Flexibilität in der Lieferkette eingehen. Fakt ist: Mindestens ein Spieler – sprich: eine Branchengruppe – in der Kette muss die Lagerhaltung übernehmen. Nach Ansicht von Faber könnte dies durchaus auch der Hersteller direkt sein, schließlich habe er dann die beste Möglichkeit, bedarfsgerecht zu produzieren. Dass wenig oder keine Distributoren einen Hersteller nicht unbedingt lieferfähiger machen, zeigen Beispiele aus der Lieferkette aber ebenso. Seit 2016 haben starke Konsolidierungen in der Lieferkette stattgefunden und Hersteller haben ihr Distributionsnetz ausgedünnt. Die Verknappung von 2018 wurde dadurch jedoch nicht verhindert und die Frage ist, ob die Lieferkette dadurch wirklich schneller geworden ist. »Und eine Bill of Material besteht ja oft aus 70 oder 100 Lieferanten. Bei jedem direkt und einzeln anzufragen wäre für einen EMS absolut nicht rentabel«, gibt Douma zu bedenken.

Und inwieweit hilft die Digitalisierung heute schon, die Lieferkette zu beschleunigen? Mit EDI, Pool for Tool & Co lässt sich zumindest der Bestellprozess weitgehend automatisieren. Die Stammdatenpflege beim EMS ist ebenso ein wichtiges Kriterium. Darüber hinaus gibt es individuelle Bemühungen, zum Teil in Arbeitskreisen. Andreas Limmer, Business Manager von GPV, berichtet zum Beispiel von einem Arbeitskreis eines ERP-Anbieters, um die Kunden aus der Elektronikfertigung enger und besser zu betreuen. »Dort wird das Angebotswesen betrachtet und die Automatisierung forciert«, so Limmer. Es gibt Anstrengungen allerorten, die Lieferkette weiter zu automatisieren, darin ist sich die Runde weitgehend einig. Aber lösen die auch das Problem? »Wenn der Prozess aus dem Gleichgewicht ist, automatisieren wir das Ungleichgewicht«, stellt Velmeden fest. Er ist der Ansicht, dass die Organisation Aufgabe der Hersteller bleibt. »Wir als EMS müssen darüber nachdenken, wie wir uns in diesem System bewegen. Sonst bleibt alles beim Gleichen: Die Automatisierung von Unfug.«

Inzwischen hat sich die Verfügbarkeitslage weitgehend entspannt, bis auf wenige Engpässe im Passiv-Segment, etwa bei MLCCs mit hohen Kapazitäten und Dünnschicht-Widerständen mit kleinen Toleranzen. Aber für eine Entwarnung ist es nach Ansicht der Runde zu früh: »Ja, es hat sich entspannt, aber wir sind jetzt im Auge des Taifuns. Angeblich hat Hua­wei bereits die gesamte Produktion eines großen Passiv-Herstellers für spezifische Bauformen für 2020 aufgekauft. Der Boomerang könnte schneller kommen, als wir annehmen«, unterstreicht Jörg Planta, Business Development Manager von Neways. Soll heißen, wenn die nächste Killerapplikation am Start ist, könnte der Schweinezyklus wieder von vorne beginnen. In diesem Zusammenhang wird gerne 5G genannt. »Wenn das mal richtig anläuft, könnte es wieder knapp werden«, resümiert Planta.