Wenig Planungssicherheit in der Lieferkette Aus den Lieferengpässen nichts gelernt?

Haben alle Beteiligten aus den Lieferengpässen gelernt? »Mitnichten«, meinen die Teilnehmer des Markt&Technik-Forums »Distribution«. Denn kaum sind die Lieferzeiten kürzer, nimmt das Bestellverhalten schon wieder absurde Züge an.

Die Auftragsbücher der Distributoren und ihrer Kunden sind voll. Die Bauelemente- und Baugruppenhersteller produzieren auf Hochtouren, und die angespannte Liefersituation normalisiert sich langsam. Die Mehrheit der Komponentenhersteller könne wieder in halbwegs akzeptablen Zeitrahmen liefern, so die einhellige Meinung der Distributions-Experten. Engpässe gebe es noch bei einigen C-Teilen wie Tantalkondensatoren und Widerständen. »Wir können jetzt wieder agieren und nicht nur reagieren«, erklärt Thomas Brachtel, Managing Director Central Europe bei Future Electronics. »Die Zeit, in der wir fast nur noch Trouble Shooting betrieben haben, ist vorbei«, bestätigt Johann Weber, Vorstandsvorsitzender des EMS-Unternehmens Zollner Elektronik. Doch kaum sind die Lieferengpässe einigermaßen überwunden, scheinen auch die guten Vorsätze - vor allem mehr Planungssicherheit und eine engere Abstimmung und vertrauensvollere Zusammenarbeit in der Lieferkette - vielerorts wieder vergessen: Die Forecasts der Kunden lassen zu wünschen übrig, und Bestellungen werden so kurzfristig wie möglich abgegeben. Einige Diskussionsteilnehmer haben gar einen leicht negativen Booking-Trend festgestellt. Denn: Sind die Lieferzeiten überschaubar, sehen viele Kunden keinen Druck, sich langfristig festzulegen oder die Ware frühzeitig auf Lager zu legen und damit ihr Kapital zu binden.

Zu welch absurdem Bestellverhalten das führen kann, schildert Michael Knappmann, Regional Vice President Zentraleuropa von Avnet Abacus: Bei 40 Wochen Lieferzeit bestelle der Kunde ohne zu zögern sofort. Reduziert sich die Lieferzeit im Rahmen des Projektes beispielsweise um die Hälfte, dann komme es schon vor, dass ein Teil der Aufträge - nicht zuletzt gesteuert durch das Replenishment-System - wieder storniert wird. Die Folge: Die Auftragseingänge gehen zurück, das Book-to-Bill-Ratio, das Verhältnis von Auftragseingang und Umsatz, rutscht im schlechtesten Fall unter 1. Die Folge: Kapazitäten werden zurückgefahren und Lager reduziert. Schon könnte der Teufelskreis in die nächste Runde gehen.

So lange das Book-to-Bill-Verhältnis in der Lieferkette als der Weisheit letzter Schluss gilt, dürfte sich an der mangelnden Planungssicherheit wenig ändern, auch wenn nach Ansicht von Weber viele inzwischen gelernt hätten, die Bedeutung des Book-to-Bill-Wertes realistischer einzuschätzen und es weniger stark in die Beurteilung der Gesamtsituation einzubringen als bisher. Für ein Konsignationslager beispielsweise sei dieser Indikator vor vorne herein nicht sinnvoll.

Liegt dem derzeitigen Bestellverhalten eine verständliche Vorsicht zugrunde oder ist es schlichtweg absurd? Johann Weber sieht darin nur die logische Reaktion auf die verhaltenen Wachstumsprognosen der Analysten für 2011: So sei beispielsweise der Markt für elektronischen Baugruppen weltweit von 2009 auf 2010 um 30,2 Prozent gewachsen, deutschlandweit immerhin noch um 21,1 Prozent. Der Sprung von 2010 auf 2011 wird nach Ansicht der Auguren wohl deutlich geringer ausfallen: So prognostiziert der ZVEI für die elektronischen Baugruppen »nur« noch eine Steigerung von 6 Prozent weltweit und 5,6 Prozent für Deutschland. Für 2012 sei im zweiten Halbjahr sogar mit einem Rückgang von 10 Prozent zu rechnen. Allerdings: plus 6 Prozent seien vom Niveau des vergangenen Jahres aus gesehen eine nicht zu vernachlässigende Menge, das müsse erst einmal produziert und geliefert werden.