Kommentar Amazon – das trojanische Pferd?

Karin Zühlke, Markt&Technik
Karin Zühlke, Markt&Technik

Die Digitalisierung macht auch vor der B2B-Lieferkette nicht halt: Der Internet-Player Amazon beäugt das B2B-Komponenten-Geschäft begehrlich und will in Zukunft ein Wörtchen mitreden. Die etablierten Player sollten gewarnt sein und sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen und dabei zusehen.

Über Jahrzehnte hat sich in Europa mit Schwerpunkt Zentraleuropa eine sehr erfolgreiche Distributionslandschaft für elektronische Komponenten etabliert. Und wenn Branchen und Unternehmensmodelle erfolgreich sind, wecken sie naturgemäß Begehrlichkeiten bei anderen Branchen und Unternehmen. So verwundert es eigentlich nicht, dass die Multi-Vertriebsplattform Amazon seit einiger Zeit auch im Teich der Komponenten-Distribution fischt oder es zumindest versucht. Diese Erkenntnis förderte die Diskussion auf unseren Markt&Technik-Forum zur „Distribution & Supply Chain“ Anfang Mai zu Tage.

Der US-Riese geht wie so oft subtil und leise vor: Keine Presseerklärungen oder eine offizielle Ankündigung, in dieses Geschäft einsteigen zu wollen. Was uns dazu bisher bekannt ist, stammt aus Insider-Informationen: Mehr oder weniger unbemerkt von der Öffentlichkeit kontaktiert Amazon Distributoren und Komponenten-Hersteller, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit für den Vertrieb von Bauteilen auszuloten. Bislang sehen die meisten Hersteller und Distributoren keinen Bedarf, sich mit dem Konzern einzulassen. Denn das könnte ein durchaus gefährliches Unterfangen werden: Ist Amazon erst mal richtig im Geschäft, sitzt das Trojanische Pferd in der Lieferkette, das in der Realität der Neuzeit nicht kampfwütige Griechen sondern finanzgetriebene Strategen hervorbringt, die Margen drücken und Marktanteile gewinnen wollen.

Übrigens sollten sich nicht nur die Distributoren Gedanken über eine Konkurrenz durch Amazon machen: 2015 übernahm der Konzern mit Annanpurna Labs ein Halbleiter Start-up, das ARM-Chips u.a. für Wi-Fi-Router und Datenspeicher-Equipment entwickelt. Was soll ein Marktplatz mit einer Halbleiter-Firma? Vermutungen legten nahe, dass die Chips für den Eigengebrauch der Amazon Web-Services benötigt würden. Bisherige Akquisitionen tätigte Amazon stets für den Eigenbedarf, wie das Roboter-Unternehmen Kiva Robotics. Im Fall von Annapurna Labs ist das aber anders: Inzwischen verkauft Amazon seine Halbleiter auch an OEMs wie Netgear weiter.

Eine Gesamtstrategie, wie sich Amazon in der Komponentenindustrie künftig positionieren möchte, ist bei all dem momentan noch nicht zu erkennen. Aber wie so oft in der – ökonomischen – Historie gilt auch hier der Grundsatz: Die Zeichen der Zeit nicht zu verschlafen und rechtzeitig gegenzusteuern, damit sich Amazon nicht eines Tages als „Trojanisches Pferd“ erweist.