Reichelt feiert Geburtstag 50 Jahre Wachstum

Ulf Timmermann, Reichelt

»Amazon ist auch bei uns vorstellig geworden, aber wir haben eine Zusammenarbeit für den Business-Bereich abgelehnt. Wer im B2B-Komponenten­geschäft mit Amazon zusammenarbeitet, schaufelt sich sein Grab.«
Ulf Timmermann, Geschäftsführer von Reichelt elektronik: »Insgesamt sehe ich die Effizienz unserer Prozesse als unseren wichtigsten Differenzierungsfaktor an.«

50 Jahre in der Distributionsbranche zu überleben ist allein schon bemerkenswert. 50 Jahre Wachstum, »ohne dass wir je einen Rückschritt hinnehmen mussten«, das lässt aufhorchen.

Als im Jahr 1984 der erste Katalog mit einem Umfang von 100 Seiten herauskam, hatte Reichelt das erste Telex-Gerät bereits sechs Jahre in Betrieb. Denn Reichelt hatte immer schon Wert darauf gelegt, die neusten Kommunikationstechniken einzusetzen, um den Arbeitsablauf zu optimieren. »Wir mussten von Anfang an mit jedem Pfennig rechnen, da kam jede neue Technologie wie gerufen, über die sich kreativ einsetzen ließ, um die Effizienz zu steigern«, erinnert sich Ulf Timmermann, Geschäftsführer von Reichelt Elektronik, der als Mitarbeiter Nr. 17 im Jahr 1986 bei Reichelt angefangen hat. »So haben wir mit der Hilfe des Telex den Katalog flexibel erstellen können. Indem wir einfach die Telexstreifen neu zusammengeklebt haben, konnten wir die Seiten im Katalog austauschen.«

Auch die übrige Kommunikationstechnik befand sich an vorderster Front der Technik: Immerhin drei Telefonanschlüsse waren vorhanden. Im angeschlossenen Laden hielt Reichelt 300 Produkte vor, kam aber auch zu den Kunden: Der Chef selber verkaufte vom Lastwagen herab Antennen. Denn mit UKW-Antennenverstärkern fing alles an, mit ihnen hatten sich Klaus und Angelika Reichelt selbstständig gemacht hatte. Das war vor 50 Jahren, im Jahr der Mondlandung und des ersten Concorde-Fluges. Doch während die bemannte Raumfahrt zum Mond eingestellt wurde und auch die Concorde nicht mehr fliegt, ist Reichelt munter weiter gewachsen. 1990 erreichte der Katalog einen Umfang von 172 Seiten und 1996 platzte der alte Standort in Wilhelmshaven aus allen Nähten. Am neuen Standort Stade konnte Reichelt 10.000 Artikel lagern, 4000 m2 standen zur Verfügung.

Doch das Wichtigste: Wieder legte Reichelt größten Wert darauf, die eigenen Abläufe mithilfe der neusten zur Verfügung stehenden Technik optimieren zu können. »Wir haben von Grund auf eine vollkommen neue Fördertechnik für das Lager entwickelt. Ich kann mich deshalb noch lebhaft daran erinnern, weil ich alles bei mir zu Hause in einem ersten Entwurf aufgebaut und ausprobiert habe«, schmunzelt Timmermann. Der Prototyp, der in Timmermanns Heim seine Funktionsfähigkeit bewiesen hatte, wurde übernommen, und vier Wochen nach der Installation in dem neuen Lager konnten die letzten Kinderkrankheiten beseitigt werden, das System lief rund. Mit bemerkenswertem Effekt: »Wir konnten uns über Wachstumsschübe von 30 bis 40 Prozent pro Jahr freuen.« Dazu nur eine Zahl: Der 172-Seiten-Katalog von 1990 ist auf heute 1900 Seiten angewachsen – und er erscheint zweimal pro Jahr.
Da wundert es nicht, dass Timmermann eine weitere Innovation, das Internet, schon früh als neue Chance zur Effektivitätssteigerung betrachtete: 1996 ging der Webshop an den Start. »Ich war überzeugt davon, dass dies funktionieren würde, auch wenn man sich zu diesen Zeiten erst noch über ein Modem einloggen musste.«

Sehr schnell erhielt er aber auch eine Vorahnung davon, was im Internet sonst noch alles so passieren kann: »Plötzlich tauchte ein Hase auf dem Bildschirm auf!« Das war nicht bösartig, sondern wohl eher witzig gemeint – doch es war eine erste Hack-Attacke. Den Fall nahm Reichelt ernst, der lustige Hase hinterließ einen bleibenden Eindruck: »Seitdem ist Sicherheit ein Top-Thema für uns. Beispielsweise können wir unseren Betrieb auch heute noch vollkommen autark fahren.«

Die folgenden Jahre standen vor allem im Zeichen des weiteren Ausbaus des Standorts in Stade. 2004 wurde eine komplett neue Halle eingeweiht, denn auch in Zeiten des Webshops holen noch immer viele Kunden gerne ihre Ware direkt ab. 2011 hat Reichelt eine vollkommen neue Ebene in die Lagerhalle eingebaut, bemerkenswert deshalb, weil dies während des laufenden Betriebs geschah – ohne Beeinträchtigung des Tagesgeschäfts.

1990 übernahm Angelika Reichelt das Unternehmen und legte damit den Grundstein für ein sehr erfolgreiches Unternehmenswachstum. Die begnadete Kauffrau leitete dann 2009 ihren Ruhestand ein, der mit dem Verkauf an die Datwyler-Holding 2010 besiegelt wurde.