Reichelt feiert Geburtstag 50 Jahre Wachstum

Katalog spielt weiterhin tragende Rolle

»Wir kennen unsere wirklichen Wettbewerber schon seit vielen Jahren, jeder hat seine Stärken und wir schätzen uns untereinander durchaus. Gegen Amazon und vergleichbare Firmen sollten wir uns alle gemeinsam wehren«, so sein Fazit.

Unterdessen ist Reichelt eifrig dabei, in Europa zu expandieren. In Österreich, in den Niederlanden, in Polen und Frankreich ist das Unternehmen bereits präsent. »Jedes Jahr wird ein neues Land hinzukommen«, so Timmermann.

Dieser Erfolg kommt nicht von ungefähr. Nach wie vor spielt der Katalog eine tragende Rolle und auch das in Druck erscheinende Reichelt-Magazin kommt laut Timmermann sehr gut an. Wie schon erwähnt, hatte Reichelt daneben schon sehr früh auf das Internet gesetzt, einen Webshop aufgebaut und ihn parallel zu allen anderen Aktivitäten kontinuierlich erweitert. Außerdem setzt sich Timmermann dafür ein, weitere Möglichkeiten, die die neuen Kanäle bieten, kreativ umzusetzen. »Es gibt eben auch große Wettbewerber in unserer Branche, die pro Jahr einen Betrag für Werbung ausgeben, der unserem Jahresumsatz entspricht. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als kreativ zu sein.« Dass Kreativität gut ankommt, zeigt Timmermann am Beispiel eines YouTube-Videos, das immerhin 750.000-mal geklickt wurde, da habe Reichelt wohl mit seiner „Hands-on“-Mentalität wieder einmal den Nerv getroffen.

Nicht zuletzt aus den Rückmeldungen der Anwender über die diversen Kanäle hat Reichelt im Produktspektrum früh auf die richtigen Trends gesetzt. Mit dem Raspberry Pi, Arduino und anderen Mini-Boards traf Reichet ins Schwarze: Inzwischen ist das Unternehmen zum größten Raspberry-Pi-Verkäufer in Deutschland aufgestiegen. »Smarte Systeme sowohl für die eigenen vier Wände als auch im Geschäftsumfeld liegen voll im Trend, denn sie machen alle Abläufe effizienter und damit auch grüner. Mit dem Raspberry Pi konnten wir in Länder vordringen, die wir bisher nicht erreicht haben.«

Neben den Miniboards läuft derzeit eine weitere relativ neue Produktgruppe hervorragend: die 3D-Drucker. »Es ist ja erstaunlich, was man alles machen kann. Food-Drucker stellen Schokolade und Sachertorten her. Es gibt Kunststofffilamente, die aus recycelten PTE-Flaschen bestehen«, so Timmermann.

Der Erfolg dieser Produktlinien wird auf die Kundenstruktur nicht ohne Auswirkungen bleiben. Derzeit hat Reichelt über 500.000 aktive Kunden und der B2B-Anteil ist im Vergleich zu dem Privatkunden-Anteil mit 70 zu 30 Prozent sehr hoch.

Der Privatkunden-Anteil werde künftig aber wieder zunehmen, »wir erleben eine Renaissance der Bastler«, wie er formuliert. Wobei die Bastler aber längst nicht mehr mit denen aus der Gründungszeit von Reichelt zu vergleichen sind. Wer heute 3D-Druck als Hobby betreibt, ist durchaus geneigt, für eine gute Maschine 3500 Euro und mehr zu investieren. Auch der Erfolg der Raspberry-Pi-Linie ist wohl auf die guten Kontakte zur Maker-Szene zurückzuführen. »Wir wissen genau, wer unsere Kataloge bestellt!«, so Timmermann.

Auf einem weiteren Gebiet trägt die Zugehörigkeit zur Dätwyler-Gruppe zu Synergieeffekten bei: Vor drei Jahren hat Reichelt mit Distrelec die Marke RND aufgelegt, unter der Löttechnik und Messgeräte vertrieben werden. Mit Unitrend arbeitet RND auf dem Sektor der Messgeräte mit einem auch hier bekannten Hersteller aus China zusammen. »So können wir sicherstellen, nur qualitativ hochwertige Maschinen unter dem Label RND zu verkaufen.« Im Herbst werden hochwertige Messgeräte unter der RND-Marke mit hochauflösenden Displays auf den Markt kommen, bei denen es sich praktisch um Multimeter handelt. Wer sie herstellt, will Timmermann nicht verraten, nur so viel: »Unitrend ist es nicht.«

Insgesamt verlaufe die Zusammenarbeit mit den Herstellern in China sehr vielversprechend, vor allem auch, weil die Ingenieure von Reichelt ihnen wertvolles Feedback zu Kundenwünschen geben, sodass sie neue Geräte entwickeln können, die den Wünschen der Kunden entsprechen. »Viele Hersteller weltweit legen mittlerweile Wert auf die Meinung unserer Experten.«

All diese Faktoren haben eine wichtige Rolle dabei gespielt, dass Reichelt über nicht weniger als 50 Jahre kontinuierlich wachsen konnte. Selbst im Zeitraum 2009/10, als der Elektronikmarkt weltweit kräftig eingebrochen war.
Der Fazit von Timmermann: »Ein strenger Wind ist für uns immer günstig gewesen.« Weil Reichelt traditionell mit seinen aktuell 270 Mitarbeitern sehr schlank organisiert sei, könne das Unternehmen auch längere Preisschlachten gut überstehen, »was wir aber keinesfalls hoffen wollen.«

Was auch kommen mag, seinen Optimismus kann so leicht nichts erschüttern: »Sollte es doch in der Distribution rappeln, werden wir sehen, wer übrig bleibt«, erklärt er in einem Ton, der keinen Zweifel lässt: Reichelt wird nicht nur übrig bleiben, sondern wie gehabt den Downturn nutzen, um weiter zu wachsen und gestärkt daraus hervorzugehen.