Reichelt feiert Geburtstag 50 Jahre Wachstum

"Super gelaufen!"

Neun Jahre später findet Timmermann genau zwei Worte dafür, die alles sagen: »Super gelaufen!« Auch mit dieser Entscheidung hatte Angelika Reichelt also ein glückliches Händchen bewiesen. Denn erstens besteht Reichelt eletronik als eigene Einheit unter dem alten Namen weiter, was sich auch künftig nicht ändern wird. Zweitens hatte Dätwyler von Anfang an erkannt, was getan werden musste, um Reichelt weiter auf Wachstumskurs zu halten: »Mit einer Unternehmensgruppe im Hintergrund, die auf einen Umsatz von 1,2 Mrd. SFr. pro Jahr kommt, standen die erforderlichen Ressourcen zur Verfügung, um ins Ausland expandieren zu können. Und Dätwyler investierte sofort nach der Übernahme. »Heute liefern wir in 99 Länder. Sechs Sprachen werden gesprochen, in vier Währungen abgerechnet.«

Das machte weitere Kapazitätserweiterungen am Standort Stade erforderlich. Neue Ebenen konnten nicht mehr eingezogen werden, ein Neubau war erforderlich. Wenn schon, denn schon: Mit einer neuen Halle hat Reichelt die Fläche 2016 gleich mal verdoppelt. Jetzt werden 110.000 Artikel vorgehalten, 7000 Pakete pro Tag liefert Reichelt aus.

Und Reichelt ist dabei geblieben, die interne Logistik in Eigenregie vollkommen autonom zu betreiben, wie Timmermann erklärt: »Ob es um das Kommunikationsnetzwerk im Lager einschließlich der zugehörigen Sensorik oder ob es um die Stromversorgung geht – wir haben alles auch im neuen Lager selbstständig aufgebaut.«

Die Verwaltung, das Bestellsystem und die Lagerlogistik laufen nahtlos komplett EDV-basiert ab, 90 Prozent der Bestellvorgänge werden im System abgewickelt, es besteht ein eigenes ERP-System, von der Artikelverwaltung bis zur Auftragsbearbeitung geschieht alles einheitlich. Das schlägt sich auch im Lagerumschlag nieder: »Wir kommen auf 12 bis 13 Mal pro Jahr«, freut sich Timmermann. »Insgesamt sehe ich die Effizienz unserer Prozesse als unseren wichtigsten Differenzierungsfaktor an.«

Worauf er auch sehr stolz ist: Der Produktmix im Sortiment stimme, die Kunden bekommen alles, was sie brauchen, aus einer Hand, was sich auch im Kaufverhalten der Kunden widerspiegele: »Im Durchschnitt bestellt ein Kunde 10 Positionen und nicht nur ein oder zwei.«

Und selbst wenn er nur ein einzelnes Produkt benötige, werde er bedient: »Eine Mindestbestellmenge haben wir längst abgeschafft.« Dafür muss der Anwender aber die Frachtkosten bezahlen. Was in vielen Fällen aber nicht das Problem sei. »Wir hatten einen Kunden in Neuseeland, der ein Produkt für 91 Cent gekauft hat. Er musste allerdings Frachtkosten in Höhe von 27 Dollar bezahlen«, kann sich Timmermann erinnern. Dafür hat er aber auch genau das Relais des Herstellers bekommen, das er benötigte.

Ebenfalls stolz ist er darauf, dass nur 2 bis 2,5 Prozent der ausgelieferten Waren zurückkommen. Und die, die zurück gesendet werden, landen nicht im Abfall, sondern werden über den angeschlossenen Schnäppchen-Shop verkauft. Eines kleinen Seitenhiebes auf das Geschäftsmodell größerer Händler kann er sich da nicht enthalten: »Von zehn bestellten Produkten neun zurückgesendet zu bekommen, das geht nicht, da muss man kein Grüner sein, um das zu erkennen.« Und die Kosten dafür? »Zum Schluss zahlen die Kunden die Zeche!«

Deshalb kann er sich auch eine Zusammenarbeit mit Firmen wie Amazon nicht vorstellen: »Wer das macht, muss wissen, dass er sich in eine totale Abhängigkeit begibt und die eigene Kompetenz verliert. Wer auf Amazon-Höhe zu fliegen versucht, wird verglühen.« Wen etwa Amazon aus irgendeinem Grund nicht mehr möge, der werde schlicht nicht mehr gefunden.