Kommentar Wunsch und Wirklichkeit

Ingo Kuss, Chefredakteur Markt&Technik, IKuss@weka-fachmedien.de

Ob DSGVO oder Eichrecht: Gesetzliche Regelungen, die eigentlich zum Wohle der Verbraucher gedacht sind, haben in der Realität oft unvorhergesehene Nebenwirkungen.

Das Gegenteil von gut ist bekanntlich nicht böse, sondern gut gemeint. Das mag nicht für alle Lebensbereiche zutreffen, doch gerade bei gesetzlichen Vorgaben klaffen Intention und Wirkung oft weit auseinander. Jüngstes Beispiel ist die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die mit der ehrenwerten Absicht, die informationelle Selbstbestimmung der Bürger zu stärken, zu massiven Verunsicherungen im Büroalltag geführt hat. Da fragt sich der gesetzestreue Angestellte besorgt, ob er noch eine Visitenkarte vom letzten Kundenbesuch an Kollegen weitergeben darf, ohne seinem Arbeitgeber eine Millionenstrafe einzubrocken, während gleichzeitig die illegalen Spam-Schleudern weiterhin völlig unbeeindruckt die E-Mail-Postfächer zumüllen.  

Auch eine weitaus ältere Regelung sorgt aktuell für einiges Kopfzerbrechen: Das deutsche Eichrecht soll eigentlich verhindern, dass die Bürger mit manipulierten Messinstrumenten über den Tisch gezogen werden. Dass es damit zur Bremse beim Aufbau einer umfassenden Ladeinfrastruktur für Elektromobilität wird, war sicherlich nicht die Absicht des Gesetzgebers. Tatsächlich könnte es ab April nächsten Jahres jedoch genau so kommen. Denn Ende März 2019 läuft eine Ausnahmeregelung für Gleichstrom-Schnellladesäulen aus. Diese müssen dann zwingend mit einem geeichten Stromzähler ausgerüstet sein und zudem die entsprechenden Messergebnisse für den Verbraucher unmittelbar überprüfbar darstellen. 

Aktuell verfügbare Messlösungen für hohe Gleichströme sind jedoch bei Weitem noch nicht kompakt genug für den Einbau in eine Ladesäule. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Abrechnungsmodelle nicht für eine unmittelbare Anzeige der aufgenommenen Strommenge ausgelegt sind. Daher erfolgt die Abrechnung des Ladevorgangs auch bei messtechnisch leichter zu erfassenden Wechselstromladesäulen häufig über Pauschalen – oder sie entfällt im Falle von Gratisangeboten sogar ganz. In beiden Fällen greift das Eichrecht nämlich nicht. 

Neben den ohnehin schon nicht gerade kleinen Herausforderungen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur müssen die Betreiber sich nun also auch noch mit aufwändiger Messtechnik und komplexen Abrechnungsmodellen herumschlagen. Angesichts des auch auf absehbare Zeit eher geringen Betrugspotenzials an Ladesäulen – Spam-Mails zu verschicken dürfte weiterhin deutlich lukrativer sein – sollte eine Verlängerung der Ausnahmeregelung doch eigentlich kein Problem sein. Das wäre dann nicht nur gut gemeint.