Ghosn im Kampfmodus Wie konnte der Merger mit Fiat Chrysler verspielt werden?

Carlos Ghosn während seiner Pressekonferenz in Beirut: Er will seine Unschuld beweisen und seine Ehre wieder herstellen.
Carlos Ghosn während seiner Pressekonferenz in Beirut in vollem Einsatz: Er will seine Unschuld beweisen und seine Ehre wieder herstellen.

Carlos Ghosn kämpft, um seine Unschuld zu beweisen, und ist erstaunt, wie der Merger zwischen Renault und Fiat Chrysler scheitern konnte.

Zu aller erst sieht er sich als Opfer einer Intrige durch das Management von Nissan und der Staatsanwaltschaft Japans.  Damit sollte verhindert werden, dass Nissan von Renault übernommen werde, wie es Carlos Ghosn angeblich geplant habe.  

Das erklärte Carlos Ghosn auf seiner mit Spannung erwarteten Pressekonferenz in Beirut. Dort trat er zum ersten Mal nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Japan vor der Öffentlichkeit auf. »Ich hatte keine andere Wahl, um mich selber und meine Familie zu schützen. Es war eine schwierige Entscheidung«, sagte Ghosn. Wie die spektakuläre Flucht gelang, darüber gab er vor der eingeladenen Schar von rund 100 Journalisten – für japanische Medien arbeitende waren nicht darunter – allerdings keine Auskünfte.  

Vielmehr stellte er in einer teils sehr emotionalen Rede seine Sichtweise der Dinge klar: Er sei Geisel des japanischen Justizsystems geworden ohne die Chance auf ein faires Verfahren. Sein Verfahren sei verschleppt worden, er wäre in Japan gestorben bevor es beendet worden wäre. Der frühere CEO von Nissan und sein ehemaliger Vertrauter bei Nissan, Hiroto Saikawa, sowie das Aufsichtsratsmitglied und frühere Mitarbeiter des MITI, Masakazu Toyoda, seien an dem Komplott gegen ihn beteiligt gewesen. Er wiederholte, was er schon zuvor verlautbart hatte, dass er sich nicht der Gerechtigkeit und einem fairen Gerichtsverfahren entziehen wollte, sondern erst jetzt die Gelegenheit hätte, sich ungehindert verteidigen zu können. Er sei vor Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung geflohen.

Den Ursprung der ganzen Verwicklungen datiert Ghosn auf das Jahr 2015, als Frankreich über das »Loi Florange« seine Stimmrechte erhöhte. Das hätte beim Management von Nissan und bei der japanischen Regierung eine gewisse Bitterkeit hinterlassen. Seit dem seien seine japanischen Kollegen der Allianz und ihm mit Ablehnung begegnet.

Vor allem aber zeigte er sich erstaunt darüber, dass der angestrebte Zusammenschluss zwischen Renault und Fiat Chrysler (FCA) nicht zustande gekommen war. Er selber hätte Gespräche mit John Elkann geführt. Wie hätte man sich nur die einzigartige Gelegenheit entgehen lassen können, einen dominanten Mitspieler in der weltweiten Autoindustrie zu schaffen?  

In Japan hatte Justizministerin Masako Mori bereits Anfang der Woche erklärt, dass sie sich wohl bewusst sei, dass das japanische Justizsystem im Zusammenhang mit dem Fall Ghosn kritisiert worden sei, dass dies aber Ghosn nicht dazu berechtigt habe, das Land illegal zu verlassen. Das juristische System in Japan arbeite angemessen. Die Ausführungen Ghosns seien falsch und gäben der Welt ein falsches Bild von Japans Rechtssystem. Insgesamt hatte Ghosn eine Kaution in Höhe von 13,8 Mio. Dollar hinterlegt, die nun verloren sein dürfte.

Die japanischen Anwälte von Ghosn sehen das etwas anders. Die Haftbedingungen und auch die Bedingungen nach seiner Haftentlassung auf Kaution – hätten nicht der internationalen Menschenrechtskonvention entsprochen. Auch die Praxis in Japan, Verdächtige ohne Beistand ihrer Rechtsanwälte stundelang zu verhören, um sie für Geständnisse mürbe zu machen, widerspricht den Vorstellungen in westlichen Ländern von einem fairen Strafverfahren. Diese Praxis erklärt, warum in Japan über 99 Prozent der Angeklagten schuldig gesprochen werden.

Inzwischen hat Japan einen Interpol-Haftbefehl der höchsten Stufe gegen Ghosn erwirkt. Damit könnte er in vielen Ländern außerhalb des Libanon verhaftet werden.

In der Türkei sind sieben Personen, darunter Piloten einer privaten Fluggesellschaft, festgenommen worden, die Ghosn bei der Flucht geholfen haben sollen. Die türkischen und japanischen Behörden sollen dabei in engem Kontakt gestanden haben. Auch gegen Ghosns Frau Carole haben die japanischen Behörden einen Haftbefehl ausgestellt. Sie hätte im April dieses Jahres in Japan falsch ausgesagt. Damals war sie zur Befragung nach Japan gekommen und konnte danach wieder ungehindert ausreisen.

Hiroto Saikawa äußerte gegenüber der Presse in Tokio sein Unverständnis über die Ausführungen Ghosns. Er sei geflüchtet, weil er mit hoher Wahrscheinlichkeit für schuldig befunden worden wäre, zitiert ihn die Nikkei Asian Review. Nissan hätte sich verraten gefühlt, nachdem die Unregelmäßigkeiten Ghosns durch die interne Untersuchung bei Nissan ans Licht gekommen seien.

Ob es Spannungen zwischen Renault und Nissan gegeben habe, sei eine ganz andere Sache und unabhängig von den Vorwürfen, die Ghosn gemacht würden, erklärte Saikawa. Eine Intrige erkenne er nicht. Die Nikkei Asian Review zitiert Takahiro Saito, stellvertretender Leiter des Tokyo District Public Prosecutors Office mit den Worten, dass die Anschuldigung Ghosns, dass Nissan und die Staatrsanwaltschaft gegen ihn konspiriert hätten, als falsch und konträr zu den Fakten.  

Ghosn ließ auf der Pressekonferenz jedenfalls keinen Zweifel daran, dass er dafür kämpfen werde, seine Unschuld zu beweisen und seine Ehre wieder herzustellen.