Kommentar Warum sitzt Ghosn in U-Haft?

Für Frankreich zu japanisch, für Japan zu französisch – Carlos Ghosn ist zwischen alle Fronten geraten.

Bei Nissan haben im letzten Jahr die Alarmglocken schrill geklingelt. Das Management sah dringenden Handlungsbedarf. Eine Palastrevolution innerhalb von Nissan und der Sturz Ghosns waren die Folge. Ziel: Nissan aus der mittlerweile als unfair betrachteten Umklammerung durch Renault zu befreien und zu mehr Selbständigkeit zu verhelfen. Insbesondere nachdem im vergangenen Jahr Gerüchte aufgekommen waren, Ghosn plane im Auftrag der französischen Regierung, die Vormachtstellung Renaults in der Allianz zu zementieren.

Zwar wehrt sich Nissan gegen diese Interpretation von Ghsons Sturz. Doch ist bisher wenig geschehen, um sie zu widerlegen.

Es könnte also so gewesen sein: Ghosn hat durchaus schon früh gesehen, dass die Gewichtungen innerhalb der Allianz nicht mehr der Realität entsprechen. Insbesondere die Loi Florange hatte dem französischen Staat 2015 auf Betreiben des damaligen Wirtschaftsministers Macron Stimmrechte innerhalb von Nissan beschert, die dem Doppelten des Aktienanteils von 15 Prozent entsprechen. Weil Ghosn kein Freund dieses Gesetzes war – er lehnte zu hohe Staatsbeteiligungen aus grundsätzlichen Erwägungen ab – hatte er seit dem nicht das best Verhältnis zum heutigen Präsidenten Macron. Wahrscheinlich verstand er das Unbehagen Nissans und wollte als CEO des Unternehmens und als Leiter der Allianz von Nissan und Renault für Ausgleich sorgen. Das konnte er wohl bis zu einem gewissen Grad tun, weil die Allianz stark auf ihn zugeschnitten war. Macron hatte ihn sogar einmal zur Ordnung gerufen, indem er öffentlich sagte, dass Ghosn ein Manager aber kein Aktionär sei. Dass die französische Regierung auch unter der Führung von Macron klare Verhältnisse und damit die Führung von Renault wollte, war kein Geheimnis.

Von der französischen Regierung inzwischen als »Japanversteher« misstrauisch betrachtet, wollte Ghosn innerhalb von Nissan und der auf ihn zugeschnittenen Allianz die Wogen offenbar glätten. Deshalb hatte er zuletzt dafür gesorgt, dass sein »Ziehsohn« Hiroto Saikawa Präsident von Nissan wurde. Zudem hat er Mitsubishi in die Allianz eingebracht. Beides könnte die französische Regierung mit Skepsis als Rejapanisierung gewertet haben.

Andererseits könnte in Japan der Verdacht aufgekommen sein, dass Ghosn sich kaum gegen den Druck der französischen Regierung wehren könne. Deshalb der Verdacht, dass es einen geheimen Plan gibt, der die Machtverhältnisse demnächst im Sinne Frankreichs zugunsten von Renault regelt. Als so gefährlich hat Nissan (und wohl auch die japanische Regierung) die Lage betrachtet, dass alte Loyalitäten nichts mehr zählten. Ghosn wurde in Japan vom Helden zum Bösewicht.
 
Er ist also nicht nur zwischen die Fronten der Unternehmen geraten, sondern auch zwischen die der französischen und der japanischen Regierung, was ihn zu Fall brachte.

Ob es tatsächlich so war, kann im Moment niemand sagen. Ob ein ausgearbeiteter Plan, die Vormachtstellung Renaults ein für alle Mal zu sichern, fertig in der Schublade lag und was genau die Rolle Ghosns dabei war, wird vielleicht nie ganz geklärt werden.   

Unterdessen steckt aber Nissan selber tief in der Affäre. Denn entweder sind die Anschuldigungen gegen Ghosn berechtigt. Dann hat das Management von Nissan die undurchsichtigen Machenschaften über viele Jahre zumindest geduldet, wahrscheinlich sogar aktiv befördert. Nicht gerade ein leuchtendes aber für japanische Verhältnisse auch nicht untypisches Verständnis von guter Unternehmensführung.

Oder die Anschuldigungen stimmen nicht und Ghson wird zu Unrecht in immer wieder verlängerter Untersuchungshaft gehalten. Dann stände Nissan erst recht blamiert da und die ganze Affäre würde zudem nicht nur ein ungünstiges Licht auf japanische Corporate Governance sondern auch auf die japanische Justiz werfen.

Ist Ghosn also ein unschuldiges Opfer? Zumindest hat er offenbar nicht immer strikt zwischen privaten und Unternehmensinteressen getrennt. Inwieweit versteckte Absprachen getroffen wurden, ist noch nicht klar. Ob ein internes Netzwerk bestanden hat, über das er sich unrechtmäßig zum Schaden Nissan bereichern konnte? Ob er tatsächlich Geld veruntreut hat? Das müsste im Rahmen eines fairen Verfahrens geklärt werden.