Automobilindustrie Wachstum geht nur über neue Geschäftsmodelle und China

Bereits vor der Corona-Krise stand die Automobilindustrie vor großen Herausforderungen mit tiefgreifenden Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle. Deloitte ist sich sicher, dass aufgrund der Corona-Pandemie die Hersteller viel früher und härter getroffen werden.

»Die sich abzeichnenden Profitabilitätsrückgänge, die wir in unserer neuesten Studie sehen, werden die Hersteller durch die Corona-Pandemie früher und insbesondere stärker spüren, wenn die Umsätze massiv einbrechen, wie wir es aktuell bereits in den von uns betrachteten Märkten sehen«, sagt Dr. Thomas Schiller, Managing Partner Clients & Industries bei Deloitte.

Die aktuelle Deloitte-Studie »Future of Automotive Sales and Aftersales« untersucht in verschiedenen Szenarien die Auswirkungen der Megatrends Konnektivität, alternative Antriebe, Carsharing und autonomes Fahren bis 2035 auf Umsatz und Profit im Fahrzeugabsatz und Aftersales-Geschäft der Autobranche. Fokus der Studie sind dabei die Märkte China, USA, Japan sowie der Markt der fünf größten EU-Staaten (Euro5) Deutschland, Frankreich, Großbritannien (Übergangsregelung), Italien und Spanien. Es zeigt sich: Der aktuell wichtigste Absatzmarkt, China, wird weiter an Bedeutung gewinnen, während die größten Märkte in Europa stagnieren. »In China erwarten wir als Erstes Nachholeffekte beim Autokauf. Daher gehen wir in der aktuellen Lage weiterhin von einer großen Bedeutung des Markts für die Hersteller aus. Sie sind deshalb gut beraten, ihre Investitionen an die Wachstumsambitionen dort anzupassen«, so Thomas Schiller. Wachstumschancen ergeben sich für Autohersteller jedoch nur, wenn sie es schaffen, Veränderungen durch technologische Trends und Kundenwünsche mitzugestalten. »Digitale Kauf- und Serviceprozesse werden mittelfristig extrem an Relevanz gewinnen. OEMs brauchen also dringend eine Strategie, wie sie diesen Kundenanforderungen künftig mit ihrem Online- und Offline-Angebot gerecht werden.«

Akzeptanz für alternative Antriebe in China deutlich höher

Schon bei den Mobilitätstrends zeigen sich enorme Unterschiede zwischen den reifen Märkten und China. Im Reich der Mitte ist die Akzeptanz für alternative Antriebe wesentlich größer als in Europa oder den USA. 80 Prozent der Neufahrzeuge werden dort im Jahr 2035 voll elektrisch, als Hybrid oder per Brennstoffzelle unterwegs sein. In Europa und den USA werden es gerademal 31 bis 35 Prozent sein.

Gleichzeitig wächst der Gesamtabsatz in China deutlich, während die Märkte in den Euro5-Staaten stagnieren. »83 Prozent des künftigen Umsatzwachstums werden aus dem China-Geschäft resultieren«, sagt Schiller. Als Grundlage für die Prognose dient ein fiktiver Autohersteller mit 2,5 Millionen verkauften Neuwagen und starker Marktposition in Europa, den USA und China. Weil Kunden in China für neue Mobilitätslösungen und die Vernetzung ihres Autos offener sind als in anderen Märkten, wird sich der Umsatz dort für den fiktiven Hersteller in der Studie von 33,1 auf 74,6 Mrd. Dollar mehr als verdoppeln. Der Anteil des Neuwagengeschäfts am Gesamtumsatz geht hingegen von 76 auf 58 Prozent zurück. In den vier untersuchten Kernmärkten sinkt dieser Umsatzanteil insgesamt von 78 auf 64 Prozent. Der Rest entfällt auf Mobilitäts-Services und datengetriebene Geschäftsmodelle.

Aftersales-Umsätze brechen ein

7 Prozent des Umsatzes und rund ein Viertel des Gewinns macht ein Autohersteller im Bereich Aftersales, vor allem durch das Werkstattgeschäft der Händler und den Ersatzteilhandel. Besonders in diesem Sektor muss mit einem deutlichen Umsatzrückgang gerechnet werden. Elektroautos benötigen weniger Wartung, Ölwechsel entfallen ganz, Bremsen werden kaum beansprucht. Zudem vermeiden moderne Fahrerassistenzsysteme Unfälle, was zu weniger Reparaturen führt. Hier kann selbst der Anstieg des Fahrzeugbestands in China die Einbußen nicht wettmachen: Trotz eines Fuhrparkwachstums von rund 50 Prozent geht die Untersuchung im Aftersales von einem Umsatzeinbruch in Höhe von 10 Prozent bis 2035 aus. »Insbesondere Händler in Europa, die bereits vor der Corona-Krise mit Profitabilitätsproblemen zu kämpfen hatten, werden maximal geschwächt aus der Krise hervorgehen. Sie werden nur schwierig zu ‚retten‘ sein«, prognostiziert Schiller.

Umsätze in Leasing und Finanzierung verdreifachen sich in China

Die teils drastische Entwicklung im Aftersales-Bereich macht deutlich, wie wichtig es für Autohersteller ist, neue Geschäftsmodelle voranzutreiben. Mobilitätsdienste können um 11 Prozent zulegen und 2035 18,8 Mrd. Dollar zum Umsatz des fiktiven Autoherstellers beitragen. Das Geschäft mit dem Auto als Kommunikationsplattform, etwa indem die Mobilitätsdaten für Versicherer oder Werbung nutzbar gemacht werden, wächst zwar um jährlich 20 Prozent auf dann 6,5 Mrd. Dollar. Allerdings startet der Trend von einem sehr geringen Niveau und dürfte sich weitgehend auf den chinesischen Markt beschränken. In den meisten Regionen lassen sich die Verluste in traditionellen Geschäftsfeldern dadurch nicht kompensieren. »Fahrzeugkonnektivität wird weniger ein Wachstumsförderer als vielmehr die Basis für diverse andere Angebote sein«, erklärt Schiller. Eindeutige Wachstumstreiber sind laut Studie hingegen Finanzdienstleistungen: In China, wo Leasing und Finanzierung von Neuwagen noch stark zunehmen, werden sich die Umsätze fast verdreifachen. Aber auch in Europa, wo ein wachsender Teil der Neu- und Gebrauchtwagen geleast wird, steigt der Umsatz. Ein Hauptgrund: die Restwertgarantie, die Leasingverträge bieten.

»Unsere Studie zeigt den allgemeinen Handlungsdruck der Autohersteller auf. Dieser war bereits vor der Corona-Krise groß – sie wird den Transformationsbedarf in der Branche noch weiter verstärken«, fasst Schiller zusammen.